Wiegeln die Gender Studies Studierende auf?

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Streit um die Gender Studies : „Die Frau im Singular gibt es nicht“

Die Gender Studies werden in rechten Zirkeln oft als Teil von „Gendermainstreaming“ kritisiert. Ziel der Bürokratie auf Bundesebene, der EU und der Vereinten Nationen sei es, die Geschlechterunterschiede zu nivellieren und über eine „politische Geschlechtsumwandlung“ einen „neuen Menschen“ zu erschaffen. Was geht hier vor?

Die Gender Studies haben überhaupt nichts mit Gendermainstreaming zu tun – außer, dass sie über Sinn und Unsinn des Gendermainstreaming forschen können. Beim Gendermainstreaming fragt die Politik: Welche Folgen hat es auf die Lebensweise von Frauen und Männern, wenn wir eine Landstraße bauen oder einen neuen Park anlegen. Dabei wird in der Tat nicht angenommen, dass Frauen und Männer „nun mal so sind“. Das Verständnis ist also wie bei den Gender Studies post-naturalistisch, d.h. offen und empirisch. Damit enden die Gemeinsamkeiten dann aber auch schon. Was genau mit „politischer Geschlechtsumwandlung“ gemeint sein soll und worauf in der Forschung sich das bezieht, das hat mir noch niemand schlüssig darlegen können.

Womit befassen sich Genderforscherinnen denn typischerweise? Und wie einflussreich ist das Gebiet an den Hochschulen?

Die Gender Studies sind kein Fach, sondern ein multidisziplinäres Feld. Zwar gibt es einzelne Professuren, Studiengänge und Zentren dafür, aber alle forschen letztlich wesentlich aus ihrer jeweiligen Disziplin heraus. In der Biologie kann es hier um Epigenetik gehen, in den Medienwissenschaften um Kriegsfotografie in Abu Ghraib oder TV-Serien, in den Sozialwissenschaften um die Untersuchung von Arbeit oder Armut. Besonders einflussreich ist das Gebiet trotz der großen Aufmerksamkeit, die es auf sich zieht, an den Hochschulen nicht. Nur circa 0,4 Prozent aller Professuren sind explizit auch für Gender Studies zuständig.

In der „Emma“ und in dem viel diskutierten Sammelband „Beißreflexe“ werden Exzesse in der linken queer-feministischen Szene kritisiert. Auch an der Universität würden in Gender Studies geschulte Studierende andere niedermachen und ihnen Sprechverbote erteilen, etwa, wenn diese „weiße Cis-Männer“ nicht kritisch sehen oder sich ihrer eigenen „Privilegien“ nicht bewusst sind. Herrscht in den Gender Studies Scharfmacherei?

Es gibt sicherlich eine politische Szene, die sich von diesem Bereich besonders angezogen fühlt. Wenn andere im Seminar diffamiert werden, müssen wir Lehrende intervenieren. Das ist aber in meiner Erfahrung nur ausnahmsweise nötig. Meistens ist es anregend, wenn Studierende ihre politischen Anliegen ins Seminar einbringen. Diese müssen dann in eine wissenschaftliche Logik überführt werden – statt Vor-Urteile methodisch kontrollierte Fragen, statt politischer Programme solide Theoriearbeit, statt Vor-Annahmen gute Empirie, statt Rechthaben gute Argumente in der pluralistischen Debatte. Das heißt nicht, alle politischen Anliegen aus dem Seminar zu verbannen, sondern den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft kritisch zu erfassen. Das einzuüben ist der normale Lauf eines Studiums, übrigens in vielen Disziplinen. Studierende, die in Chiffren sprechen, müssen diese erklären. Sowieso. Auch das ist ein normaler Teil unserer Ausbildung. Generell sollte sich die Hochschule mit allen möglichen politischen Positionen auseinandersetzen und sie nicht zensieren. Genau das geschieht auch.

Was müsste geschehen, damit die Gender Studies nicht länger so heftig öffentlich kritisiert werden?

Die Gender Studies müssen klarmachen, dass sie völlig geerdet forschen. Sie erfinden nichts, sondern die Geschlechter und ihre Vielfalt, der gender trouble und die Verwobenheit von Natur und Kultur sind eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die wir untersuchen. Dabei können wir uns als Feld durchaus noch stärker professionalisieren – wir sind hoffentlich auf gutem Wege dazu. Generell muss aber auch klar sein, dass Wissenschaft – egal welche – eine Eigenlogik hat. Sie muss sich nicht ständig erklären und rechtfertigen. Der anti-intellektuelle Druck führt derzeit zunehmend dazu, dass erwartet wird, die Wissenschaft müsse immer für wirklich alle verständlich kommunizieren. Das ist eine Falle. - Paula-Irene Villa, 49, ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Fragen stellte Anja Kühne.

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