Auf die Adrenalin-Ausschüttung folgt Cortisol, das uns aufmerksam hält

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Stressforschung : Warum wir den Druck brauchen

Im Gehirn wird eine Reaktionskette ausgelöst, sagt Hüther. Das Nervensystem signalisiert dem Nebennierenmark, Adrenalin auszuschütten, Blutdruck, Puls, Hautwiderstand und Muskelaktivität steigen, die Darmtätigkeit ist gehemmt. Der Körper ist in Alarmbereitschaft. Mit „fight or flight“, Kampf oder Flucht, hat Walter Cannon, der zweite große Pionier der Stressforschung neben Selye, diese Reaktionen 1915 beschrieben – es geht um eine subjektive Bewertung von Gefahr. Frauen scheinen dabei allerdings weniger heftig zu reagieren als Männer und neigen zur Bewältigung offenbar auch eher zur Bildung von sozialen Netzwerken, wie neuere Studien der amerikanischen Psychologin Shelley Taylor nahelegen. „Tend and befriend“, Hüten und Befreunden, statt „fight or flight“, wohl evolutionär bedingt: Mit Nachwuchs kämpft und flüchtet es sich einfach schwerer.

Etwa zehn Minuten nach der Adrenalinausschüttung folgt dann Cortisol, das den Körper vor den ungünstigen Folgen einer zu langen Hochaktivierung durch Adrenalin schützen soll und gleichzeitig für eine erhöhte, länger anhaltende Wachsamkeit auf einem niedrigeren Niveau sorgt. Weil Adrenalin schwer messbar ist, wird häufig die Cortisolkonzentration im Speichel für Messungen des Stressniveaus herangezogen.

Stress bedeutet damit zunächst einmal nicht mehr, als dass der Körper in der Folge einer wahrgenommenen Belastung besonders leistungsbereit ist – eine Mobilisierung, die nicht nur bei einer Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit nützlich ist. „Ohne Stress würden wir uns gar nicht weiterentwickeln“, sagt Gerald Hüther. Belastung stärkt, Belastung stählt. Ein Immunsystem, das immer nur geschont wird, weiß nicht, wie es Angriffe abwehren soll. Wer keine Rückschläge erleidet, keine Krisen meistert, kann nicht über sich hinauswachsen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Kurz: Wer keinen Stress erlebt, hält nichts aus.

Auch Helen Heinemann, Gründerin des privaten „Instituts für Burnout-Prävention“ in Hamburg, kann Stress viel abgewinnen: „Da bin ich superwach, superkonzentriert und kann alles, was unwichtig ist, fallenlassen“, sagt sie, ein „Wohlgefühl“ sei das, zunächst. Schwierig wird es, wenn sie die aufgebaute Spannung nicht zeitnah abbauen kann, sagt die Pädagogin mit psychotherapeutischer Ausbildung. Wegrennen, schreien, sich auf einen Baum retten: Im Büro geht all das nicht. Wir erleben zwar körperlich das Gleiche wie unsere Vorfahren in der afrikanischen Savanne, doch unsere Bewältigungsstrategien müssen zwangsläufig andere sein – wohldosierte Pausen zum Beispiel.

Heinemann bietet auf Initiative der Techniker Krankenkasse seit 2006 bundesweit Seminare an, die einem „tiefgreifenden emotionalen Erschöpfungszustand“ vorbeugen sollen. Mehr als 1100 Teilnehmer hat die Autorin des Buches „Warum Burnout nicht vom Job kommt“ geschult, vor allem Akademiker, die ihrem Wunschberuf nachgehen, aber aus der Balance geraten sind. „Im Adrenalinrausch merkt man einfach nicht, dass man auch Pausen machen muss“, sagt Heinemann, Auszeiten im Arbeitstag und im Arbeitsleben. Das Problem sei weniger die beklagte Verdichtung der Arbeit, sondern der Umgang damit: „Es sind die Leute selbst, die nicht Stopp sagen.“

Beim Stressreport 2012 etwa haben mehr als ein Viertel der Befragten angegeben, häufiger Pausen ausfallen zu lassen, obwohl diese nachweislich die Leistungsfähigkeit steigern. Für Heinemann auch ein Problem der vorherrschenden Arbeitskultur. Pausen und Leistung vertragen sich für die Deutschen nicht. In ihren Seminaren bemüht die Therapeutin häufig die Schöpfungsgeschichte: „Und Gott sah, dass es gut war“, heißt es da immer wieder. Das ist ein Selbstlob, ein Innehalten nach getaner Arbeit – ein Vorbild, auch für Nicht-Christen.

Es ist die Dosis, die das Gift macht, auch beim Stress, entscheidend sind Dauer und Intensität. So wirkt ein gewisses Maß an körperlicher Erregung beispielsweise positiv auf die Gedächtnisleistung. Ein hoher Stresslevel dagegen führt zum Gegenteil – wenn auch einige Studien nahelegen, dass Reize, die gedanklich mit der Gefahr verknüpft sind, dann besser behalten werden. Extreme Stresssituationen aber können sogar zu einem Verlust der Erinnerung führen, zu einer psychogenen Amnesie. Und Dauerstress, darin sind sich die Forscher einig, wirkt schädlich auf den gesamten Organismus.

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