Turners Thesen : Gent schickt einen Weckruf

Lässt die akademische Welt sich vermessen? Es kommt drauf an. Eine Uni in Belgien verweigert sich jetzt jedenfalls dem Diktat der Daten, Zahlen und Rankings.

Unser Kolumnist George Turner.
Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..Foto: Mike Wolff

Die Universität Gent in Belgien hat einen mutigen Schritt getan: Sie will sich der Forschung und Lehre behindernden bürokratischen Fesseln entledigen. Vor allem sollen die Wissenschaftler frei werden vom Sammeln von Daten, die für Vergleiche und Rankings benötigt werden. Davon wird gewiss auch an deutschen Universitäten geträumt. Vereinzelt wurde auch der Aufstand geprobt. So verweigerten einzelne Fakultäten, gelegentlich auch eine ganze Institution, die Herausgabe von Unterlagen für die Erstellung von Rankinglisten. Einstweilen wird von den deutschen Hochschulen aber noch ihre totale Durchleuchtung gefordert. Die „leistungsorientierte Mittelvergabe“ ist modernes Schlag- und Kampfwort geworden. Dafür braucht man verlässliche Daten.

Hochschulen sind keine Wirtschaftsunternehmen

Richtig ist sicher, dass bestimmte Erkenntnisse des wirtschaftlichen und damit kostenbewussten Verhaltens nicht vor den Toren der Hohen Schulen haltmachen dürfen. Aber es darf auch nicht verkannt werden, dass Hochschulen keine Unternehmen sind, die nach den Kriterien behandelt werden, die bei Wirtschaftsunternehmen gelten. Das Schlagwort von der „unternehmerischen Universität“ ist irreführend und missverständlich.

Nichts spricht dagegen, dass Leistung honoriert wird. Nur ist es schwierig, wissenschaftliche Leistung zu messen. Alle Versuche, dies nach objektiven Kriterien zu versuchen, finden ihre Gegner. Weder die bloße Zahl von Veröffentlichungen noch die Anzahl abgenommener Prüfungen oder durchgeschleuster Studierender geben ein vollständiges Bild. Letztlich ist es die Reputation in Fachkreisen, die Ansehen und Ruf der Wissenschaftler in der scientific community bestimmen.

"Weiche" Faktoren

Das allerdings auszumachen, wird in der Massenuniversität mit großen Zahlen von wissenschaftlich arbeitenden Mitgliedern zusehends schwieriger. Also bedarf es doch gewisser objektiver Daten und Zahlen. In der Tat wird man nicht vollends darauf verzichten können. Aber es darf nicht dabei bleiben. Auch „weiche“ Faktoren spielen eine Rolle.

Insofern sollte man die Initiative aus Gent als Weckruf verstehen: Erhobene Zahlen sind nur ein Hilfsmittel. In den einzelnen Disziplinen weiß man ohnehin sehr genau, wo Qualität und ihre Träger zu finden sind. Wenn im Rahmen der Exzellenzstrategie das Maß aller Dinge für die Auswahl von Eliteuniversitäten zwei Cluster sind, zeigt dies den Irrweg. Das Ergebnis ist dann, dass etwa eine Universität wie Göttingen, weltweit anerkannt als Heimstatt hervorragender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, auf der Strecke bleibt.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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