Weiterleben nach Lebenskrisen : Wege aus der Wut

An Kränkungen erinnern sich Menschen lange und gut. Zu gut. Besser wäre es, loszulassen. Wie das gehen kann, erklärt ein neues Buch.

Sigrid Engelbrechts und Michael Lindens Buch "Lass los! Es reicht – Wege aus der Verbitterung" ist 2018 im Ecowin Verlag Elsbethen erschienen, hat 228 Seiten und kostet 24 Euro.
Sigrid Engelbrechts und Michael Lindens Buch "Lass los! Es reicht – Wege aus der Verbitterung" ist 2018 im Ecowin Verlag Elsbethen...Foto: Ecowin Verlag

Kein Wunder, dass Tanja P. am Ende ist: Mehrmals hat sie ihrem Mann schon verziehen, dass er eine andere hatte. Sie hat den Künstler jahrelang mit ihrem Geld unterstützt. Sie hat ihn nach zeitweiligen Trennungen immer wieder „zurückgenommen“, hat einmal sogar einen guten Job in einer anderen Stadt, den sie nur angenommen hatte, um ihn endgültig zu vergessen, aufgegeben, um zu ihm zurückzukehren. Und dann eröffnet er ihr kurze Zeit später, dass er sie endgültig verlassen möchte: „Du warst nie die Richtige für mich.“

Verbitterungsstörung - ein anerkanntes psychisches Leiden

Große menschliche Ungerechtigkeiten, schlimme Verluste, beruflicher Absturz, Erfahrungen mit Betrug und Hinterlist setzen jedem zu, der sie erleben muss. Sie können Menschen aber auch dauerhaft dermaßen aus der Bahn werfen, dass ihnen schwer zu helfen ist. Anfängliches Mitgefühl ihrer sozialen Umgebung schlägt angesichts des fast suchtartigen Wühlens in der Vergangenheit dann oftmals in genervtes Unverständnis um.

Der renommierte Neurologe, Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut Michael Linden, Leiter einer Charité-Forschungsgruppe zur Psychosomatischen Rehabilitation, hat vor einigen Jahren unter Fachkollegen für das Phänomen den Begriff „Verbitterungsstörung“ geprägt. Inzwischen hat die „Posttraumatische Verbitterungsstörung“ (PTED für Posttraumatic Embitterment Disease) in der internationalen Liste medizinischer Diagnosen (ICD-10), sogar einen eigenen Code: Mit „F 43.8“ steht sie ganz in der Nähe der bekannteren Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD).

Sich an leidvolle Erfahrungen zu erinnern, ist evolutiv sinnvoll

Zusammen mit der Autorin Sigrid Engelbrecht hat Linden nun, nach etlichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema, in einfachen Worten zusammengefasst, was das PTED kennzeichnet – und wie man aus ihm herausfinden kann. Der Titel gibt die Richtung vor, doch zwischen den Buchdeckeln steckt mehr als die Empfehlung: „Lass los! Es reicht – Wege aus der Verbitterung“.

Zunächst zeigen die Autoren, dass Verbitterungsreaktionen verständlich sind. „Das subjektive Empfinden, um etwas betrogen worden zu sein, von dem man überzeugt ist, dass es einem zusteht, und gleichzeitig nichts dagegen unternehmen zu können, ist einer der hauptsächlichen Auslöser für Verbitterung.“ Sie machen klar, dass während dieses Seelenzustands Emotionen wie Ärger, Zorn, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Scham, Resignation und (Auto-)Aggression eine heiße Mischung eingehen. Die Gedanken kreisen um das erlittene Unrecht, die Wut nagt an dem Menschen, der sich als Opfer empfindet, er führt einen schwer zu unterbrechenden, nur um ein Thema kreisenden inneren Monolog. Verbitterung führt nicht zu produktiver Problemlösung, selbst die unzähligen juristischen Auseinandersetzungen, die Menschen aus ihr heraus führen, bringen ihnen keine Erleichterung. Bevorzugt macht sich dieses „lebensfeindliche Gefühl“ natürlich breit, wenn man herbe Enttäuschungen in den Bereichen erlebt, die einem viel bedeuten.

Linden macht dabei klar, dass es aus evolutionsbiologischer Sicht seinen „Sinn“ hat, wenn wir uns an Negatives besser erinnern als an positive Erlebnisse und Erfahrungen. „Dass wir das Negative so gut memorieren, hat sich nach Ansicht von Forschern in den Jahrmillionen der Menschheitsgeschichte als besondere Fähigkeit herausgebildet und den Menschen der Urzeit einen evolutionären Vorteil verschafft, nach dem Motto: ‚Wer sich in Acht nimmt, lebt länger.'“

Der "Negativsog" kann ganze Gesellschaftsteile erfassen

Wenn sich bestimmte Erinnerungen immer wieder aufdrängen, verschlechtert das allerdings maßgeblich die Lebensqualität. Jede Erinnerung hat einen Zweck, so betonen die Autoren. „Im Falle der Verbitterung dient die Erinnerung dem Versuch, doch noch recht zu bekommen oder wenigstens durch Rache gleichziehen zu können. Erinnerung an erlittenes Unrecht ist also ein aggressiver Akt.“

Linden hat sich in seiner Forschung auch immer wieder mit der Verbitterung ganzer gesellschaftlicher Gruppen beschäftigt und mit dem „Negativsog“, den sie nach sich ziehen. Etwa bei den Menschen, die sich nach 1989 als „Wendeverlierer“ betrachteten. „Verbitterung kann anstecken und ganze Bevölkerungsgruppen erfassen.“

Als Psychiater und Psychotherapeut möchte Linden allerdings vor allem dem Einzelnen helfen, der sich langfristig mit der Störung quält. Die Wirksamkeit der vier Elemente der von ihm vorgeschlagenen Psychotherapie wurde in Studien geprüft. Alle vier dienen dem Ziel, Kompetenzen aufzubauen und zu trainieren, mit denen das Vorgefallene bearbeitet werden kann, um es hinter sich zu lassen – etwa spontanes oder reflektiertes Aufschreiben von Gedanken, Achtsamkeitstraining, der bewusste Prozess der Vergebung und „weisheitspsychologische“ Prinzipien.

Linden definiert Weisheit in Anlehnung an den verstorbenen Berliner Psychologen und Alternsforscher Paul Baltes dabei als „Fähigkeit zur Lösung unlösbarer Probleme“. Was uns zustößt oder was andere uns antun, können wir nur unzureichend beeinflussen. Im Nachhinein geht das ohnehin nicht mehr. Unsere Haltung zum Geschehenen aber haben wir ein Stück weit in der Hand.

Von der Autorin Adelheid Müller-Lissner ist das Buch „Verzeihen können - sich selbst und anderen“  im Ch. Links Verlag erschienen.

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