Was sollen Forscher forschen? : Bürger, gebt die Signale!

Die Raumfahrtagentur Esa will mit einer Umfrage herausfinden, welche Weltraumforschung in der Öffentlichkeit besonders gut ankommt.

Da draußen ist so viel, was es zu erforschen gäbe - aber wofür soll das begrenzte Geld ausgegeben werden? Die europäische Raumfahragentur ESA fragt jetzt auch die Bürger.
Da draußen ist so viel, was es zu erforschen gäbe - aber wofür soll das begrenzte Geld ausgegeben werden? Die europäische...Foto: Jens Büttner/dpa/dpa-tmn

Wie ist die Milchstraße entstanden? Wie können wir uns vor energiegeladenen Teilchen aus dem All schützen? Wie funktioniert unser Mutterstern, die Sonne? Wo könnte es eine zweite Erde geben? Wer Antworten auf derlei Fragen sucht, sollte sich an seine zuständige Raumfahrtagentur wenden. Das ist kein Witz: Die europäische Raumfahrtorganisation Esa hat jetzt eine Umfrage gestartet, mit der sie herausfinden will, welche Fragen rund um die Weltraumforschung die Bürgerinnen und Bürger besonders spannend finden.

Das Raumfahrtprogramm mitgestalten

„Unsere Missionen werden von den Mitgliedsstaaten und somit von den Bürgern finanziert“, sagt der Esa-Direktor für Wissenschaft, Günther Hasinger, in einer Mitteilung. „Die öffentliche Umfrage soll den europäischen Bürgern die Möglichkeit dazu geben, am wissenschaftlichen Raumfahrtprogramm mitzuwirken. Wir wollen hören, was sie zu sagen haben und unsere nächsten Missionen auf eine offene und transparente Art und Weise gestalten.“

Die Ergebnisse sollen in die Überlegungen einfließen, welche Forschungssonden und Weltraumteleskope mit welchen wissenschaftlichen Zielen entwickelt werden. Ein bisschen Geduld sollte man trotzdem haben. Es geht um „Voyage 2050“, das wissenschaftliche Raumfahrtprogramm der Esa von 2035 bis 2050. Derzeit wird der Plan namens „Cosmic Vision 2015“ abgearbeitet. Dazu gehören Missionen, deren Start und Betrieb zwischen jetzt und den frühen 2030ern liegen, teilt die Organisation mit. Hierzu zählen etwa Missionen, um Exoplaneten zu charakterisieren, die relativ nahe an der Erde sind („Cheops“, Start im Herbst 2019 geplant), das Sonnenobservatorium „Solar Orbiter“ (Start 2020), die Mission „Juice“, die Jupiter und seine Monde erkunden soll (Start 2022) oder der weltraumgebundene Gravitationswellendetektor „Lisa“ (Start ca. 2034).

 Milliardenkosten legitimieren

Große Missionen benötigen rasch um die 20 Jahre und mehr von den ersten Planungen bis zum Beginn der Forschungsarbeit. Die Kosten können dabei durchaus bei mehr als einer Milliarde Euro liegen, die von den Esa-Mitgliedsländern aufgebracht werden müssen. Ein entsprechendes Votum bei der Bürgerumfrage kann also Argumente liefern, Missionsideen aus der wissenschaftlichen Community zu ordnen. Darüber hinaus wird eine Bürgerbeteiligung bei wissenschaftlichen Großprojekten zunehmend wichtig, um nicht an deren Interessen vorbei zu arbeiten.

Gerade Hasinger kennt die Probleme, die bei fehlender Einbindung auftreten können. Der heutige Esa-Direktor war zuvor Leiter des Instituts für Astronomie an der Universität von Hawaii. Dort soll das 30-Meter-Teleskop TMT gebaut werden. Zwar hatten die Astronomen beim Baubeginn 2015 viele örtliche Gepflogenheiten berücksichtigt und auch Geld für lokale Bildungsprojekte eingeplant. Doch vor allem junge Vertreter der indigenen Bevölkerung waren unzureichend eingebunden. Sie organisierten Proteste, die bald weitere Aktivisten anzog, auch aus anderen Kampagnenfeldern wie dem „Kampf“ gegen Grünen Gentechnik, wie Hasinger damals dem Tagesspiegel berichtete. Die Baugenehmigung wurde vorübergehend aufgehoben. Erst im Oktober 2018 wurde diese endgültig wieder erteilt und das TMT kann nun errichtet werden. Der Forschungsbetrieb wird nun wohl erst 2027 beginnen, fünf Jahre später als ursprünglich geplant. 

 Bürgerbeteiligung - nicht jedermanns Sache

Es ist mittlerweile zwar üblich, in der Wissenschaftskommunikation einen engen Kontakt zur Öffentlichkeit zu suchen – beispielsweise mit Tagen der offenen Türen, Schülerbildung oder Diskussionsveranstaltungen. Dass Umfrageergebnisse bei strategischen Entscheidungen zumindest angehört werden, ist hingegen noch nicht so verbreitet. Und nicht jedermanns Sache. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Beispiel, die jährlich mehr als drei Milliarden Euro Steuergeld für die Förderung von Grundlagenforschung ausgibt, sei ein solches Verfahren derzeit nicht beabsichtigt, sagt DFG-Sprecher Marco Finetti auf Anfrage. Man vertraue auf die mehrstufige Begutachtung und Bewertung, bei der Anträge von Experten auf wissenschaftliche Qualität und Originalität geprüft werden. „Wir machen auch Veranstaltungen, wo wir mit den Bürgern ins Gespräch kommen und erfahren, was ihnen wichtig ist.“ Dazu gehöre etwa die Reihe „Science On“, in der gemeinsam mit der Bundeskunsthalle in Bonn Diskussionen zu Wissenschaft und Gesellschaft organisiert werden. Themen sind beispielsweise Genome Editing, Künstliche Intelligenz oder Hirnforschung.

Andere Einrichtungen wagen etwas mehr. So hat die Volkswagenstiftung gemeinsam mit dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium für die Förderinitiative „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ erstmals eine Bürgerbeteiligung ausprobiert. Sie konnten sich mit Fragen bei der Begutachtung und beim Auswahlkolloquium einbringen und damit ihre Position deutlich machen. Dies sollte vor allem Transparenz schaffen, eine demokratische Abstimmung war nicht vorgesehen, die Entscheidung bleib bei den Fachgutachtern. Die vierjährige Förderphase – rund 29 Millionen  Euro wurden vergeben - ging 2018 planmäßig zuende. „Das war ein Experiment. Deshalb wurde dazu eine Begleitforschung aufgesetzt, deren Abschlussbericht aber noch nicht vorliegt“, sagt der Sprecher der Stiftung, Jens Rehländer. Ein Ergebnis steht schon fest: Das Interesse war überschaubar. Offenbar müssen sich die Bürgerinnen und Bürger erst einmal daran gewöhnen, dass ihre Meinung gefragt ist.

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