Turners Thesen : Neue Disziplinen an Fachhochschulen nicht reif für die Promotion

Fachhochschulen argumentieren, sie müssten zumindest in Fächern promovieren dürfen, die an Unis nicht vertreten sind. Unser Kolumnist lässt das nicht gelten.

Ein Pflegeroboter im Testlauf in der Wohnung einer betagten Person.
Pflegeforschung - auch zur Unterstützung durch Pflegeroboter - ist ein Thema, das vor allem an Fachhochschulen vertreten ist.Foto: imago/photo2000

Die nachgiebige Haltung der Politik gegenüber dem Bestreben der Fachhochschulen, sich den Universitäten anzunähern, wird zu einer Unbezahlbarkeit führen. Zu erkennen ist eine deutliche Salamitaktik: Die Behandlung beider Hochschularten in einem einheitlichen Gesetz, das Etikett „wissenschaftlich“ auch für die Fachhochschulen, das Diplom ohne den Zusatz (FH) sind bereits erworbene Errungenschaften.

Dazu kommt die Selbsternennung zu „Universities of Applied Sciences“. Und nun ist das eigene Promotionsrecht das Ziel. Nachdem alle Argumente nicht überzeugen, wird ein neues hervorgezaubert: Man müsse in Bereichen, in denen man in kooperativen Verfahren mit Universitäten nicht promovieren kann, für eigenen Nachwuchs sorgen. Das sind im Zweifel Disziplinen, die nicht reif für Dissertationen sind. Und das wollen ausgerechnet die FHs ändern.

Außeruniversitäre kooperieren doch auch mit Unis

Mag die neue Strategie auch noch so schwach sein – und gefährlich für das Wissenschaftssystem–, ist die hypertrophe Vorstellung doch, man könne der „gebündelten wissenschaftlichen Kraft“ von Fachhochschulen das Promotionsrecht nicht verweigern. Kein Wort dazu, dass die Großkaliber der Forschung wie Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft sehr gut mit der Kooperation in Promotionsverfahren mit den Universitäten zurechtkommen.

George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D.
Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..Foto: Mike Wolff

Die Versicherung, nur forschungsstarken Fachvertretern von Fachhochschulen werde das Promotionsrecht gewährt, wird bald vergessen sein. Auch nachrangige FHs werden Druck auf ihre Wahlkreisvertreter ausüben, dass man auch an „ihrer“ Einrichtung den Dr. machen kann. Dem wird nachgegeben werden – es geht ja um Wählerstimmen.

Weniger Lehrdeputat? Das wird teuer

Das aber ist nicht das Ende der Fehlentwicklung. Wenn bisher die Mehrheit der FH-Professoren nicht durch Forschungsergebnisse aufgefallen ist, sei dies darauf zurückzuführen, dass sie ein so hohes Lehrdeputat hätten. Dies sei auf das Maß zu reduzieren, wie es den Universitätsprofessoren auferlegt werde. Das aber geht ins Geld. Mit einer Verringerung der Lehrverpflichtung geht auch die Zahl der aufzunehmenden Studierenden zurück. Um das zu vermeiden, müssten die Personaletats aufgestockt werden.

Das Ergebnis, ein unbezahlbares Hochschulsystem, ist dann ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Hochschulart, deren Absolventen früher mit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildeten, durch das eigensüchtige, prestigeträchtige Verhalten von Funktionären beschädigt wird und das deutsche Hochschulsystem die Balance verliert. Einhalt gebieten können, wie gelegentlich schon in der Vergangenheit, nur die Finanzminister. (Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de).

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