US-Soldaten in Ost-Berlin : Auf Schnäppchenjagd beim Feind

Besondere Grenzgänger: US-Soldaten fuhren im Kalten Krieg oft privat nach Ost-Berlin – als Abenteuer oder zum Shoppen. Die Ost-Berliner waren davon nicht immer begeistert.

Stefanie Eisenhuth
Soldaten der US-Armee laden 1989 ihre in Ost-Berlin erstandenen Waren in einen Bus, der sie zurück nach West-Berlin bringen soll.
Soldaten der US-Armee laden 1989 ihre in Ost-Berlin erstandenen Waren in einen Bus, der sie zurück nach West-Berlin bringen soll.Foto: picture-alliance / ADN/ZB

Die Ost-Berliner ärgerten sich sehr über die Besuche alliierter Soldaten aus dem Westen. So berichtete es zumindest am 2. Oktober 1989 die „Berliner Zeitung“: „Wer etwa an Samstagen das Umfeld des ‚Centrum'-Warenhauses am Hauptbahnhof erkundet, findet ohne Mühe mehrere britische Privatwagen und britische Militärbusse. Vor dem ‚Centrum'-Kaufhaus am Alexanderplatz stehen zwei französische Militärbusse und drei amerikanische. Und dann marschieren, mit Schottenrock und strammen Waden, ein paar ‚Highlander' durchs sozialistische Konsumparadies.“

Pelze, Kameras, Lampen, Teppiche, Porzellan, Bettwäsche, Gardinen, Kinderkleidung und Spielzeug, aber auch Hausrat sowie Lebensmittel würden die Soldaten massenweise „im Kofferraum und unterm Sitz ihres Wagens verstauen“. Ein „mehrgängiger Abendschmaus“ und Krimsekt locke die Westalliierten zudem regelmäßig in die „feinen Restaurants der Nobelhotels“. Insbesondere die US-Soldaten würden bei ihren Besuchen „den dicken Maxe machen“, so zitierte die Tageszeitung einen Ost-Berliner. Vier Fotos von mit Einkäufen beladenen Soldaten begleiteten den Artikel. Wie eine Ironie der Geschichte erscheinen die Bilder dem rückblickenden Betrachter, erinnern sie doch an jene Fotos, die nur wenige Monate später, nach der Grenzöffnung am 9. November 1989, auf der anderen Seite der Berliner Mauer entstanden.

Tägliche Patrouille-Fahrten der Westalliierten nach Ost-Berlin

Wie war es möglich, dass jene Soldaten, die doch eigentlich West-Berlin im Falle einer sowjetischen Aggression verteidigen sollten, genüsslich in Ost-Berlin einkaufen gingen? Und dies zu einer äußerst unruhigen Zeit, als sich auch Experten nicht sicher waren, wie die Sowjetunion auf die Massenflucht und Botschaftsbesetzungen durch DDR-Bürger reagieren würde? Die Episode wirft schlaglichtartig ein Licht auf eine besondere Gruppe von Grenzgängern: die in West-Berlin stationierten US-Soldaten. Für sie (wie auch für die Soldaten der britischen und französischen Armee) markierte die Mauer einerseits die Front des Kalten Krieges. Andererseits durften sie diese aber ohne große Kontrollen passieren und ihre Freizeit in Ost-Berlin verbringen.

Zu den Eigentümlichkeiten des Kalten Krieges gehörte der Status des geteilten Berlins, über den sich die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges bis 1990 nicht einigen konnten. Eine Geschichte der Amerikaner in Berlin wäre deshalb unvollständig, würde sie nicht auch einen Blick über die Mauer werfen. Tägliche Patrouille-Fahrten, auch „Flag-Tours“ oder Inspektionsfahrten genannt, führten die Westalliierten nach Ost-Berlin und die sowjetischen Streitkräfte nach West-Berlin. Immer wieder kam es hierbei zu Zwischenfällen und Konfrontationen.

Obwohl prinzipiell erlaubt, waren private Aufenthalte in Ost-Berlin seitens der US-Armee nicht zu jedem Zeitpunkt erwünscht und nicht jedem US-Amerikaner gestattet. Die entsprechenden Regeln änderten sich über die Jahrzehnte hinweg mehrfach. In den 1950er- und 1960er-Jahren betrieben die USA im Hinblick auf die DDR eine „rigorose Nichtanerkennungspolitik“. Militärangehörige und Zivilangestellte wurden deshalb gebeten, sich möglichst nicht in Ost-Berlin aufzuhalten.

Die Dollarschwäche führt zu einer "Armutskrise" unter US-Soldaten

Erst ab Anfang der 1970er-Jahre ermutigte die US-Armee ihre Soldaten und deren Familien, den Ostteil der Stadt auch privat zu besuchen, um „die US-Präsenz im Sowjetsektor Berlins zu verstärken“ und ihnen den Besuch von „Museen, Restaurants, Opernhäusern und Theatern“ vor Ort zu ermöglichen. Der erste Teil der Begründung dürfte sich auf den Wunsch bezogen haben, insbesondere während der Verhandlungen über das Viermächteabkommen demonstrativ zu zeigen, dass man an der Verantwortung der Siegermächte für ganz Berlin festhalten werde. Der zweite Teil verweist darauf, dass West-Berlin als Stationierungsort immer teurer wurde. Als die Nixon-Regierung im Sommer 1971 die Goldkonvertibilität des Dollars aufgab, sank der Lebensstandard der in Deutschland stationierten US-Soldaten rapide. Die Dollarschwäche traf sie in einem Ausmaß, dass die US-Armee selbst von einer „Armutskrise“ sprach.

