Tierpädagogik versus Infektionsschutz : Keimschleudern im Kindergarten

Streicheln, schmusen, staunen – Tiere sind beliebt in Kitas. Doch sie sind auch Überträger von Krankheitserregern.

Haustiere – von Hund über Kaninchen bis hin zu exotischen Echsen – sind in Kitas immer beliebter.
Haustiere – von Hund über Kaninchen bis hin zu exotischen Echsen – sind in Kitas immer beliebter.Foto: Tsp

Florabella und Moritz haben gerade Nachwuchs. 30 Eier haben die beiden Schuppenechsen in den vergangenen Wochen und Monaten gelegt. Umso neugieriger drängen sich die Kinder um das große Terrarium im Flur der Schöneberger Kita Riemenschneiderweg und fragen ihrem Erzieher André Burbaum Löcher in den Bauch: „Wann schlüpfen die denn endlich?“, „Warum verbuddeln die ihre Eier?“ und „Darf ich die mal streicheln?“ Die Kinder dürfen, Burbaum greift sich das Weibchen, ermahnt die aufgeregt plappernde Schar zur Vorsicht und setzt die 20 Zentimeter lange Bartagame vorsichtig auf eine der kleinen Kinderhände. „Wenn sich die Kinder um etwas Lebendiges kümmern, lernen sie, vorsichtig und behutsam zu sein, Verantwortung zu übernehmen und für andere zu sorgen“, sagt Burbaum.

RKI: "Reptilien sollten nicht in Kindereinrichtungen gehalten werden"

Ob es nun Kaninchen, Hunde, Schlangen oder Geckos sind – immer mehr Kitas haben die Tierpädagogik für sich entdeckt, es kreucht und fleucht allenthalben. Sogar in Krippen kriechen Schildkröten. Pädagogen sind begeistert. Infektiologen hingegen sträuben sich die Haare. „Reptilien in der Kita? Das sollte man auf keinen Fall machen“, sagt Werner Handrick, Mikrobiologe und Experte für Haustier-bedingte Infektionen bei Kindern am Institut für Medizinische Diagnostik Oderland in Frankfurt (Oder). Insbesondere Reptilien wie Bartagamen, Schildkröten, Schlangen oder Chamäleons oder Geckos sind als Keimschleudern bekannt.

In einem Bericht von 2013 empfiehlt das Robert-Koch-Institut ausdrücklich: „Reptilien sollten nicht in Kindereinrichtungen oder Haushalten von Tagesmüttern gehalten werden.“ Aus gutem Grund: Der Darm fast aller Reptilien (bis zu 90 Prozent der untersuchten Tiere) beherbergt Salmonellenarten, von denen schon eine geringe Zahl bei Kleinkindern und Säuglingen zu mitunter lebensbedrohlichen Durchfallerkrankungen, Blutvergiftungen und Hirnhautentzündungen führen kann, so der RKI-Bericht. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie rät sogar generell davon ab, Reptilien in Haushalten mit Säuglingen und Kindern unter fünf Jahren zu halten.

30 Prozent der Salmonellosen bei Kleinkindern stammen von Reptilien

Zwar gehen Salmonellosen in den meisten Fällen nur mit unangenehmen Durchfällen einher, können aber vor allem bei Kindern auch lebensgefährlich werden. 2012 starb in Baden-Württemberg ein sechs Wochen alter Säugling, bei dem nach Obduktion eine entzündliche Erkrankung der tiefen Atemwege und eine Darminfektion mit exotischen Salmonellen festgestellt wurden. Die Bakterien stammten von einer Kornnatter und Bartagamen im Familienhaushalt. Im selben Jahr infizierte sich ein zwei Monate altes Baby in Hessen mit Salmonellen einer Bartagame und erkrankte schwer an Blutvergiftung (Sepsis) und Hirnhautentzündung (Meningitis). Und in Niedersachsen infizierte sich das Kniegelenk eines Zweieinhalbjährigen mit reptilientypischen Salmonellen – dabei reichte es offenbar, dass er im Garten der Nachbarn spielte, die dort Abfälle aus dem Terrarium einer Bartagame entsorgten. Trotz wochenlanger Antibiotikabehandlung erlitt der Junge ein septisches Fieber und Knochenmarksentzündungen, bevor das Reserveantibiotikum Ciprofloxacin schließlich wirkte.

Kita für Agamen. Der Kindergarten am Riemenschneiderweg ist voll ausgestattet mit Nachzuchtterrarium und Brutschrank für 30 Eier des Bartagamen-Pärchens.
Kita für Agamen. Der Kindergarten am Riemenschneiderweg ist voll ausgestattet mit Nachzuchtterrarium und Brutschrank für 30 Eier...Foto: Tsp/skb

Mit etwa sieben Prozent sind Reptilien-bedingte Salmonellosen weitaus seltener als über Lebensmittel übertragene. Allerdings ist der Anteil der Infektionen mit Reptilien-typischen Salmonellenarten bei Kindern unter zwei Jahren in den vergangenen Jahren gestiegen – von 41 Fällen (3 Prozent aller Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren) in den Jahren 2000 bis 2002 auf 160 Fälle (30 Prozent) in den Jahren 2009 bis 2011. Seit 2012 werden jedes Jahr etwa 30 bis 40 Prozent aller gemeldeten Salmonellosen bei Kindern unter zwei Jahren von reptilientypischen Erregern ausgelöst: Mal ist es ein Dreijähriger, der sich mit den Salmonella monschaui-Bakterien einer Bahamaanolis, einer Leguanart, ansteckt. Mal muss sich ein Säugling schon fünf Tage nach seiner Geburt mit den Salmonella enterica-Mikroben eines Warans herumschlagen. Oder es macht gleich eine ganze Familie schmerzhafte Bekanntschaft mit den exotischen Untermietern einer Bartagame.

