• "Stunde der Wintervögel": Zählaktion: Weniger Vögel in Deutschlands Gärten und Parks

"Stunde der Wintervögel" : Zählaktion: Weniger Vögel in Deutschlands Gärten und Parks

Eins der großen Bürgerwissenschaftsprojekte ist die "Stunde der Wintervögel". Ergebnis dieses Jahr: ein Minus. Auch eine andere Studie belegt einen Rückgang.

Äpfel sind bei Amseln beliebte Energiespender im Winter. Gerade diesen Vögeln machten im vergangenen Jahr eine Virusepidemie und der trockene Sommer zu schaffen.
Äpfel sind bei Amseln beliebte Energiespender im Winter. Gerade diesen Vögeln machten im vergangenen Jahr eine Virusepidemie und...Foto: Karl-Josef Hildenbrand/DPA

Die Auswertung einer alljährlichen Zählaktion weist darauf hin, dass in Deutschlands Gärten und Parks in diesem Jahr weniger Vögel als in den Vorjahren leben. Zehntausende Naturliebhaber meldeten im Januar im Schnitt 37 Einzeltiere, die sie bei der Zählaktion «Stunde der Wintervögel» innerhalb von 60 Minuten beobachteten, teilte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) am Mittwoch mit. «Das ist die zweitniedrigste Zahl nach dem Rekordminus von 34,4 im Jahr 2017», sagte Bundesgeschäftsführer Leif Miller. 2011 seien noch knapp 46 Vögel pro Garten gemeldet worden. Am häufigsten zu sehen waren 2019 Haussperlinge, gefolgt von Kohlmeise, Feldsperling, Blaumeise und Amsel.

Sorge um die Amsel

Sorgen macht den Nabu-Vogelschützern vor allem die Amsel. Nur 2,67 Vögel pro Garten wurden 2019 gezählt, das bisher niedrigste Ergebnis überhaupt. «Der sehr trockene Juli 2018 war schlecht für das Überleben der Jungvögel, da die Amseln kaum Regenwürmer finden konnten», sagte Nabu-Experte Lars Lachmann. Doch der Hauptgrund könnte die im Sommer 2018 grassierende Usutu-Epidemie sein. Das Virus aus Afrika, das vermutlich über Zugvögel eingeschleppt wurde, sorgt seit Mitte der neunziger Jahre für kleinere Ausbrüche unter Vögeln in Europa, die oft mit einem Amselsterben einhergehen.

Der Grund für das verstärkte Ausbleiben der Vögel könnte aber auch der relativ milde Winter sein. «Damit kommen weniger Vögel in die Gärten, weil sie in schneefreien Wäldern noch genug zu fressen finden», ergänzte Miller. Ob ein tatsächlicher Rückgang der Bestände die Ursache sein könnte, müsse aufmerksam verfolgt werden. In diesem Jahr hatten 138 000 Naturliebhaber die Ergebnisse ihrer Zählungen an den Nabu gemeldet. Das war ein neuer Teilnehmerrekord. Die "Bürgerwissenschafts"-Mitmach-Aktion hatte es im Jahr 2011 erstmals gegeben.

Weniger Besuch aus dem Norden

Vor allem die klassischen Futterhausbesucher wie Kohlmeisen, Blaumeisen, Sumpf- und Tannenmeisen ließen sich in diesem Winter seltener sehen. Doch auch die Zahlen anderer Waldvögel wie Kleiber, Eichelhäher, Buntspechte und Gimpel liegen niedriger als im langjährigen Mittel. Offenbar seien auch weniger Vögel aus dem Norden und Osten Europas nach Deutschland gekommen, da der Winter in ganze Europa bisher eher mild war, folgert der Nabu. Im Sommer wird es, auch wie jedes Jahr, eine "Stunde der Gartenvögel" mit ähnlichem Konzept geben.

Laut einer anderen Studie hat die Zahl der Feld- und Wiesenvögel in Europa in den letzten Jahrzehnten insgesamt dramatisch abgenommen. Der Bestand ging vom Beginn der Zählungen ab 1980 bis 2016 um 57 Prozent zurück, wie aus Daten des europaweiten Vogelmonitoringprogramms PECBMS hervorgeht. Von dem Rückgang betroffen waren zum Beispiel der Kiebitz und die Goldammer, ein typischer Bewohner der Feldmark mit Acker- und Grünland.

Landwirtschaft schadet Vögeln

Als Hauptgrund für die Entwicklung sieht Petr Vorisek, der an dem Projekt beteiligt ist, die Intensivierung der Landwirtschaft. «Man sollte Agrarsubventionen so ausrichten, dass eine naturnahe Landwirtschaft gefördert wird», sagte der Zoologe von der Tschechischen Ornitologischen Gesellschaft am Mittwoch. Zudem seien die Auswirkungen des Klimawandels immer stärker spürbar.

Für die Studie wurden Daten aus 28 Ländern zu über 170 Arten zusammengetragen. Europaweit beteiligten sich tausende ehrenamtliche Helfer an der Erfassung der Brutvögel. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird in Deutschland mehr als die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt.

Weit besser als den Feldvögeln erging es den Waldvögeln, deren Bestand im beobachteten Zeitraum nur um sechs Prozent zurückging. Eine moderate Abnahme war unter anderem bei Tannenmeisen, Erlenzeisigen und Wintergoldhähnchen zu verbuchen. Die Zahl der Grauspechte und Kleiber nahm sogar leicht zu. (dpa)

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