Wiarda will’s wissen : Die „Kapazität“ ist keine gute Ausrede

Die Wissenschaftsminister klagen gerne, die Kapazitätsverordnung binde ihnen die Hände. Doch sie sollten sich nicht hinter der Formel verstecken, wenn sie die Betreuungsrelationen verbessern wollen, meint unser Kolumnist.

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Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.Foto: Privat

Ach, wenn nur die KapVO nicht wäre. An den Hochschulen würden paradiesische Zustände herrschen. Weniger Studenten müssten sich einen Professor teilen. Statt Multiple-Choice-Klausuren im Akkord könnten die Dozenten Essays schreiben lassen und den Erstsemestern in Einzelgesprächen die nötige Orientierung geben.

So in etwa lesen sich flammende Appelle für die Abschaffung der sogenannten Kapazitätsverordnung. Die schreibt mithilfe komplizierter mathematischer Berechnungen exakt vor, wie viele Studierende pro Professor eine Hochschule in jedem ihrer Studiengänge aufnehmen muss. Der Mechanismus hinter der KapVO ist dagegen so einfach wie verheerend: Zusätzlich eingestellte Professoren bedeuten mehr Studienplätze, mehr Studenten – und genauso schlechte Betreuungsrelationen wie zuvor.

Einer der erwähnten flammenden Appelle stammte übrigens von mir, ich schrieb ihn 2007. „Die fiese Formel“ habe ich die Kapazitätsverordnung darin genannt. Sie verurteile die Hochschulen zum Stillstand, schrieb ich, daher müsse sie weg. Elf Jahre später ist die Formel immer noch da, und ich muss sagen: Ich habe mich geirrt. Nicht die Formel ist schuld, sondern die Hochschulpolitiker, die sich hinter ihr verstecken. Denn das Elegante an Formeln ist ja, dass man sie ändern kann.

Die Kultusminister sollten nicht lautstark klagen

Eine entscheidende Stellgröße in der KapVO sind die Curricular-Normwerte, kurz CW. Jeder Studiengang hat einen. Je kleiner der CW ist, desto größer ist die Zahl der Studienplätze am Ende der Gleichung.

Anders formuliert: Anstatt lautstark darüber zu klagen, dass die Kapazitätsverordnung ihnen die Hände binde, könnten die Wissenschaftsminister einfach die CWs größer machen. Wodurch die Zahl der Studenten pro Hochschullehrer sinken würde. Natürlich müssten sie dann den Hochschulen auch das nötige Geld geben, damit sie zusätzliche Professoren einstellen können.

Und genau der letzte Satz, das mit dem nötigen Geld und den zusätzlichen Professoren, ist der eigentliche Grund, warum die Ressortchefs lieber weiter über die abstrakt böse KapVO schimpfen. Und auf das Bundesverfassungsgericht, das sie ihnen einst – Stichwort: gleiche Chancen für alle – eingebrockt hat.

Der Hochschulpakt löst Fantasien aus

Immerhin, im Hintergrund gibt es Bewegung. Und das liegt an den Fantasien, die die Aussicht auf Bundes-Dauermilliarden in einem verstetigten Hochschulpakt auslöst. Der Wissenschaftsrat, in dem auch die Wissenschaftsminister sitzen, spricht sich, wenn auch nur in einer Fußnote, in seinem jüngsten Papier für „höhere CW-Werte“ aus. Die seien verfassungsrechtlich durchaus möglich.

Ideen, wie man die Anpassung der KapVO mit einer sinnvollen Reform des Hochschulsystems verbinden könnte, gibt es auch: Die Länder könnten die CWs für alle erhöhen, ganz besonders aber für die Universitäten, fordern etwa Potsdams Unipräsident Oliver Günther und Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der (Fach-)Hochschule Niederrhein. Die Folge wären tendenziell weniger Studienplätze an Unis und deutlich mehr an Fachhochschulen. Und für alle bessere Betreuungsrelationen. Nicht ganz das Paradies. Aber immerhin.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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