Unirankings : Hoch in der Hitliste

Dem Aufstieg kann man nachhelfen: Manche Universitäten manipulieren weltweite Hochschulrankings zu ihren Gunsten. Besonders die chinesischen Hochschulen gehen dabei geschickt vor.

Aufsteiger. Insbesondere chinesische Unis wissen die Methodik von Hochschulrankings für sich zu nutzen.
Aufsteiger. Insbesondere chinesische Unis wissen die Methodik von Hochschulrankings für sich zu nutzen.Foto: REUTERS

„U.S.Colleges Slip in Global Ranking“ titelte das Wall Street Journal: Amerikas Hochschulen rutschen ab. Die Londoner Times frohlockte: Oxford und Cambridge sind Nummer 1 und 2 weltweit. Ein Erdbeben! Wo ist der ewige Erste, Harvard? Unglaublich, auf Platz 6. Ist es nun vorbei mit der akademischen Vorherrschaft der Amerikaner?

Nicht so schnell! Es wird noch ein wenig dauern, bis Harvard-Absolventen sich ihrer Alma mater schämen müssen. Bei dieser Uni-Hitliste handelt es sich um eine englische, die vom Times Higher Education World University Rankings (THE) erstellt wird, und es gibt viele solcher Listen auf dieser Welt. THE kommt bloß immer als erstes Ranking auf den Markt, die anderen folgen ein bisschen später. THE hat schon immer britische Unis höher bewertet als die anderen internationalen Rankings. Dennoch hat selbst THE noch nie Oxford und Cambridge zusammen auf die beiden ersten Plätze gehievt. Was ist also passiert?

Rankings sind ein Spiel, die Regeln muss man kennen

Rankings sind ein Spiel wie alle Bestenlisten, man muss die Auswahlkriterien kennen und wissen, wie die Listen zu lesen sind. Den Kundigen bescheren sie Bekanntes, aber auch Ärgerliches. Wer will schon absacken, egal wo. Doch wird Harvard wegen des sechsten Platzes nicht seinen Präsidenten feuern. Cambridge wird sich darüber wundern, dass es abermals hinter Oxford steht. St. Andrews, das schottische College, wo Prinz William studierte, wird empört fragen, wie es um dreißig Plätze auf den 146. fallen konnte.

Aber wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner: Die Universität Peking teilt sich bei THE den 27. Rang mit der Edinburgh University und der New York University. Auf Rang 30 folgt die Tsinghua Universität. Überhaupt die Chinesen. 2014 schafften es nur diese beiden in die THE Top 200. Jetzt sind es schon sieben.

Schadenfreude und Eitelkeit sind fehl am Platz. Die amerikanischen Unis dominieren selbst die anglolastige THE-Liste mit 15 Institutionen unter den Top Twenty. Doch sieht Phil Baty, der Ranking-Direktor der THE „rote Warnlampen und zunehmende Konkurrenz“ für die Amerikaner. „Asien steigt auf. Amerika muss Stagnation fürchten“, zitierte ihn das Wall Street Journal.

Asien auf dem Durchmarsch?

Asien auf dem Durchmarsch? Indien, das zweite Milliarden-Volk, hat keine Uni unter die ersten 200 gebracht. Anders als Indien hat China in den letzten Jahren nicht nur viel Geld in Forschungsuniversitäten investiert, sondern auch das Angebot internationalisiert, um mehr ausländische Studenten anzulocken. 2016 studierten nach staatlicher Auskunft 440 000 an chinesischen Unis, die meisten aus Südkorea und den USA. Das war seit 2012 ein Zuwachs von 35 Prozent.

Doch damit einher geht die Kehrseite der Rankings, die nur die Profis erkennen. An chinesischen Unis sind nicht plötzlich Forschung und Lehre exponentiell gewachsen. Vielmehr manipulieren die Chinesen die Rankings viel besser als andere Länder. Wie das läuft, erklärt Elizabeth Perry, Harvard-Professorin und Expertin für China: „Sie heuern ganze Armeen von Postdocs an, deren Aufgabe es ist, Papers zu produzieren. Sie verwandeln die Universität von einem Ort des Lernens in eine Fabrik, die ausstößt, was diese Rankings belohnen.“

Ob die Arbeiten etwas taugen - das ist eine andere Frage

Ihre chinesische Kollegin Xia Qiong von der Wuhan Universität bestätigte diese Lesart: „Die Forschungspolitik bewertet Masse, nicht Klasse, produziert so eine Menge Mist und verschwendet reichlich Forschungsgelder.“ Ein Drittel der Punktzahl, die das THE-Endergebnis bei der Bewertung ausmacht, gehen auf das Konto des Paper-Ausstoßes, die in den internationalen Fachzeitschriften publiziert werden. Wer also besonders viele Forschungsarbeiten in die Pipeline drückt, heimst so mehr Punkte ein. Ob die Arbeiten etwas taugen, ist eine andere Frage. Ein anderes Kriterium für die THE ist Forschungsförderung. Hier sorgen die massiven staatlichen Ausgaben für weitere Punkte, wie die Kürzungen für den Verlust derselben.

Andere Rankings betonen andere Kriterien und kommen so zu anderen Ergebnissen. Die Mutter aller Hochschulrankings, die Zeitschrift US News and World Report, betreibt das Geschäft seit 1983 für die amerikanischen Universitäten und Colleges. Seit 2013 hat sie auch eine globale Liste. Trotzdem besetzt Harvard im jüngsten Ranking wie eh und je den ersten Platz. Interessant ist, dass das sogenannte Schanghai-Ranking (ARWU) Harvard ebenfalls als Nummer 1 sieht. QS World University Ranking, eine britische Einrichtung, vergibt den ersten Platz an das MIT. Cambridge kriegt bloß den fünften, Oxford den sechsten Rang.

Die Gewichtungen sind überall anders

Wie kommen solche Unterschiede zusammen? Die Kriterien sind bei allen Rankings ähnlich. Gefragt wird nach der Reputation, dem Studenten/Lehrer-Verhältnis, Schwundraten, Ausgaben pro Student, Forschungsgelder, Zitierungen in den Fachzeitschriften. Hingegen sind die Gewichtungen überall anders; folglich die Unterschiede in den Rankings. Der akademische Ruf wird bei den lieben Kollegen abgefragt, folgt also keinem objektiven Maßstab. Plötzliche Haushaltskürzungen in einer Uni drücken die Punktezahl. Eine unerwartet hohe Zuwendung treibt sie hoch, wie etwa eine private Spende von 75 Millionen Pfund für Oxford. Auch ein großer Batzen an Forschungsgeldern von der Pharmaindustrie verschiebt das Ranking von einem Jahr zum nächsten. Mal regnet es, mal scheint die Sonne – mit entsprechendem Einfluss auf die Ernte.

Die Variationsbreite ist gewaltig. Die Zürcher ETH ist bei der chinesischen ARWU auf Platz 19, beim englischen QS auf Platz 10, bei THE wieder auf Platz 10 und bei US News Global nur auf Platz 35. Noch merkwürdiger geht es bei den deutschen Unis zu. Da ist Heidelberg als beste deutsche Uni mal auf Platz 42 (bei ARWU), mal die LMU München auf Rang 34 (bei THE). Dann wieder landet die LMU auf Rang 66 (bei QS) und Heidelberg auf Rang 68 (bei QS). Wie anglophil die THE-Liste ist, sieht man daran, dass von den 24 Russell-Group-Forschungsuniversitäten, den besten des Landes, allein vier unter den Top 20 landen und insgesamt 23 unter den Top 200 auffallen.

Unipräsidenten finden Rankings öffentlich schrecklich

Universitätspräsidenten finden Rankings öffentlich ganz schrecklich. „Rankings sind was für Angeber“, höhnte der frühere Stanford-Chef John Hennessy. Allison Richard (Cambridge) notierte einst kühl: „Rankings interessieren uns nicht.“ Wenn aber die eigene Uni auf dem falschen Platz erscheint oder gar kräftig abgesackt ist, schrillt intern der Alarm. Die Magnifizenzen wissen, dass ihre Kundschaft – die Geldgeber und Studenten – auf die Ränge blicken.

Die reichen und berühmten Hochschulen – Oxford, Harvard, MIT oder ETH – müssen sich keine Sorgen machen, weil sie immer in den Top 20 der Welt landen. Mal etwas höher, mal etwas niedriger. Doch an der Spitze liegen sie alle nah beieinander. Ob einer in Stanford (Nr.2 oder 3) oder Harvard (1 oder 6) studiert oder forscht, ist unerheblich. Er wird sich die Uni wegen seines Fachs, der Kollegen, der Laboratorien aussuchen, nicht wegen der Platzierung in den Rankings. Stanfords Zulassungsdekan Rick Shaw hält die Fixierung auf die Ränge für eine Verirrung. Aber Eltern und Studenten können gut mit den Rankings protzen.

Personal-Profis interessieren Rankings wenig

Wer’s praktisch haben will, sieht sich besser die Karrierechancen von Absolventen in den verschiedensten Feldern nach dem Abschluss an, Employability Rankings genannt. Sie bilden ab, welche Hochschulen die Personalabteilungen schätzen. Überraschung! Es tauchen auch dort die üblichen Verdächtigen auf. Harvard und Oxbridge, MIT und CAL Tech oder Yale und Princeton. Und dann plötzlich auf Platz 11 die TU aus München, die bei den globalen Rankings nie über einen Platz in den Fünfzigern hinauskommt. Die Personal-Profis interessieren diese Listenplätze offenbar nicht sonderlich. Für sie haben die TU-Absolventen einfach international einen guten Ruf.

Rankings sind ein Spiel mit Abermillionen Daten, die jeder anders sortiert und gewichtet. Und die ehrgeizigen Eltern, die anhand einer Liste die beste Uni für ihr Kind in Singapur oder Kanada aussuchen wollen, mögen einen alten Ratschlag befolgen: „Schauen Sie nicht auf den Rang. Schauen Sie auf Ihr Kind.“ Was es kann, braucht und will.

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