• „Viel schädlicher, als wir dachten“: Masern machen Kinder über Jahre anfälliger für andere Krankheiten

„Viel schädlicher, als wir dachten“ : Masern machen Kinder über Jahre anfälliger für andere Krankheiten

Forscher entdecken, wie Masern das Immunsystem schwächen. Zwei Studien zeigen nun, warum das so ist.

Masern schwächen das Immunsystem dauerhaft.
Masern schwächen das Immunsystem dauerhaft.Foto: Alejandro Ernesto/dpa

"Was sie nicht umbringt, macht sie stärker", ist ein typisches Argument von Impfgegnern. Sie lassen ihre Kinder nicht gegen Masern impfen, damit diese sich mit dem Virus anstecken. Mitunter werden dafür sogar "Masernpartys" veranstaltet. Die Idee: Wer die Masern einmal durchgemacht hat, ist danach immun. Und mehr Nebenwirkungen als die Impfung werde die Krankheit schon nicht haben. Doch das ist falsch.

Nicht nur, dass Eltern damit potenziell tödliche Spätfolgen durch das Virus in Kauf nehmen. Die Masern schwächen auch das Immunsystem auf Dauer und machen Erkrankte dadurch anfälliger für diverse Infektionen. Jetzt haben Forscher ganz neue Erkenntnisse darüber gewonnen, wie das Virus die Körperabwehr schachmatt setzt.

Schon lange ist bekannt, dass Masern das Immunsystem vorübergehend schwächen können. Studien zeigen, dass Masernerkrankte öfter an Folgeinfektionen erkranken und daran sterben können. Als es noch keine Masernimpfung gab, könnte sogar jeder zweite Todesfall durch eine Infektionskrankheit auf ein durch Masern gelähmtes Immunsystem zurückgehen, schätzen Forscher. Als Ursache vermuten sie eine Art Gedächtnisverlust der Immunsystems. Wie genau das Virus die Abwehr schwächt, war bisher allerdings unklar.

Zwei Forschungsgruppen gingen der Frage nun mit unterschiedlichen Methoden nach. Das Team um Michael Mina vom Howard Hughes Medical Institute in Boston untersuchte Blutproben von 77 ungeimpften Kindern aus den Niederlanden zwei Monate vor und nach einer Maserninfektion. Die Kinder waren vier bis 17 Jahre alt und hatten vorher keine Masern gehabt.

"Fast so wehrlos wie Neugeborene"

Die Forscher benutzten eine recht neue und besonders sensitive Methode. Anhand nur eines Tropfens Blut lässt sich feststellen, mit welchen Viren die Kinder und Jugendlichen es in ihrem bisherigen Leben zu tun bekommen hatten. Das funktioniert, indem der Test Antikörper gegen verschiedene Krankheitserreger im Blut sucht. Antikörper sind Eiweiße, die von Immunzellen als Reaktion auf Krankheitserreger gebildet werden. Kommt der Körper mit demselben Virus erneut in Kontakt, können die Antikörper es schnell unschädlich machen. Sie bilden das Gedächtnis des Immunsystems.

Die Analyse des Blutes vor und nach der Masernerkrankung zeigte, dass die Viren die schützenden Antikörper der Kinder reihenweise dahingerafft hatten. In nur zwei Monaten verloren sie elf bis 73 Prozent der Vielfalt des Immunschutzes, den ihr Immunsystem im Laufe des Lebens aufgebaut hatte. Zwar fanden sich weiterhin Antikörper gegen die Masern, aber diejenigen gegen verschiedene andere Erreger waren nicht mehr da. Selbst als sich die Kinder vollständig von den Masern erholt hatten, blieben diese Antikörper verschwunden, wie die Wissenschaftler im Fachblatt "Science" schreiben. "Einige dieser Kinder sind fast so wehrlos wie Neugeborene", sagte Stephen Elledge, Mitautor der Studie, einer Mitteilung seiner Universität zufolge.

In einem zweiten Schritt infizierten die Forscher Rhesusaffen mit einem masernähnlichen Virus. Bis fünf Monate nach der Infektion blieben 40 bis 60 Prozent der schützenden Antikörper verschwunden. Elledge glaubt, bei den Kindern könne man mit ähnlichen Ergebnissen rechnen, hätte man sie nochmals fünf Monate nach der Infektion untersucht, da es offenbar eine Weile dauert, bis sie aus dem Blut verschwinden.

