• Vogelzug im Höhenflug: Drosselrohrsänger überqueren Mittelmeer und Sahara in ungeahnten Höhen

Vogelzug im Höhenflug : Drosselrohrsänger überqueren Mittelmeer und Sahara in ungeahnten Höhen

Zugvögel zwischen Europa und Afrika legen jährlich tausende Kilometer zurück. Drosselrohrsänger erreichen dabei auch beachtliche Flughöhen.

Drosselrohrsänger nehmen jedes Jahr zweimal die Reise zwischen ihren Brutplätzen in Europa und ihren Überwinterungsgebieten in Afrika südlich der Sahara auf sich.
Drosselrohrsänger nehmen jedes Jahr zweimal die Reise zwischen ihren Brutplätzen in Europa und ihren Überwinterungsgebieten in...Foto: niclasahlberg.se

Wie viele Milliarden anderer Singvögel pendeln Drosselrohrsänger im Jahresrhythmus einige Tausend Kilometer zwischen ihren Brutgebieten in Europa und ihren Winterquartieren in milderen Gefilden im Süden. Weil die meisten Arten in der Nacht und ein paar Hundert Meter über dem Boden unterwegs sind, bekommen Menschen von diesen Tierwanderungen wenig mit.

Drosselrohrsänger bevorzugen sogar Flughöhen ein wenig über 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Einzelne Vögel lassen sich dort oben nur noch mithilfe kleiner, gerade einmal 1,1 Gramm wiegender Mini-Geräte beobachten, die Forschende den nur wenig mehr als spatzengroßen Vögeln auf den Rücken binden. Mit den aufgezeichneten Daten enthüllen Sissel Sjöberg von den Universitäten im schwedischen Lund und im dänischen Kopenhagen und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift Science“ jetzt ein erstaunliches Flugverhalten.

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Flugzeiten bis über 30 Stunden

Sobald die Drosselrohrsänger das Mittelmeer oder die Sahara überqueren, fliegen sie nonstop auch tagsüber und steigen dazu in der Morgen-Dämmerung auf Höhen von über 5000 Metern auf.

„Eine traumhafte Arbeit“, urteilt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell und der Universität Konstanz über diese Studie. „Bisher konnte sich kaum jemand vorstellen, dass gerade einmal 30 Gramm schwere Singvögel über unwirtlichen Gegenden wie Wüsten und Meeren in Höhen von 5000 bis über 6000 Metern fliegen“, erklärt der Spezialist für die Beobachtung solcher Tierwanderungen und Leiter des weltraumgestützten Beobachtungssystems für Tierbeobachtungen, Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space).

Für die Drosselrohrsänger wären die 2,5 Gramm wiegenden Sender allerdings zu schwer gewesen, die im Icarus-Projekt Bewegungsdaten von Tieren auch aus unwirtlichen Gegenden zur internationalen Raumstation übertragen. Sjöberg und ihr Team konstruierten daher nur 1,1 Gramm schwere Mini-Geräte, die mit- hilfe der Tageslänge den Standort der Tiere festhalten und die neben den Bewegungsaktivitäten der Vögel über den Luftdruck auch die Flughöhe bestimmen und aufzeichnen.

63 Drosselrohrsängern band das Team am Kvismaren-See im Süden Schwedens im Sommer ein solches Gerät auf den Rücken. Ein Jahr später konnten sie dort 29 dieser Vögel wieder fangen. Die anderen Tiere waren entweder andernorts gelandet oder auf dem Zug ums Leben gekommen. Drosselrohrsänger überwintern in Afrika südlich der Sahara. Wegen technischer Probleme konnten nur 14 dieser Geräte ausgelesen werden, aber die erhaltenen Daten zeigen ein vorher nie beobachtetes Flugverhalten: Normalerweise waren die Drosselrohrsänger nachts in einer Höhe von durchschnittlich 2400 Metern unterwegs. Tagsüber rasteten die Tiere. Jeder der beobachteten Vögel verlängerte aber mindestens einmal seinen Nachtflug bis in den hellen Tag hinein. Insgesamt 29 solcher Langstreckenflüge mit einer Dauer von 12,1 bis zu 34,2 Stunden fanden Sjöberg und ihr Team in den Datensätzen. Von 14 dieser Strecken konnte der ungefähre Verlauf ermittelt werden. Alle führten entweder übers Mittelmeer oder über die Sahara.

Energie sparen und Räuber vermeiden

Völlig unerwartet war das einheitliche Muster dieser Langstreckenflüge: Bei Sonnenaufgang flogen die Vögel steil in die Höhe und erreichten durchschnittlich fast 5400 Meter über dem Meeresspiegel. Ein Tier war sogar in beinahe 6300 Metern Flughöhe unterwegs. Bei Sonnenuntergang oder kurz danach ging es dann wieder steil hinunter auf die Nachtflughöhe von rund 2400 Metern.

„Vielleicht sparen die Drosselrohrsänger so Energie“, sagt Wikelski. So treten tagsüber erheblich mehr Turbulenzen auf, die den Energieverbrauch für einen Flug um rund 30 Prozent in die Höhe treiben. „In größere Höhe aber dürften die Turbulenzen erheblich geringer sein“, vermutet der Max-Planck-Forscher. Allerdings schlägt bei der Energiebilanz eines Flugs in 5000 bis 6000 Metern Höhe auch der Aufstieg um rund 3000 Höhenmeter zu Buche. „Dieser aber lässt sich möglicherweise erheblich mindern, wenn die Vögel sich von aufsteigenden Luftmassen wie mit einem Lift in die Höhe tragen lassen“, sagt Wikelski, der in seiner Freizeit mit Hängegleitern über den Alpen unterwegs ist und der als Forscher einen Pilotenschein hat, um im Cockpit mit Sendern ausgestattete Vögel verfolgen zu können.

Eventuell weichen die Drosselrohrsänger auf ihrem Höhenflug am hellen Tag auch den Eleonorenfalken aus, die tagsüber im Mittelmeerraum Singvögel jagen. Als Wikelski Falken mit Sendern ausrüstete, waren sie nie höher als 3500 Meter über dem Meeresspiegel unterwegs. Sind solche Höhen also schlicht sicherer? Oder finden die Drosselrohrsänger tagsüber dort oben vielleicht auch bessere Windbedingungen vor? „Tausend Meter höher kann die Windrichtung durchaus um 15 Grad abweichen“, erklärt der Max-Planck-Forscher. Möglicherweise kann es auch eine Kombination solcher und anderer, bisher unbekannter Faktoren sein, die Singvögel veranlassen, tagsüber in großen Höhen zu fliegen.

Bisher haben die Forschungen nur für Drosselrohrsänger einen Aufstieg in Höhen über 5000 Meter gezeigt. Die Flughöhen anderer Singvogel-Arten müssen noch genauer untersucht werden. Vielleicht entpuppen sich ja einige von ihnen ebenfalls als Höhenflieger.

„Sehr interessant wären natürlich Messungen zum Energieverbrauch der Vögel in verschiedenen Höhen“, sagt Wikelski. Äußerst hilfreich bei solchen Untersuchungen wären weiter verkleinerte Icarus-Sender, die auch kleine Singvögel tragen können. Damit könnte man herausbekommen, ob der Höhenflug tatsächlich ein Energiesparmodell ist.

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