Schließlich sorgte auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und der DDR dafür, dass Aufenthalte jenseits der Mauer als weniger gefährlich galten. Die Zahl der Grenzüberquerungen stieg kontinuierlich – zwischen 1977 und 1987 von 30 962 auf 110 619 pro Jahr. An manchen Feiertagen nahm der Grenzverkehr ein kaum zu bewältigendes Ausmaß an. 1986 nutzen so viele GIs den Veterans Day für einen Ausflug in die andere Stadthälfte, dass sich eine Schlange bildete, die zeitweise vom Checkpoint Charlie bis zur vier Kilometer entfernten Urania reichte.

So sah die Mauer vor dem Fall aus
"Scheiße - eine Bombe!" - das soll ein Spezialist der Berliner Polizei gesagt haben, als er 1982 oder 1983 ganz allein ein verdächtiges Paket vor der Mauer öffnete. Das Foto schoss ein amerikanischer Militärpolizist am Landwehrkanal. Das Haus auf der Ostseite steht heute noch an der Lohmühlenstraße Ecke Jordanstraße. - Foto: popo.uw23 ( Public Domain)Weitere Bilder anzeigen
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23.11.2018 15:57"Scheiße - eine Bombe!" - das soll ein Spezialist der Berliner Polizei gesagt haben, als er 1982 oder 1983 ganz allein ein...

Ein kompliziertes Unterfangen war die private Fahrt von West- nach Ost-Berlin nicht durch Kontrollen seitens der DDR - sondern aufgrund amerikanischer Sicherheitsvorkehrungen. Militärangehörige mussten im Besitz bestimmter Papiere sein. Informationsschreiben und Regularien klärten vorab über Ge- und Verbote auf: Militäreinrichtungen oder Militärangehörige der DDR und der Sowjetunion durften nicht fotografiert werden. Dokumente der US-Armee wie Karten oder Zeichnungen sollten nicht mitgenommen werden. Besonders wichtig war die Vorgabe, jegliche Aufforderung, sich auszuweisen, zu verweigern und bei Schwierigkeiten stets nach einem sowjetischen Gesprächspartner zu verlangen. Die Uniform diente als Beleg für die Zugehörigkeit zu den Alliierten, weitere Kontrollen waren verboten.

Erstmals besuchten neu in Berlin eingetroffene US-Soldaten die östliche Stadthälfte im Rahmen der regulären Troop Orientation Tour. Hier wurden ihnen auch wichtige Einrichtungen jenseits der Mauer gezeigt – zum Beispiel der Sitz des Zentralkomitees der SED und des Zentralrats der FDJ, das sowjetische Ehrenmal und die sowjetische Botschaft. Solche grenzübergreifenden Stadtrundfahrten existierten ununterbrochen zwischen 1945 und 1990 und dienten primär dazu, dem Personal der US-Armee die eigene Mission zu verdeutlichen.

Die US-Armee organisierte seit 1945 grenzüberschreitende Stadtrundfahrten

Weitere Touren bot das amerikanische Information, Tour and Travel Office (ITT) an. Wann genau das Programm um Shopping-Touren erweitert wurde beziehungsweise bei Stadtrundfahrten einzelne Geschäfte als Ziele hinzukamen, ist nicht klar zu ermitteln. Die früheste Erwähnung findet sich 1983 in einem Artikel der amerikanischen Armee-Zeitschrift „Stars and Stripes“, der das Phänomen allerdings bereits als Problem schildert: Die sozialistische Planwirtschaft würde die Alliierten als Konsumenten nicht berücksichtigen und daher unter dem „exzessiven Shopping“ leiden. Die reinen Einkaufsfahrten seien deshalb von drei auf zwei pro Woche und die Zahl der eingesetzten Busse pro Fahrt von zwei auf einen reduziert worden. Das Mitnehmen von Einkaufswagen und Koffern sei nun verboten.

Beliebt war auch das Dinieren in Ost-Berlin. So stellte das MfS 1978 fest, dass die bevorzugten Aufenthaltsorte der Amerikaner aufgrund „der niveauvollen Einrichtung und des guten Angebots“ die Speisegaststätte Stockinger in der Schönhauser Allee und die Offenbachstuben in der Stubbenkammerstraße im Prenzlauer Berg waren. Beide Adressen waren auch bei der lokalen Künstlerszene beliebt und stellten kleine, bunte Oasen inmitten der Hauptstadt der DDR dar. In den 1980er-Jahren traf man die Angehörigen der Westalliierten auch häufig in den Bars und Restaurants der Interhotels, im Ganymed am Schiffbauerdamm oder in den Nationalitätenrestaurants an der Karl-Marx-Allee.

