Terrorismus-Psychologie : „Held über Nacht“

Nach jedem Terrorakt stellt sich die Frage neu: Warum tun Menschen so etwas? Der Psychologe Arie Kruglanski sucht Antworten.

Barbara Nolte
Sog der Gewalt. Terroristen wollen Gleichgesinnten gefallen. Und sogar Attentäter, die alleine handeln, fühlen sich doch immer einer Gruppe oder Ideologie zugehörig, selbst wenn sie dafür eine neue gründen oder erfinden müssen.
Sog der Gewalt. Terroristen wollen Gleichgesinnten gefallen. Und sogar Attentäter, die alleine handeln, fühlen sich doch immer...Foto: REUTERS/Zain Karam

Herr Kruglanski, der IS ist so gut wie besiegt. Dennoch gibt es in seinem Namen immer noch Terror – wie zuletzt die Geiselnahme im Supermarkt in Carcassonne. Wie ist das zu erklären?

Der Glanz des Islamischen Staates ist matter geworden, seitdem die Bewegung fast geschlagen ist. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg – das gilt auch für Terrorgruppen. Doch gibt es auch die umgekehrte Reaktion: dass manche Menschen ihre Zweifel, die zwangsläufig aufkommen, wenn man auf der Verliererseite steht, bekämpfen, indem sie alles versuchen, um neue Mitstreiter zu rekrutieren.

Auch in Deutschland berichten Sozialarbeiter, dass Jugendliche immer noch in die islamistische Szene abdriften.

Der radikale Islam ist einfach sehr anziehend.

Mit all seinen Grausamkeiten müsste er doch eher abschreckend sein.

Es gibt einen psychischen Mechanismus, der es ermöglicht, das Leiden anderer nicht an sich heranzulassen: indem man den Betroffenen abspricht, vollwertige Menschen zu sein. Der radikale Islam offeriert einen sehr schnellen Weg, ein bedeutsames Leben zu führen, was wir alle wollen. Der normale Weg dorthin ist lang: Man muss studieren, in Wettbewerb mit anderen treten und so weiter. Der Dschihadismus bietet eine Abkürzung an: Held über Nacht. Hinzu kommt, dass man dadurch seine Abenteuerlust befriedigen kann.

Sie machen psychologische Grundlagenforschung zum Thema Terrorismus, dazu haben Sie in Washington ein nationales Zentrum mitgegründet.

Wir in den USA denken erst seit den Anschlägen auf das Word Trade Center ernsthaft über gewalttätigen Extremismus nach. Anders als Deutschland, das ja viel Erfahrung im Umgang damit sammeln konnte: vom Dritten Reich bis heute.

Wollen Sie damit sagen, dass die Abermillionen NSDAP-Mitglieder in ihrer psychischen Disposition nach dem Krieg mit IS-Heimkehrern vergleichbar sind?

Durchaus. Meine Mitarbeiter und ich haben ehemalige Untergrundkämpfer in vielen Ländern analysiert: von den Philippinen über Sri Lanka, Marokko bis zu den deutschen Neonazis. Unsere Forschung ist die weltweit einzige, die sich den Prozess der Deradikalisierung systematisch anschaut. Unser Ergebnis: Überall verläuft er ähnlich.

Wie denn genau?

Deradikalisierung funktioniert wie Radikalisierung, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Deshalb ist es sinnvoll, sich erst mal anzuschauen, warum sich Menschen extremistischen Ideen verschreiben. Es gibt soziologische und auch politische Erklärungsmodelle. Doch letztlich ist es das Individuum, das sich dafür entscheidet, sich einer Terrorgruppe anzuschließen: andere zu töten und sein eigenes Leben zu riskieren. Also muss man die psychologische Motivation des Einzelnen beleuchten.

Der Psychologe Arie Kruglanski (79) erforscht am Nationalen Exzellenzzentrum START in Washington D.C. die Motivation von Extremisten
Der Psychologe Arie Kruglanski (79) erforscht am Nationalen Exzellenzzentrum START in Washington D.C. die Motivation von...Foto: privat

Da kursieren verschiedene Gründe: Rache, die Aussicht, in ein Paradies zu kommen, eine Faszination für eine Führungsfigur ...

Das mag alles eine Rolle spielen. Unsere Forschung hat ergeben, dass dahinter das psychologische Bedürfnis steckt, wichtig zu sein. Zwei weitere Komponenten müssen hinzukommen, damit eine explosive Mischung entsteht, die Radikalisierung produzieren kann: ein entsprechendes Narrativ und ein Netzwerk.

Mit Narrativ meinen Sie eine Ideologie.

Ja, das Narrativ sagt dem Einzelnen, wie er Bedeutsamkeit erlangen kann: nämlich indem er eine Person oder Gruppe, die der eigenen Gruppe vermeintlich etwas angetan hat, bekämpft. Das Netzwerk – Freunde, Familie, der charismatische Führer – müssen die Idee wertschätzen.

Manche Attentäter sind Einzelgänger.

Sehr wenige. Und wenn, dann haben sie eine virtuelle Gruppe hinter sich: Es kann ein Chatroom im Internet sein oder eine Eins-zu-eins-Beziehung über das Netz zu einem Kleriker. Selbst ein Eremit wie der Unabomber, der allein in den Wäldern Montanas lebte, erfand eine Umweltschutzbewegung, die er repräsentierte.

Ein neues Forschungsprojekt führt Sie nach Deutschland. Dabei geht es um die Anfälligkeit von syrischen Flüchtlingen für islamistische Ideen.

Unsere These lautet: Am Anfang sind Flüchtlinge voll damit beschäftigt, sich um ihr Überleben, ihr Auskommen zu kümmern. Nachdem sie sich physisch im neuen Land relativ sicher fühlen, setzt eine Frustration ein. Sie haben ja ihre Stellung im Leben verloren, ihren Besitz, ihr Netzwerk. Das ist der Punkt, an dem sie verführbar sind von Extremisten, die Bedeutsamkeit versprechen.

In welchen Unterkünften forschen Sie?

Insgesamt umfasst die Studie eine Handvoll Länder. Wir sind noch bei den Voruntersuchungen. Dazu waren wir im Nahen und Mittleren Osten. Dort stießen wir unter den Flüchtlingen auf zwei Typen: die in den Camps und die, die außerhalb Jobs gefunden hatten, die es ihnen ermöglichten, in den Städten zu leben. Die in den Camps sind frustriert und dadurch kampfbereiter. Die, die irgendein Arrangement außerhalb haben, sind friedlicher.

Mitarbeiter von Anti-Radikalisierungsnetzwerken sagen, dass es sich bei fast allen Hinweisen auf Extremismus unter Flüchtlingen um falschen Alarm handeln würde. Als gefährlich gelten die Heimkehrer aus dem IS-Gebiet. Gibt es irgendwo auf der Welt ein Vorbild, was man tun kann, damit sie der Gewalt abschwören?

In Sri Lanka gewährte uns die Regierung Zugang zu Internierungslagern, wo wir 12 000 ehemalige Kämpfer der tamilischen Tiger ein Jahr lang befragten, um ihre Einstellung zu messen. Tatsächlich wurden sie immer weniger radikal. Die Ausgangslage war ähnlich wie jetzt beim IS. Die tamilische Unabhängigkeitsbewegung war besiegt. Die Option, durch Militanz Bedeutsamkeit zu erlangen, gab es nicht mehr. Deshalb wählten die meisten einen anderen Weg: Sie lernten einen Beruf, eine Sprache oder nahmen Jobs, die die Regierung ihnen gab, dankbar an.

Gab es besondere Methoden, die eine Deradikalisierung begünstigten?

Es erwies sich als wirksam, die Ideologen vom Fußvolk zu trennen, also das Netzwerk zu zerstören. So wurden die weniger Indoktrinierten offener für andere Argumente.

Hieße das, auf Deutschland bezogen, dass es wirksam wäre, salafistische Moscheen zu schließen?

Das ist ein Dilemma: Wenn wir Moscheen ins Visier nehmen, mischen wir uns sehr stark in die Belange der muslimischen Community ein. Dadurch fühlen sich manche erniedrigt, was wiederum den Radikalen in die Hände spielt.

Zu den Rückkehrern: Sollen sie Ihrer Ansicht nach vor Gericht gestellt werden oder soll der Staat tolerant sein und sie bei einem Neuanfang unterstützen?

Ob man sie vor Gericht stellen kann, hängt davon ab, ob sie eine Straftat begangen haben.

Einer terroristischen Vereinigung anzugehören, ist in Deutschland bereits ein Verbrechen.

Das ist wieder eine heikle Frage. Die Veteranen des Krieges gegen die Sowjets, die Mudschaheddin, waren die entscheidenden Figuren bei der Radikalisierung Asiens und der arabischen Welt. Sie genießen große Autorität. Die können sie aber auch einsetzen, um andere davon abzuhalten, militant zu werden. Die besten Mitarbeiter in Aussteigerprogrammen waren früher selbst radikal. Andere dazu zu bewegen, der Gewalt abzuschwören, verleiht ihnen Bedeutsamkeit. Der normale Alltag hat davon nicht viel zu bieten. Wir haben kürzlich einen tamilischen Tiger interviewt, der vorher Kämpfer war und jetzt als Übersetzer arbeitet. Wir fragten ihn, wie es ihm gehe. Er sagte, o. k., aber besser habe er sich gefühlt, als er noch Kämpfer war.

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