Turners Thesen : Studium generale? Bitte in der Schule!

Abiturienten bringen unterschiedliche Voraussetzungen für die Uni mit. Ein Studium generale kann helfen - aber bitte in der Schule, meint unser Kolumnist.

Schülerinnen und Schüler sitzen bei einer Abiturprüfung an Einzeltischen.
In der Prüfung. Schulen, die zur Hochschulreife führen, sollten selbstverständlich das nötige Wissen für ein Studium vermitteln.Foto: Roland Weihrauch/dpa

Vor Beginn des Fachstudiums, so wird ab und an gefordert, sollten Studienaspiranten ein Studium generale absolvieren. Der Grund ist plausibel, nämlich die unterschiedlichen Voraussetzungen der Studienanfänger. Die gymnasiale Oberstufe mit den Wahlmöglichkeiten liefert Absolventen höchst unterschiedlicher Voraussetzung, abgesehen von Studierenden, die ohne förmliche Reifeprüfung an die Hochschulen gelangen. Mit einem Studium generale könnten die gravierendsten Unterschiede ausgeglichen werden. Allerdings würde sich die Gesamtzeit des Studiums unweigerlich wieder verlängern.

Anlass für den Versuch der Verkürzung waren die Befunde der langen durchschnittlichen Studiendauer (13 bis 14 Semester) und des Lebensalters der Absolventen (28 Jahre). Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen und die Reduzierung der gymnasialen Schulzeit auf zwölf Jahre sollten zu einer Änderung führen. Obwohl das achtjährige Gymnasium (5. bis 12. Klasse) bereits weitgehend wieder Geschichte ist, sind die durchschnittlichen Werte ein klein wenig besser geworden, vermutlich auch, weil die Wehrpflicht fortgefallen ist.

George Turner, Kolumnist des Tagesspiegels und Berliner Wissenschaftssenator a.D.
George Turner, Kolumnist des Tagesspiegels und Berliner Wissenschaftssenator a.D.Foto: Mike Wolff

Eine durch ein vorgeschaltetes Studium generale eintretende Verlängerung würde vermutlich wieder eine Diskussion mit sich bringen, wie sie seinerzeit geführt wurde. Im Übrigen müsste ein solches Studium von den Hochschulen organisiert und mit Lehrenden bestückt werden – angesichts der bestehenden Überlast und der Zurückhaltung der Länder, die Hochschulen besser auszustatten, kaum realisierbar.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

Warum also nicht dort ansetzen, wo das Defizit entsteht – in den Schulen? Sie führen zur Hochschulreife. Und sie sind dafür verantwortlich, dass Abiturienten häufig nicht die Voraussetzungen mitbringen, die Studierende brauchen, um erfolgreich zu sein. Das zersplitterte Schulsystem, die kaum noch zu übersehende Vielfältigkeit der Abschlüsse und der Wegfall von Hürden durch Entwertung des ohnehin schon weitgehend seiner inhaltlichen Aussage beraubten Abiturs sind das Ärgernis.

Die Länder im Süden könnten Vorbereitungskurse einführen

Die vielfach gestellte Frage bleibt unbeantwortet, ob und wie die zuständige Kultusministerkonferenz das Problem anzugehen gedenke. Wahrscheinlich bedarf es wieder einmal des Alleingangs eines Landes, wie Bayern und Baden-Württemberg es in der Vergangenheit vorexerziert haben, um die notorisch verschlafene KMK aufzuschrecken, vielleicht durch eigens einzurichtende Vorbereitungskurse. Die Universitäten und Hochschulen sollten nicht Reparaturbetriebe des zersplitterten Schulsystems sein.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: