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Unis in Ägypten : Studieren und kämpfen

Wie der Kampf zwischen den oft im alten Denken verhafteten Unileitungen und den liberalen Studierenden eskalieren kann, zeigte sich vor kurzem ausgerechnet an einer privaten Uni, die eng mit Deutschland verbunden ist: An der German University in Kairo (GUC). Die GUC ist de iure eine ägyptische Privatuni, sie wird von Ägyptern geführt. Gleichwohl ist sie ein Prestigeprojekt der deutschen Wissenschaftsaußenpolitik. Die GUC arbeitet mit deutschen Unis und Firmen zusammen, mit mehrere Millionen Euro hat Deutschland die Uni unterstützt. Auch für deutsche Verhältnisse ist der Campus für die 9000 Studierenden in einem Außenbezirk Kairos großzügig und modern.

Auf dem Campus kam es im Februar zu lauten Protesten gegen den Militärrat, nachdem ein GUC-Student bei den Ausschreitungen von Port Said getötet wurde. Die Unileitung warf daraufhin zwei protestierende Studenten von der Hochschule. Tagelang demonstrierten danach tausende Studierende aus ganz Kairo vor der GUC, Dutzende übernachteten vor den Toren. Der Unileitung wurde vorgeworfen, besonders autoritär zu handeln, die Meinung der Studenten zu unterdrücken.

Inzwischen ist der Rauswurf rückgängig gemacht. Die 2011 ins Amt gekommene Vizepräsidentin Laila Mahran verteidigt das Vorgehen dennoch. Prinzipiell habe die Uni kein Problem, wenn sich Studierende auf dem Campus politisch äußerten. „Wir wollen aber nicht, dass der Protest fanatisch ist. Die Uni ist politisch, ideologisch und religiös neutral.“ Ob der Rauswurf übertrieben war? Die Uni sei lange geduldig gewesen, entgegnet Mahran: „Aber man muss Studenten ein Zeichen setzen, wenn etwas zu weit geht.“

Beim DAAD hält man sich zurück. Michael Harms, der Leiter der Kairoer Außenstelle, wertet die Vorgänge als „Teil dessen, was man auch an anderen Universitäten sieht“. Auch die Privatunis müssten den Demokratisierungsprozess voranbringen. Die Rhetorik der GUC-Verantwortlichen sei in der Tat „manchmal ungewöhnlich“. Das gelte aber ebenso für die Studierenden, etwa wenn sie in ihrem Forderungskatalog mehr Parkplätze wünschten oder forderten, ein Examen zu bestehen, wenn sie nur 40 Prozent der Aufgaben richtig beantworten.

Nun repräsentieren die liberalen Studenten nicht die gesamte Studierendenschaft. Auf dem Campus der Uni Kairo sind genauso Unterstützer der radikalen Salafisten beim Wahlkampf zu sehen. Sie breiten ein Banner auf dem Boden aus: „Schaut euch Ägypten an, wie es morgen sein wird!“ Dutzende drängeln sich darum und schreiben Wünsche auf das Plakat.

Und auch religiös geprägte Studierende demonstrieren, weil ihnen der demokratische Wandel nicht schnell genug geht, weil sie mit den Muslimbrüdern nicht zufrieden sind. Wie an der traditionsreichsten islamischen Uni Ägyptens, der Al-Azhar-Universität. Frauen und Männer lernen auf getrennten Campus. Zugelassen werden nur Muslime, Studierende belegen neben ihrem Hauptfach Kurse in Islamwissenschaft. Die Muslimbruderschaft dominierte zwar die Wahlen zu den Studentenvertretungen im vergangenen Jahr. Trotzdem kommt es an der Al Azhar häufig zu Streiks.

Bei einem Besuch am Germanistischen Seminar auf dem Männer-Campus diskutieren Studenten und Dozenten leidenschaftlich. „Wir Jungen fühlen uns nicht ernst genommen“, ruft ein Student. Ein Assistent kritisiert: „Die obersten Etagen in den Unis versuchen, ihre Pfründe zu retten. Das akzeptieren wir nicht.“ Die Studenten fordern neue Lehrpläne, ein Wissenschaftler wünscht sich die Öffnung der Al Azhar für nicht-muslimische Studierende und Forscher.

Beim DAAD tritt später Bundestagspräsident Norbert Lammert auf und diskutiert mit den Studierendenvertretern um Omar Marei. Aus vielen Fragen an Lammert spricht die Angst, die erkämpfte Freiheit an religiöse Kräfte zu verlieren. Die Studierenden wollen wissen, wie die Religion aus der Verfassung herausgehalten werden kann. Oder wie verhindert wird, dass eine Partei Parlament, Regierung, verfassungsgebende Versammlung und Präsidentenamt beherrscht.

Lammert sagt, er könne die Frustration der Studierenden verstehen. Wahlergebnisse müssten aber auch die Unterlegenen akzeptieren. Womöglich sei es eine Chance, dass islamische Kräfte in der verfassungsgebenden Versammlung in der Mehrheit seien: Die „heikle Frage“, wie Staat und Religion getrennt werden, müsse von der islamischen Mehrheit beantwortet werden, wenn sie die Gesellschaft nicht zerreißen solle. Lammert versucht die Studierenden mit einem Vergleich zu trösten. Die ersten freien Wahlen in der DDR seien für die ostdeutschen Bürgerrechtler ähnlich enttäuschend ausgegangen wie jetzt die Parlamentswahlen für die ägyptischen Bürgerrechtler. Zwanzig Jahre später sei ein Bürgerrechtler zum deutschen Präsidenten gewählt: „Es ist nicht so hoffnungslos, wie Sie denken.“

Omar Marei ist beeindruckt. Er kämpfe weiter: „Ich will etwas Sinnvolles für die Gesellschaft machen.“ Spätestens die nächste Generation werde es besser haben, ist er überzeugt. „Wir haben keine Angst mehr. Das ist ein großer Fortschritt.“

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