Eine Traumatherapie verlangt vor allem PTBS-Patienten eine Menge ab

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Traumatherapie : Nach den Schüssen

Die Konstanzer Psychologen behandeln Menschen in Kriegsgebieten, unter anderem im Norden Ugandas und im Kongo. Ihre Patienten haben oft mehrere Traumata erlebt, doch gerade in Krisengebieten können die Therapeuten oft nur wenige Sitzungen anbieten. „Ich kann mit dem Patienten nicht durch alle schrecklichen Erlebnisse gehen, aber durch die wesentlichen.“ Um keine Zeit zu verlieren, muss Elbert sofort ins Trauma einsteigen. Studien haben gezeigt, dass sich die Betroffenen schon nach kurzer Zeit besser fühlen: „Wir hätten am Anfang nicht gedacht, dass das so effektiv ist.“

Eine Traumatherapie verlangt vor allem den PTBS-Patienten eine Menge ab. Die Betroffenen haben große Angst, sich den Ereignissen zu stellen. Und in den ersten Wochen der Therapie geht es ihnen meist schlechter als vorher. Deshalb suchen Forscher schon seit Jahren nach Medikamenten, die die Patienten in der Therapie unterstützen könnten. Einer der Wirkstoffkandidaten ist das Stresshormon Cortisol.

„In einer traumatischen Situation wird der Körper regelrecht mit Cortisol geflutet“, erklärt die Psychologin Tanja Michael. Es wirkt dabei zweifach auf das Gedächtnis. Erstens: In der Gefahrensituation selbst erschwert es den Abruf älterer Gedächtnisinhalte – weil es in dem Moment keine Rolle spielt, was es gestern zu essen gab oder wie der Wellensittich aus Kindertagen hieß. Zweitens verbessert Cortisol die Lernfähigkeit, was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, warum sich traumatische Erinnerungen so ins Gedächtnis einbrennen.

Der Ansatz birgt auch Risiken

Psychologen wollen sich nun die Doppelwirkung des Cortisols zunutze machen. Zu Beginn der Therapie könnte es eingesetzt werden, um die schrecklichen Erinnerungen abzuschwächen. So könne man den Patienten den Einstieg erleichtern, sagt Michael.

Später – wenn die Patienten etwa ihre Schuld- und Angstgefühle überwunden haben, wenn ihnen bewusst wird, dass sie nicht anders hätten reagieren können – könnte das Cortisol dabei helfen, diese neue, therapeutische Version der Ereignisse im Gedächtnis zu verfestigen.

Doch der Ansatz birgt auch Risiken. „Wenn die Therapie nicht gut läuft und der Patient vorher Cortisol bekommen hat, dann wird dieses neue traumatische Ereignis eben auch besser gespeichert im Gedächtnis“, sagt Michael. In ersten klinischen Studien werden PTBS-Patienten zwar schon mit Cortisol behandelt. Aber die Forscherin will vorerst lieber noch die grundlegenden Wirkmechanismen des Hormons im Gehirn erforschen. Mit psychisch gesunden Probanden.

Neben Cortisol haben sich auch Betablocker als hilfreich bei PTBS erwiesen. Und Wissenschaftler vermelden regelmäßig neue chemische Verbindungen, die schlimme Erinnerungen in Schach halten – zumindest bei Versuchsmäusen. Bislang hat es aber noch kein einziger Wirkstoff in den klinischen Alltag geschafft.

Betroffene müssen lernen zu akzeptieren, was passiert ist

„Die perfekte Antitrauma-Pille gibt es nicht, und die wird es auch nie geben“, sagt Michael. Die Menschen seien durch das Trauma in ihren Grundfesten erschüttert. Oft sei alles, woran sie einmal geglaubt hatten, „zusammengekracht wie ein Kartenhaus“. Die Patienten müssten lernen, damit umzugehen. „Das kann kein Medikament für sie machen“, sagt die Psychologin.

Menschen mit einer PTBS müssten lernen zu akzeptieren, was passiert ist, sagt der Traumatherapeut Pieper. „So dass sie es sich anschauen können, ohne davon emotional überflutet zu werden.“ Akzeptieren, was passiert ist. Gerade das fällt Opfern von Amokläufen besonders schwer. Viele fragen sich immer wieder: Warum bin ich an diesem Tag in die Schule gegangen? Warum habe ich da gesessen? Warum habe ich nicht anders reagiert? „Wenn die Menschen so hadern damit, dann werden sie niemals erlöst werden. Dann werden sie immer weiter leiden“, sagt Pieper.

Marie-Luise Braun spricht heute kaum noch über den Amoklauf. Selbst Freunde wollen nichts mehr davon wissen. Nach fünf Jahren müsse das langsam mal abgehakt sein, hat eine Bekannte neulich gesagt. „Wer so etwas erlebt hat, der kann das auch nach fünf Jahren nicht abhaken“, sagt Braun.

Jahrestage sind besonders schlimm

Vor jedem Jahrestag kommen die Symptome zurück. Dieses Jahr war es besonders schlimm: die Schlafstörungen, die Albträume. Das Herzrasen, der Schwindel. Die Muskelverkrampfungen, die Bauchschmerzen – alles war wieder da. Wie damals, kurz nach dem Amoklauf.

Marie-Luise Braun hat damals keinen einzigen Tag in der Schule gefehlt. „Ich glaube, dass mir das auch geholfen hat“, sagt sie. Und für die Schüler war sie ein Vorbild. Wenn sie nicht wollten, wenn sie sich nicht konzentrieren konnten. „Ich habe dann zu ihnen gesagt: Schaut, ich bin auch da. Ich arbeite auch. Wir müssen sehen, dass es vorwärtsgeht.“ Und dann ging es wieder.

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