Mit viel Aufwand versuchte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) festzustellen, ob es bei den Besuchen zu persönlichen Kontakten kam. Die Mitarbeiter fanden heraus, dass die Amerikaner (entgegen den Vorschriften der US-Armee) oft DDR-Bürger – aber auch West-Berliner und Westdeutsche – streckenweise in ihren Fahrzeugen mitnehmen würden. Auch würden sie immer wieder Süßigkeiten oder Zigaretten verschenken und „durch freundliches Zuwinken und Zurufen“ versuchen, Sympathiebekundungen zu provozieren. Allerdings mussten sich die MfS-Mitarbeiter eingestehen, dass die Kontaktaufnahme auf der Straße oder in Gaststätten zumeist von den eigenen Landsleuten ausging.

Trotzdem nahmen sie an, die Besuche in Ost-Berlin seien Teil einer amerikanischen „Globalstrategie“, um „Kontaktpolitik, politisch-ideologische Diversion, Menschenhandel, Geheimdienstaktivität“ zu intensivieren. Dass die US-Soldaten aus eigenem Antrieb handelten, ohne einer zentralen Anweisung zu folgen, kam den MfS-Mitarbeitern nicht in den Sinn.

Einige US-Soldaten suchen Nervenkitzel im Ostteil

Den Erzählungen vom großzügigen und aufgeschlossenen Verhalten einiger US-Soldaten stehen Überlieferungen entgegen, die dokumentieren, dass andere in Ost-Berlin eher nach einem gewissen Nervenkitzel suchten. Zahlreiche MfS-Akten dokumentieren kleinere Konfrontationen zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten oder ostdeutschen Volks- und Bereitschaftspolizisten: US-Soldaten seien mit bis zu 120 km/h durch die Innenstadt gerast und hätten dabei konsequent Verkehrsschilder ignoriert; andere hätten neun Mal einen Kreisverkehr umrundet, um die Volkspolizisten zu verhöhnen. Mehrfach seien DDR-Staatsflaggen sowie andere Fahnen als Souvenirs mitgenommen worden. Es scheint, als suchten sie nach jenen „Abenteuern“, die sie sich von einer Stationierung an der einst heißesten Front des Kalten Krieges versprochen hatten und in Zeiten der Entspannung und Annäherung kaum mehr vorfanden.

Wie reagierte die DDR? Hier lässt sich bei einem Blick in die DDR-Tageszeitungen zunächst feststellen, dass das Phänomen in der Ära Honecker nicht mehr instrumentalisiert wurde, um die USA, die Bundesrepublik oder West-Berlin zu diskreditieren. Stattdessen lockte man gezielt ausländische Gäste nach Ost-Berlin und rühmte sich mit dem zunehmend internationalen Flair. Hier zeigt sich die Ambivalenz der Ära Honecker: der Bedarf an Devisen, der Wunsch nach internationaler Anerkennung und die damit einhergehende partielle Öffnung – die jedoch durch einen massiven Ausbau des Sicherheitsapparates begleitet war, um die Folgen kontrollieren zu können.

Großeinkäufe rufen Unmut bei Ost-Berlinern hervor

Auf der anderen Seite der Mauer begann die Kritik an dem grenzübergreifenden Amüsement erst in den 1980er-Jahren. So berichtete das West-Berliner Stadtmagazin „Zitty“, im Café Moskau fühle man sich an „manchen Sonntagen“ inzwischen wie in „einem besseren Eßlokal einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA“. Schließlich sahen sich die West-Berliner Senatskanzlei und die Ständige Vertretung dazu veranlasst, den US-Stadtkommandanten darauf hinzuweisen, dass dieses Verhalten „nachteilig für das Ansehen der USA“ sei. Großeinkäufe in Ost-Berlin würden „großen Unmut bei der dortigen Bevölkerung hervorrufen“.

Für US-amerikanische Besucher erwies sich Ost-Berlin besonders in den 1980er-Jahren als Ort, an dem man zugleich den Feind treffen und auf Schnäppchenjagd gehen konnte. Die Stadtrundfahrten für Militärangehörige und ihre Familien erscheinen im Rückblick als eine Mischung aus Politik-, Einkaufs- und Abenteuertourismus, motiviert durch die Neugier, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen und den Sozialismus als „real existierenden“ Alltag sehen zu wollen. Aus der Perspektive der DDR-Regierung stellten die alliierten Grenzgänge stets die territoriale Souveränität des eigenen Staates infrage, demonstrierten sie doch, dass ausgerechnet der Status der Hauptstadt prekär war. Obwohl Abgrenzung ein zentrales Element der politischen Kultur der DDR war, ließ sich eine totale Abschottung gen Westen nicht durchsetzen. Berlin blieb ein Grenzraum, in dem verschiedene Interaktionen an der Tagesordnung waren.

Die Autorin ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Ihre Dissertation „Die Schutzmacht. Die Amerikaner in Berlin 1945-1994“ wird Mitte September als Buch im Wallstein Verlag erscheinen. Der hier veröffentlichte Text basiert auf einem Artikel in der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“.

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