Wiarda will's wissen : Die Politik lässt die Inklusion scheitern

Die Inklusion von Schülern mit Behinderungen ist richtig und machbar. Doch in Deutschland lassen Politiker die Reform aus Angst vor misstrauischen Eltern und Lehrern gegen die Wand fahren, meint unser Kolumnist.

Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda.
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda.Foto: Privat

Zuletzt hatte Heinz-Peter Meidinger das M-Wort in den Mund genommen. Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, er vertritt 160.000 Pädagogen. Die sind, wenn es nach ihrem Chef-Lobbyisten geht, an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen. „Was wir jetzt brauchen, ist ein Moratorium bei der Inklusion“, sagte Meidinger de „Welt“.
Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderungen in denselben Klassen unterrichtet werden. Davon ist Deutschland weit entfernt. Rund ein Drittel aller „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ besucht inzwischen eine Regelschule, doch die Förderschulen sind trotzdem kaum kleiner geworden. Dabei hat die Bundesrepublik schon 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und sich verpflichtet, das doppelte System abzuschaffen. Andere Länder in Europa haben früher angefangen mit der Inklusion und schreiten schneller voran. Hierzulande führte schon der mäßige Umsetzungsstand laut Meidinger mit dazu, „dass die letzten Grundschul-Leistungsvergleiche enttäuschend ausgefallen sind.“ Kann Deutschland Inklusion nicht so gut wie die anderen?

"Armutszeugnis für die Bildungspolitik"

Raul Krauthausen ist einer der bekanntesten Aktivisten für Inklusion. Er finde es bezeichnend, sagte er im „Deutschlandfunk“, dass die Unterfinanzierung der Schulen sich entlade „in der Debatte an den Kindern mit Behinderung, die in Regelschulen wollen und natürlich auch ein Recht auf Bildung haben.“ Das Gerede von einem Moratorium sei ein „Armutszeugnis für die Bildungspolitik“. Anders gesagt: Nicht die Kinder sind das Problem, sondern eine Bildungspolitik, die die Inklusion sonntags aufs Podest stellt und montags finanziell verhungern lässt. Ein Beispiel hat die gelb-schwarze Regierung in NRW geliefert, als sie beschloss: Es solle keine Förderschule mehr geschlossen werden, bis die Voraussetzungen für gelingende Inklusion erfüllt seien. Moment, möchte man fragen: Wer schafft denn diese Voraussetzungen?

Selbsterfüllende Prophezeiung

Meidinger ist Leiter eines Gymnasiums in Bayern. An Gymnasien tendiert die Inklusionsquote noch immer gegen Null, was seine Forderung in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wenn Meidinger sagt, ab einer gewissen Schwelle gefährde Leistungsheterogenität „mit Sicherheit den Lernfortschritt aller“, redet er nicht nur wie behauptet über eine verfehlte, da unterfinanzierte Umsetzung. Aus seinen Worten spricht ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Grundversprechen der Inklusionsbefürworter: Ein inklusives Schulsystem wird allen Kindern gerecht, behinderten wie nichtbehinderten.
Ein Misstrauen, das verbreitet ist unter Eltern und Lehrern. Seien wir ehrlich: Die Angst vor diesem Bauchgefühl ist es, die Politiker so zögerlich sein lässt. Weswegen sie, was das Teuerste von allem ist, zwei Systeme parallel laufen lassen: die Inklusion an den Regelschulen und die Förderschulen. Klar ist aber auch: So fährt die Politik die Inklusion wie eine selbsterfüllende Prophezeiung an die Wand.
Der Autor ist Journalist für Bildung. Auf www.jmwiarda.de kommentiert er Aktuelles in Schulen und Hochschulen.

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