Warum Gestresste klagen, aber nicht ihr Leben ändern

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Stressforschung : Warum wir den Druck brauchen

Der amerikanische Neuroendokrinologe Bruce McEwen sieht das Gehirn als „zentrales Organ der Stressreaktion“, das sich der Daueraktivierung durch eine Veränderung der neuronalen und neurochemischen Strukturen anpasst. Das wiederum erhöht das Risiko von depressiven Verstimmungen, erhöhtem Blutdruck, verminderter Leistungsfähigkeit und anderen mit anhaltendem Stress verbundenen Langzeitfolgen – Gesundheitsschäden für den Einzelnen und die Gesellschaft, die sich vermeiden lassen.

Dass so viele Gestresste sich trotz wiederholten Klagens schwertun, ihr Leben zu ändern, ist auch ein Resultat des Strebens nach Anerkennung. Man will jemand sein, sich etwas leisten können. Und vieles an ihrer Arbeit mache den Leuten, die zu ihr kommen, auch Spaß, sagt Heinemann. Sie sind im „Flow“, so der Begriff, den der Psychologe Mihaly Csykszentmihalyi 1975 prägte. Wer eine Tätigkeit erledigt, die er als in idealem Maße fordernd erlebt, empfindet eine tiefe, alles andere ausblendende Freude – ein Hochgefühl, das nicht selten dazu führt, dass das eigene Leben nur noch auf dieser einen Säule, dem Job, ruht. Auch weil sich die berufliche Rolle durch eine Klarheit auszeichnet, die es im Privatleben oftmals nicht gibt. Bei den meisten, die zu Heinemanns Seminaren kommen, ist die empfundene Überbelastung am Arbeitsplatz nur auf den ersten Blick das Problem.

Verschärft haben sich die Lebensbedingungen, die an uns zerrenden Belastungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht - man denke nur an die Herausforderungen des Lebens in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber die Bewertung ist eine andere. Von einem „Machbarkeitswahn“ spricht Heinemann, von dem Gefühl: Jeder ist seines Glückes Schmied, trägt damit aber auch die Bürde des Scheiterns allein. Wer alles werden, alles erreichen kann, das aber dennoch nicht schafft, ist selbst schuld. Dabei stecken oftmals ungünstige Bedingungen dahinter, womöglich ein falscher, weil nicht passender Job.

Für Gerald Hüther ist Vertrauen deshalb eines der wichtigsten Mittel gegen Stress, auf dreierlei Ebenen: Vertrauen in eigene Kompetenzen, gestärkt durch das Überwinden von schwierigen Situationen. Vertrauen in das große Ganze, positive Erwartungen an das Leben, „Sinnhaftigkeit“, wie es in Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese heißt. Und Vertrauen in andere, in Familie, Freunde, Vertraute, „psychosoziale Unterstützung“, wie Psychologen es nennen. Wenn dieser „dreibeinige Hocker“, wie Hüther sagt, stabil steht, „kann man da auch mit einem 50-Zentner-Sack hochsteigen“. Wenn die Beine dagegen dürre sind, der Hocker klapprig, reichen schon fünf Kilo, um einzubrechen.

Dass der soziale Zusammenhalt entscheidend beeinflusst, wie gestresst sich jemand fühlt, erscheint vor allem Schüchternen einleuchtend, ist aber tatsächlich noch ein relativ neues Forschungsgebiet. Erst seit etwa 15 Jahren beschäftige man sich verstärkt damit, sagt Jan Häusser, Psychologe an der Universität Hildesheim. Er will gemeinsam mit Andreas Mojzisch, Professor für Sozialpsychologie, herausfinden, wie sehr die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Studenten stabilisiert. Die Annahme hinter dem Langzeitprojekt, das sich bis 2015 mit dem „Wir-Gefühl in sozialen Gruppen“ beschäftigt: Je größer die Identifikation eines Studenten mit seiner Bezugsgruppe ist, desto besser gelingt es ihm, mit dem Stress in der Ausbildung umzugehen. Als „Stresspuffer“ funktioniert die Gruppe allerdings nur, wenn man sich ihr zugehörig fühlt, sagt Häusser, durch gemeinsame Ziele etwa oder durch Ähnlichkeiten in Alter, Einstellungen, Vorlieben. Nur dann werden die Unterstützungsangebote der anderen als wohlwollend empfunden und nicht als Vorwurf interpretiert, man sei nicht in der Lage, das Problem allein zu lösen.

Für Stressforscher McEwen gehört soziale Unterstützung zu den eigentlich „einfachen und offensichtlichen“ Maßnahmen, mit denen man den schädlichen Langzeitfolgen von Dauerstress entgegentreten kann. Viel Schlaf, guten Schlaf, zählt er auch dazu, gesunde Ernährung, sportliche Betätigung, eine positive Lebenseinstellung. Doch so einfach sei es für die meisten Menschen dann eben doch nicht: Mancher braucht dabei professionelle Hilfe oder muss seinen Job wechseln. Und mancher betäubt die Folgen des schädlichen Lebensstils lieber mit Tabletten und schimpft auf den schlimmen Stress.

Hans Selye hat in einem Fernsehinterview einmal erklärt, seine Philosophie sei es, nur auf dem Stresslevel zu arbeiten, für das er geboren sei. „Ich habe ein recht intensives Bedürfnis zu arbeiten“, sagte Selye. „Ich brauche die Arbeit. Ich könnte ohne sie nicht existieren. Aber ich kämpfe nicht für Dinge, die ich nicht gewinnen kann.“ Anstatt den Stress grundsätzlich zu verteufeln, könnte es Menschen also helfen, ihn als eine Hilfe zu verstehen und als Mahnung, die eigenen Grenzen zu kennen und zu achten, seine Kräfte einzuteilen. Aber ganz abschaffen wollte er den Stress nie, sagt Selye. „Nur die Toten haben keinen Stress.“

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