Kinder unter fünf Jahren sind besonders gefährdet

Chamäleons, Würgeschlangen, Leguane, Wasserschildkröten, Kornnattern – die Liste der Überträger ist lang. Nicht zuletzt, weil der Trend, exotische Tiere zu halten, anhält. „Die steigende Zahl privat gehaltener Reptilien geht offensichtlich einher mit einer steigenden Zahl von Salmonella-Infektionen bei Kindern“, heißt es in dem RKI-Bericht. Etwa sechs Millionen Reptilien wurden hierzulande zwischen 2004 und 2014 eingeführt, die dann in Zoohandlungen, auf Reptilienbörsen oder über das Internet angeboten werden. Über die mit den Tieren einhergehenden Infektionsrisiken erfahren Käufer jedoch so gut wie nichts, beklagt Michael Pees, Tiermediziner an der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig. Es gibt keine Vorschrift, dass Verkäufer über die Salmonellen-Untermieter der Tiere und angemessene Hygienemaßnahmen informieren müssen. So sei vielen Menschen nicht bekannt, dass Reptilien Infektionsquellen sind, schreibt das RKI: „Grundsätzlich gelten Kinder unter fünf Jahren (...) als besonders gefährdet.“

Zuständig dafür, mit den Kitas die unbestrittenen pädagogischen Vorteile von Tieren gegen das Infektionsrisiko abzuwägen, wären die Gesundheits- und Veterinärämter der Bezirke. Doch zumindest in Tempelhof-Schöneberg hat man offenbar nicht einmal Kenntnis von den Biotopen in den Einrichtungen der eigenen Gemeinde. „In unserem Bezirk ist dem Gesundheitsamt aktuell keine Tierhaltung von Reptilien in Kindertagesstätten bekannt“, lässt Bezirksstadtrat Oliver Schworck dem Tagesspiegel auf Anfrage schriftlich mitteilen. „Die Haltung von Tieren in Kindertagesstätten, bei denen grundsätzlich von einem höheren Infektionsrisiko auszugehen ist (Vögel, Wildtiere, Küken u. a.) würde im Einzelfall genau überprüft werden.“ Ob das im Fall der Kita Riemenschneiderweg oder anderen Kinderbetreuungseinrichtungen je passiert ist, ist fraglich. „Richtlinien zur Tierpflege in der Kita gibt es nicht, soweit ich weiß, jedenfalls keine expliziten“, sagt Burbaum, der die Bartagamenpflege dort vor sechs Jahren von seiner Vorgängerin übernommen hat. Er sagt auch, die Kitaaufsicht habe das Bartagamenterrarium „abgesegnet“.

Wie viele Kitas in Berlin Kriechtiere beherbergen, weiß niemand. Denn eine Melde- oder gar Genehmigungspflicht für die Haltung von Reptilien oder anderen Tieren haben die Einrichtungen nicht, sagt Irina Zuschneid vom Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Lediglich „gefährliche“ Tiere müssten den Veterinär- und Lebensmittelämtern gemeldet werden. Damit seien aber eher potenziell giftige oder bissige Tiere gemeint. „Wenn eine Kita an uns heranträte mit der Frage nach Tierhaltung, dann würden wir sie natürlich informieren über eventuelle gesundheitliche Risiken“, sagt Zuschneid. „Eine Haltung von Reptilien würden wir nicht empfehlen, könnten aber nicht dagegen vorgehen, sollte sich die Einrichtung dennoch für solche Tiere entscheiden.“ Am Ende liege die Verantwortung beim Betreiber der Kita, der sich im Klaren darüber sein müsse, dass mit Tierhaltung immer ein gewisses Infektionsrisiko einhergehe. „Tiere sind nun mal Träger von Erregern“, sagt Zuschneid. So gebe es bei Kaninchen und Meerschweinchen beispielsweise immer mal wieder die Übertragung von Hautpilzen. Vor Jahren seien daran mal ein Kind und eine Erzieherin erkrankt. „Das ist lästig, aber nicht lebensbedrohlich, wohingegen eine Salmonellose gerade bei kleineren Kindern durchaus gefährlich werden kann.“ Wenn sich eine Kita für die Anschaffung eines Tieres entscheidet, dann müssen sich die Betreiber auch Gedanken um die Haltung und Hygiene machen. Veterinär- oder Gesundheitsamt stünden dafür als Berater zur Verfügung. „Man will das ja nicht grundsätzlich unterbinden, sondern auf Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen hinweisen.“

Einfuhrstop für kleine Schildkröten

Andernorts sind die Behörden nicht so zurückhaltend. Als der US-Seuchenbehörde CDC in den 1970er Jahren bekannt wurde, dass 18 Prozent der Salmonellosen bei Kindern unter 10 Jahren durch importierte Schmuckschildkröten verursacht wurden, erging ein Handelsverbot für Schildkröten unter zehn Zentimeter Größe. Die Zahl der Reptilien-bedingten Salmonellosen sank um 77 Prozent. Auch in Schweden waren vergleichbare Maßnahmen erfolgreich.

