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US-Botschaft in Havanna : Keine akustischen Waffen: Grillen plagten US-Diplomaten auf Kuba

Eine lokale Insektenart steckte wohl hinter den "seltsamen Geräuschen", die in der US-Botschaft zu Spekulationen über einen akustischen Angriff führte

Sarah Reim
In der US-Botschaft in Havanna war es ab November 2016 verstärkt zu Krankheitsausfällen gekommen.
In der US-Botschaft in Havanna war es ab November 2016 verstärkt zu Krankheitsausfällen gekommen.Foto: dpa

Erst beklagten sie sich über unangenehme hohe Töne in ihren Wohnungen und nahe gelegenen Hotels, dann meldeten sie sich aufgrund von Kopfschmerzen, Übelkeit und anderen Symptomen krank – im Zusammenhang mit den mysteriösen Krankheitsfällen in der US-Botschaft in Havanna wurde etwa die Hälfte der Mitarbeiter im September 2017 aus Kuba abgezogen, weil die Gründe unklar blieben und ein Angriff von außen vermutet wurde. Der Grund für die Beschwerden könnte jedoch ein ganz trivialer sein, wie zwei Forscher jetzt herausfanden. Demnach sind die Übeltäter nicht Mikrowellen oder Ultraschall – wie vermutet wurde – sondern Grillen der Sorte Anurogryllus celerinictus. Das berichteten englische Zeitungen.

Forscher glichen Tonspuren aus der Botschaft mit einer Sounddatenbank ab

Im November 2016 hatten sich 21 Diplomaten binnen kurzer Zeit krank gemeldet und untersuchen lassen. Die Ursache blieb unklar, spekuliert wurde sogar über einen Angriff mit akustischen Waffen. Als vermeintlicher Beleg dafür kursierte im Internet ein Video, welches unter anderem eine Soundaufnahme aus der Botschaft enthält.
Diese Aufnahme glichen Alexander Stubbs von der Universität von Kalifornien in Berkeley und Fernando Montealegra-Zapata von der Lincoln-Universität in England mit einer wissenschaftlichen Tondatenbank ab. Die Aufnahme einer Grille war auffallend ähnlich, doch nicht gleich: Einige auffällige Tonmuster passten zunächst nicht zu dem Zirpen der Insekten. Das stellte sich jedoch schnell als systematischer Fehler heraus. Die Grillenaufnahmen wurden draußen, die abzugleichende Aufnahme drinnen angefertigt. So ergaben sich zusätzliche kleine Echos durch Wände und Gegenstände. Nachdem die Forscher neue Grillengeräuschaufnahmen – diesmal aus Innenräumen – produziert hatten, stimmten die Tonprofile aus Kuba mit dem Zirpen von Anurogryllus celerinictus fast vollständig überein.
"Die Aufnahme ist definitiv eine Grille, die zur gleichen Gruppe gehört", sagte Fernando Montealegra-Zapata der englischen Tageszeitschrift „The Guardian“. Die Töne dieser Spezies habe eine Frequenz von etwa sieben Kilohertz und werde vom Menschen als kontinuierliches Fiepen oder Trillern wahrgenommen.

Er sei nicht erstaunt, dass das Geräusch Menschen verstören könne, denen Insektengeräusche nicht geläufig sind. Gerald Pollack, der an der MC Gill Universität in Montreal die Kommunikation zwischen Insekten untersucht, findet das Grillenzirpen als Ursache für die gehörten Töne eine „vollkommen plausible Erklärung“, sagte er der englischen Tageszeitung "The Guardian". Fälle, wo dies zu medizinischen Komplikationen geführt hätte, seien ihm aber nicht bekannt.

Ergebnisbericht der medizinischen Untersuchungen wird kritisiert

"Ich halte es in dem kubanischen Fall für wahrscheinlich, dass die Insektengeräusche der Auslöser für Schlafmangel waren, welcher dann zu Symptomen wie Kopfschmerzen und Schwindel geführt hat", sagt Agnieszka Szczepek, Leiterin des HNO-Forschungslabors der Charité. Geräusche selbst würden solche Beschwerden nur in Ausnahmefällen hervorrufen, und dann vor allem bei sehr hoher Lautstärke. "Da halte ich es für plausibler, dass es eine Art Massenpanik war."
Die These von zumindest teilweise psychosomatischen Problemen stützt auch Mitchell Valdés-Sosa. Der Direktor des kubanischen Zentrums für Neurowissenschaften hält es für wahrscheinlich, dass nur wenige Diplomaten wirklich krank waren. Als die Symptome mit seltsamen Geräuschen in Verbindung gebracht wurden, löste das Ängste vor einer möglichen Attacke aus. Die im Folgenden auftretenden Probleme könnten dann psychische Ursachen haben. Für „Verletzungen in großflächigen Gehirnnetzwerken“, wie sie laut Untersuchungsbericht von Ärzten der Universität von Pennsylvania bei den Botschaftsmitarbeitern entdeckt worden sein sollen, gebe es keine Beweise, so Valdés-Sosa. Die Befragungen und MRT-Bilder der 21 Botschaftsmitarbeiter wurden ohne Vergleichsgruppe durchgeführt, wie anschließend von verschiedenen Ärzten kritisiert wurde. Im Magnetresonanztomografen (MRT) zeigten sich nur bei drei Betroffenen Auffälligkeiten. Die untersuchenden Ärzte räumten ein, dass es sich auch um vorher vorhandene Verletzungen handeln könnte und dass die meisten Befunde auf Basis von Fragebögen gestellt wurden. Im Fachblatt "Science" kommentieren zwei Wissenschaftler, dass das "eigentlich Mysteriöse" nicht die Krankheiten der US-Diplomaten seien, sondern "wie es ein so schlechter neuropsychologischer Befund überhaupt durch die Expertenprüfung einer so hochklassigen Fachpublikation schaffen konnte".


Wie genau die Beschwerden der Botschaftsmitarbeiter zustande kamen und wie gravierend die Probleme tatsächlich waren, bleibt also weiterhin unklar. Plausibel ist, dass die "seltsamen Geräusche", die viele von ihnen gehört haben, harmlos sind und lediglich von Grillen stammen.

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