Wegen seiner Wagner-Verehrung sagen sich Freunde von Levi los

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Wagners jüdischer Dirigent : „Ein fortwährendes seelisches Sich-Verbeugen“
Stephen Tree

Die Cosi-Vorstellung ist so gelungen, dass Levi seinen Freund Brahms dazu einlädt. Doch der bleibt nur einen Tag, bevor er sich mit ihm überwirft. Gegenstand des Streits: Levis zunehmende „Wagneritis“. Die führt 1880 auch zum Bruch mit seinem Lehrer Vinzenz Lachner: „Ich sehe Dich, einen der berufensten Priester der Kunst, für immer an eine Sache geschmiedet, die ich als eine Krankheit, ja als ein Nationalunglück ansehen muss.“

Die Trennung ist für Levi „die schmerzlichste Erfahrung meines ganzen Lebens“. Ohne von seiner Wagner-Verehrung ablassen zu wollen. 1875 besucht er Bayreuth und zeigt sich in einem Brief an seinen Vater „ganz überwältigt vom Eindruck der Werke, des Hauses und der Aufführung. Gerade ich, der ich auf großen Umwegen und nach vielen inneren Kämpfen Wagnerianer geworden bin, habe vielleicht ein freieres Urteil.“ Doch „Wagnerianer“, schreibt Levi, sei ein „dummes Wort“. „Man versteht eigentlich nur die Radikalen darunter, zu denen ich nie gehören werde.“

Als Wagner1879 den „Parsifal“ abschließt, und von Ludwig II. das Münchener Orchester samt seinem Chefdirigenten Levi zur Uraufführung angeboten bekommt, sieht er nur ein Hindernis: „Ungetauft darf er den ‚Parsifal’ nicht dirigieren.“ Levi war Wagner, wie er an einen Freund schrieb, „mit Leib und Seele verfallen“, doch zu dem von seinem Idol geforderten Religionswechsel hat er sich nicht durchringen können. Levi ist trotz der oft bösartigen Sticheleien und Attacken nie Christ geworden. Als er nach einem besonders unschönen Angriff um Entpflichtung ersucht und abreist, schickt ihm Wagner ein Telegramm nach: „Um Gotteswillen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen!“ Und Levi kommt zurück.

Von da an gehen die Wahrnehmung Levis und die Beobachtung Außenstehender zunehmend auseinander. Während Levi nicht müde wird, seinem Vater, dem Rabbiner, die „Güte“ und „Freundlichkeit“ der Wagners ihm gegenüber zu betonen, fallen anderen die fürchterlichen Verrenkungen auf, zu denen man ihn dort zwingt: „Es war ein fortwährendes seelisches und körperliches Sich-Verbeugen, das mich peinlich berührte, da ich Levi, den großen Künstler und freigiebigen Menschen, von dieser Seite nicht kannte“, erinnerte sich etwa Levis Meisterschüler Felix Weingartner.

Letztlich ist Levis Position, als Musiker, der von Wagner fasziniert ist, und als Jude, der von eben diesem Wagner, trotz Sympathie und Anerkennung seiner überragenden Dirigierbegabung, als Mensch zweiter Klasse betrachtet und behandelt wird, unhaltbar und selbstzerstörerisch. Auch die von Wagner geforderte Taufe hätte daran nichts geändert. Der Begriff „Antisemitismus“ für Feindschaft gegen Menschen jüdischer Abstammung, im Unterschied zur Ablehnung der jüdischen Religion, ist genau damals, um 1880, aufgekommen und durch die Parteinahme einer so bedeutenden Persönlichkeit wie Wagner geadelt worden.

Als Wagner 1883 stirbt, ist Levi einer der Sargträger. Er setzt sich tatkräftig dafür ein, dass die Festspiele unter Cosima Wagners Leitung weiter geführt werden und dirigiert dort nach wie vor seinen „Parsifal“. Doch die „Clique der Radikalen“, der er nun als Mitglied des innersten Wagner-Zirkels angehört, tut alles, ihm die Mitgliedschaft schwer und immer schwerer zu machen. Die Erinnerungen des ihm beigeordneten Chordirektors tragen den Titel „Der Kampf zweier Welten um das Bayreuther Erbe“. Houston Stewart Chamberlain, der neue Vordenker des Wagnerkults, ist einer der wichtigsten Popularisierer des Rassismus.

1888 setzt Levi zum ersten Mal in Bayreuth aus, 1894 gibt er auf. In München dirigiert er weiter. Doch zwei Jahre später lässt er sich pensionieren. Er ist gesundheitlich und nervlich am Ende. Ein kurzes Glück: 1896 heiratet Levi die Witwe seines besten Freundes. In den dreieinhalb Jahren, die ihm bleiben, erstellt er eine sorgfältig der Musik angepasste deutsche Übersetzung von Mozarts drei Da-Ponte-Opern, die bis heute benutzt wird. Anfang 1900, er ist keine 61 Jahre alt, bricht er zusammen. Nervöse Erschöpfung. Levis letzter Wunsch: noch einmal Cosima Wagner sehen. Dazu ist es nicht gekommen. Zur Beerdigung schickt sie einen Kranz und den Geschäftsführer.

Garmisch-Partenkirchen, immerhin, soll von diesem Sommer an, zum 115-jährigen Jubiläum der Verleihung der Ehrenbürgerschaft, wieder eine Hermann-Levi-Straße aufweisen.

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