• Themenschwerpunkt Brustkrebs: Medizingeschichte: Der dunkle Herrscher verliert an Macht

Themenschwerpunkt Brustkrebs : Medizingeschichte: Der dunkle Herrscher verliert an Macht

Brustkrebs ist die älteste beschriebene Tumorart – seit der Antike gibt es Theorien zu seiner Entstehung. Die Therapie war lange martialisch.

Diese Zeichnung aus dem Jahre 1603 zeigt eine Brustentfernung und die anschließende Kauterisierung der Wunde mit glühendem Metall.
Diese Zeichnung aus dem Jahre 1603 zeigt eine Brustentfernung und die anschließende Kauterisierung der Wunde mit glühendem Metall.Quelle: Wellcome Collection gallery

Für den amerikanischen Arzt und Autor Siddhartha Mukherjee ist Krebs der "Kaiser aller Krankheiten". Wenn das so ist, dann ist der Brustkrebs der König aller Krebsarten. Er ist nicht nur bis heute die häufigste lebensbedrohliche Tumorart bei Menschen (nur Hautkrebs, aber vor allem der meist nicht lebensbedrohliche weiße Typ, kommt noch öfter vor), sondern auch der, für den es die ersten historischen Beschreibungen überhaupt gibt. Bis vor relativ kurzer Zeit war er ein dunkler, unerbittlicher Herrscher. Seit Jahrtausenden versuchen Ärzte, ihm beizukommen. Erst in den letzten Jahrzehnten gelingt dies immer besser.

Die ältesten Dokumente über Brustkrebs sind nicht viel jünger als die ältesten beschriebenen Papyri überhaupt. Der nach dem Antikenhändler, der ihn in Luxor von einem Ägypter erwarb, benannte "Papyrus Edwin Smith" beschreibt wahrscheinlich mehrere Fälle und deren Therapie: ein Ausbrennen, vermutlich mit einem heißen Eisen. Er nennt die Krankheit aber "ein Leiden, dass nicht geheilt werden kann". Auch Salben aus Kuh-Hirn, Wespen-Ausscheidungen und anderen Insektenfäkalien sind in Papyri erwähnt.

Dass Brustkrebs die älteste beschriebene Tumorart ist, liegt nicht nur an seiner Häufigkeit. Er ist schlicht auch tastbar und irgendwann auch sichtbar – ganz im Gegensatz zu anderen Krebsarten, die tief im Körper sitzen und die Betroffene ohne äußerlich sichtbare Zeichen dahinsiechen lassen. Ärzte von der Antike bis in die Renaissance entwickelten die verschiedensten Theorien dazu, warum die Krankheit entstand. Die berühmtesten waren dabei nicht unbedingt die cleversten.

Warum haben Nonnen häufiger Brustkrebs?

Die Autoren der "Hippokratischen Schriften" und später auch Galen sahen als Vertreter der "Vier-Säfte-Lehre" die Ursache in einem Überschuss eines dieser Körpersäfte: der "schwarzen Galle". Wahrscheinlich, weil aus weit fortgeschrittenen Tumoren eine dunkle Flüssigkeit austrat. Andere verließen sich mehr auf ihre Beobachtungsgabe und kamen teilweise zu Schlussfolgerungen, die mit der modernen Sicht der Krankheit zumindest vereinbar sind. So erkannte der 1633 in Capri geborene Arzt Bernardo Ramazzini 1713, dass die Brustkrebsrate bei Nonnen vergleichsweise hoch war. Ein Jahr später starb er, und erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der schottische Arzt George Beatson der Ursache dieser Häufung auf die Spur. Er postulierte , dass "subtile und mysteriöse Einflüsse" etwa von den Eierstöcken auszugehen schienen.

Beide waren damit Vorreiter einer der wichtigsten und therapeutisch bedeutendsten Erkenntnisse der Brustkrebsmedizin: der, dass die meisten dieser Tumoren hormonabhängig sind. Die Häufung bei Nonnen ist darin begründet, dass Ihre Hormonzyklen nie von Schwangerschaften unterbrochen werden.

Ein anderer Schotte, John Rodman, postulierte 1815, Krebs werde durch die Angst vor Krebs verursacht. Er begründete dies damit, dass Frauen, deren Mütter an Brustkrebs gelitten hatten, auch gehäuft daran erkrankten. Dies passiere, weil sie sich vor der verheerenden Krankheit, die sie kennengelernt hatten, fürchteten. Rodman lag zumindest mit der Beobachtung einer Häufung in manchen Familien richtig und legte damit den Grundstein für eine zweite wichtige Erkenntnis: die, dass das Brustkrebsrisiko erblich erhöht sein kann, also die genetische Komponente der Erkrankung.

Die einzige Therapie: eine radikale Operation

Neben der Suche nach Ursachen ging auch die nach Therapien weiter. Eine möglichst radikale Operation war lange Zeit die beinahe einzige Option, und das schon zu Zeiten, als es weder Narkose noch ausreichende Wund-Desinfektion gab. Aetios von Amida, Hofarzt im Konstantinopel des 6. Jahrhunderts, entfernte offenbar Tumore auf diese Weise und in dem Bewusstsein, dass nichts von ihnen im Körper bleiben durfte.

Die Zeichnung zeigt chirurgische Hautschnitte bei einer Brustkrebsoperation.
Die Zeichnung zeigt chirurgische Hautschnitte bei einer Brustkrebsoperation.Quelle: William Stewart Halsted; Surgical papers/ Wellcome Collection gallery

Seine berühmteste Patientin allerdings – Theodora, Ehefrau Kaiser Justinians, – lehnte, wie viele Frauen über die Jahrhunderte, die Operation ab und erlag im Jahr 548 ihrer Krankheit. Der erste bekannte Bericht einer Frau über ihre eigene Brustentfernung stammt von der englischen Schriftstellerin Frances Burney. Als sie sich 1811 von dem französischen Militärchirurgen Dominique-Jean Larrey operieren ließ, hatte sich an der Prozedur seit den Zeiten Aetios' nur wenig geändert. Sie schreibt von unbeschreiblichen Schmerzen, Agonie, wiederholten Schnitten und ihren eigenen Schreien. Sie starb erst fast 30 Jahre später, im Alter von 87 Jahren. Larrey entfernte offenbar so viel Gewebe wie nur möglich, Burney jedenfalls schreibt davon, dass seine Instrumente letztlich auf dem Brustbein schabten. Möglichst radikale Operationen blieben bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die am weitesten verbreitete Therapie.

Mit neuen Methoden stieg die Überlebensrate

Der amerikanische Chirurg William Halsted entfernte ab 1882 Brustgewebe, Muskulatur und angrenzende Lymphknoten. Weltweit orientierten Kollegen sich an den von ihm weiterentwickelten Methoden. Die Überlebensrate nach 20 Jahren stieg daraufhin von zehn Prozent auf 50 Prozent. Doch die Frauen mussten diese verbesserten Chancen oft mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen und chronischen Schmerzen bezahlen.

Erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts setzten sich schonendere Operationsmethoden durch. Tumoren können immer früher erkannt werden. Chemo- und Strahlentherapien ergänzen die Therapieoptionen. Gezielte Behandlung mit auf die Genetik und die speziellen Rezeptoren der inzwischen diagnostisch unterscheidbaren Sub-Typen der Tumoren sind in jüngerer Zeit dazugekommen. Derzeit liegen die Zehn-Jahres-Überlebensraten bei Frauen nach Brustkrebstherapie bei mehr als 80 Prozent, bei sehr früh erkannten Tumoren sind sie noch deutlich besser.

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