In Deutschland bemüht man sich eher um Aufklärung. Weist Werner Handrick auf das Risiko hin, dann sei die Standardantwort, dass man ja schon seit Jahrzehnten solche Tiere im Haus habe und nie etwas passiert sei. „Das ist richtig, solange es sich um gesunde Menschen handelt. Sobald aber die Körperabwehr schwach ist wie bei Säuglingen oder Kleinkindern oder geschwächt wie bei Kranken oder Älteren, dann reichen schon wenige Keime für eine Ansteckung aus.“

Test der Tiere auf Salmonellen ist nicht sinnvoll

Auch das Testen der Tiere auf Salmonellenbefall sei keine Lösung, sagt Veterinär Pees. „Selbst wenn dabei einem Tier heute Salmonellen-Freiheit attestiert wird, kann es die Bakterien morgen schon wieder tragen“, sagt der Tierarzt. „Reptilien haben nun mal Salmonellen, sie erkranken nicht daran, sondern brauchen sie womöglich sogar in ihrer Darmflora.“ Versuche, Reptilien mit Antibiotika salmonellenfrei zu bekommen, seien gescheitert. Die einzig wirksame Vorbeugungsmaßnahme für die Übertragung der Bakterien von Reptil zu Mensch sei, direkten und indirekten Kontakt zu vermeiden. Zu Hause könne man Reptilien ausreichend sicher halten, wenn man die Hygieneregeln befolgt. „Aber im Kindergarten sollte man das nicht machen.“ Es sei kaum sicherzustellen, dass sich jedes Kind, das die Tiere anfasst, auch wirklich die Hände wäscht.

Sollten sich Kitas dennoch für die Haltung von Reptilien entscheiden, rät Pees, die Kinder die Tiere nicht in die Hand nehmen zu lassen. Und Tierärzte sollten den Gesundheitszustand regelmäßig überprüfen, da kranke Tiere mehr Salmonellen ausscheiden. Überhaupt sollten alle Tiere einer Kita regelmäßig untersucht werden. Nicht nur, weil auch sie sich mit Reptilien-Salmonellen anstecken können, sondern eigene Krankheitserreger übertragen können. So bestehe bei Vögeln die Gefahr einer Chlamydien-Infektion, Säugetiere wie Katzen und Hunde können Pasteurellen übertragen und Blutvergiftungen, Durchfall und Atemwegserkrankungen verursachen. „Kinder sollen nicht steril aufwachsen, sondern das Immunsystem mit Keimen konfrontieren und es somit ausbilden“, sagt Pees. „Die Frage ist aber, ob man das Risiko reptilientypischer Keime, die ja keine gängigen Kontakttiere sind, ausgerechnet im Kindergarten eingehen sollte.“

Den Kindern würde ein Teil ihrer Erfahrungswelt fehlen

Die Eltern sind bei der Entscheidung der Kitas, welche Tiere angeschafft werden sollen, welche Infektions- oder Allergierisiken damit einhergehen und akzeptabel sind und welche Hygienemaßnahmen nötig wären, in der Regel außen vor. Fragen einzelne Eltern nach, wird das Risiko beschwichtigt oder als Hysterie belächelt, wie einige erzählen – obwohl eine offene Auseinandersetzung mit den Risiken und eine kompetent beratene Abwägung im Interesse der Kinder wäre.

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Für André Burbaum stehen die Vorteile im Vordergrund. Gleich morgens stehen die Kinder am Terrarium, suchen die Tiere, zählen, ob alle da sind, erzählt der Erzieher: „Ein Highlight ist immer die Fütterung mit Heuschrecken.“ Das Terrarium säubert nur er, auf Hygiene legt er Wert. Das Restrisiko einer Salmonelleninfektion nimmt er in Kauf. „Ich bin seit sechs Jahren hier und die Bartagamen gibt es seit mindestens acht Jahren in der Kita. Und wir hatten noch nie einen Fall von Salmonellose.“ Man müsse abwägen, was für die Entwicklung der Kinder sinnvoller ist. „Entweder wir sagen: Um Gottes willen, du könntest krank werden. Oder die Kinder lernen etwas Außergewöhnliches kennen.“ Man würde den Kindern einen Teil ihrer Erfahrungswelt nehmen, wenn man die Tiere abschafft. „So, und jetzt gehen wir Hände waschen“, ruft Burbaum den Kindern zu und verschwindet im Bad.

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