Das Virus tötet die Gedächtniszellen

In einer weiteren Studien untersuchte ein Forschungsteam um Velislava Petrowa vom Wellcome Sanger Institute im britischen Cambridge die Blutproben von 26 der 77 niederländischen Kinder. Dabei konzentrierten sie sich auf die B-Immunzellen, die die Antikörper für die Immunantwort produzieren. Sie publizieren ihre Ergebnisse im Magazin "Science Immunology".

Sie entdeckten, dass nach der Infektion auch die Vielfalt dieser Gedächtniszellen verloren geht – und somit gleichsam die Erinnerung der Körperabwehr. Das liege daran, dass das Masernvirus seine Wirtszellen über eine Oberflächenstruktur auf T- und B-Gedächtniszellen befällt und die Zellen zerstört.

Das bestätigte sich auch in einem Versuch mit Frettchen, die die Forscher gegen Grippe geimpft hatten. Nachdem sie die Tiere mit dem Masernvirus infizierten, waren sie deutlich anfälliger gegenüber den Grippeviren als zuvor. Ihr Immunsystem hatte durch die Maserninfektion verlernt, wie es auf die Grippeviren reagieren soll.

Bei Geimpften fanden die Forscher den Effekt nicht

Um das Gedächtnis wieder aufzubauen, muss der Körper erneut mit den Erregern in Kontakt kommen. Er muss neu lernen, die Viren zu bekämpfen, obwohl er es eigentlich schon einmal konnte – vor der Masernerkrankung. Das kann Monate oder Jahre dauern, wie die Forscher schreiben.

Bei Kindern, die gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR) geimpft wurden, fanden die Forscher den Gedächtnisverlust des Immunsystems dagegen nicht. Im Gegenteil: Die Abwehr von Kleinkindern wurde durch die Impfung sogar stärker. Bei Erwachsenen gibt es eine so detaillierte Untersuchung zwar bisher nicht. Aber es sei nicht davon auszugehen, "dass die Masernimpfung in anderen Altersgruppen einen negativen Effekt auf das Immunsystem hat", sagt Johannes Trück vom Universitäts-Kinderspital Zürich. Vielmehr könne der Körper die durch die Masern ausgelöste Immunschwäche wohl schlechter kompensieren als im Kindesalter.

"Diese Arbeiten unterstreichen einmal mehr, dass Masern eine gefährliche Krankheit sind, die selbst bei unkompliziertem Verlauf das Immunsystem über Jahre schwächt“, sagt Richard Neher von der Uni Basel. Kinder aus ideologischen Gründen nicht gegen die Masern zu impfen, sei unverantwortlich.

Die Ergebnisse machen die Impfung umso wertvoller

Ursprünglich wollte die WHO die Masern bis 2020 eliminieren. Doch obwohl die Zahl der Maserntoten durch die Impfung in im Zeitraum von 2000 bis 2017 um etwa 80 Prozent zurückging, geht die Entwicklung nun wieder in die entgegengesetzte Richtung. Weltweit wurden im ersten Halbjahr 2019 dreimal so viele Fälle berichtet wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres – der höchste Stand seit 2006. Im Jahr 2017 starben etwa 110.000 Menschen an den Masern. Die meisten sind Kinder unter fünf Jahren.

Besonders Menschen in ärmeren Ländern könnten von der Impfung profitieren. Denn gerade sie, die häufig durch Mangelernährung geschwächt sind, sind von der Immunschwäche durch eine Maserninfektion besonders bedroht. "Das Virus ist viel schädlicher als wir dachten", sagt Koautor Stephen Elledge. Das mache die Impfung umso wertvoller.

Aber auch hierzulande sind nicht genügend Menschen gegen die Masern geimpft. Auch gibt es nach wie vor Eltern, bei denen alle Impf-Appelle ungehört verhallen. Vor allem für diejenigen unter ihnen, die bei ihren Kindern speziell auf die MMR-Impfung verzichten, gibt es aber noch eine Pointe: "Kinder, die nicht gegen MMR geimpft werden und sich mit Masern infizieren, müssen die vorherigen Impfungen womöglich erneut bekommen", sagt Elledge. Etwa gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten – gegenüber diesen Infektionen könnten ehemalige Masernerkrankte anfälliger sein. Das liegt daran, dass ihr Immunsystem die durch die Impfungen entstandene Schutzwirkung einfach vergessen haben könnte. Bekommt ein Kind dann zum Beispiel mit drei Jahren die Masern, dann bräuchte es die zuvor verabreichten Sechsfach-Impfungen erneut. (mit smc)

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: