• Wie geht es weiter an den Berliner Hochschulen?: "Von einem Ausfall des Semesters wollen wir nicht sprechen"

Wie geht es weiter an den Berliner Hochschulen? : "Von einem Ausfall des Semesters wollen wir nicht sprechen"

Kommt in Berlin das "Nicht-Semester"? Oder schaffen die Hochschulen irgendwie den digitalen Semesterstart? Ein Interview mit Staatssekretär Steffen Krach.

Auch die Unis sind im Coroavirus-Shutdown (Symboldbild).
Auch die Unis sind im Coroavirus-Shutdown (Symboldbild).Foto: Uwe Zucchi/dpa

Steffen Krach (SPD) ist Wissenschafts-Staatssekretär in Berlin, wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie das kommende Sommersemester zu bewerkstelligen ist.

Herr Krach, eine Frage brennt jetzt allen an den Hochschulen unter den Nägeln: Fällt das Sommersemester aus, gibt es womöglich ein Nicht-Semester, wie es Studierende und Lehrende bereits fordern?
Es muss allen bewusst sein, dass das kein normales Sommersemester und kein normales akademisches Jahr wird. Von einem Ausfall wollen wir nicht sprechen, sondern versuchen, alles, was man in der Lehre und bei den Prüfungen auf einen Onlinebetrieb sinnvoll umstellen kann, jetzt vorzubereiten.

Wir sind mit den Hochschulen im Gespräch, wie wir das organisieren können und haben auch vereinbart, dass die Einstellungsvorgänge bei Lehrenden oder studentischen Hilfskräften wie geplant weitergehen, um diese Prozesse zu unterstützen und bestmöglich für den Beginn der Vorlesungszeit vorbereitet zu sein.

Dieser ist zunächst auf den 20. April verschoben, ob und welche weiteren Anpassungen es geben wird, kann heute noch niemand ernsthaft sagen.

Wie verträgt sich ein weitgehender Shutdown des öffentlichen Lebens und auch der Hochschulen im „Präsenznotbetrieb“ damit, neue Online-Vorlesungen zu entwickeln? Geht das zu Hause im stillen Kämmerlein?
Klar ist das schwierig, es wird nicht alles machbar sein und das ist auch nicht unsere Erwartung. Aber die Hochschulen fangen ja nicht bei Null an. Viele arbeiten daran, das Angebot an virtuellen Seminaren, Vorlesungen und Prüfungen zu erweitern.

Und man kann auch voneinander lernen. Die Hertie School zum Beispiel hat bereits ganz in den Onlinemodus geschaltet. Die Freie Universität nimmt sich die italienische Universität Padua als Vorbild: Dort wurde innerhalb recht kurzer Zeit ein großer Prozentsatz der Lehre wegen der Corona-Krise auf digitale Formate umgestellt.

Ehrlicherweise muss man aber auch sagen: Weit sind die Berliner Hochschulen nicht damit. Bisher wurden immer wieder dieselben Pilotprojekte genannt, in der Fläche ist davon wenig angekommen.
Deswegen arbeiten jetzt alle daran. Es gibt viele engagierte Lehrende, die sagen, wir können das schaffen! Wir müssen jetzt so kreativ wie möglich sein und die Digitalisierung so schnell wie möglich vorantreiben.

Das stößt natürlich in Fächern wie den Naturwissenschaften, wo in Laboren gearbeitet wird, oder an den künstlerischen Hochschulen an Grenzen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, einen großen Schritt bei der Digitalisierung der Lehre zu machen.

Steffen Krach ist seit Dezember 2016 Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung im Senat von Berlin.
Steffen Krach ist seit Dezember 2016 Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung im Senat von Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Aber kann dabei wirklich ein vollgültiges Sommersemester herauskommen?
Wenn wir ganz auf Präsenzveranstaltungen verzichten müssten, wird das schwierig. Aber jedes Studienmodul, jede Prüfung, die wir Studierenden im Sommersemester online anbieten, ist sinnvoll. Und das hilft uns, auch die Auswirkungen auf das Wintersemester besser zu bewältigen.

Nochmal: Das wird kein normales akademisches Jahr werden. Es ist uns völlig bewusst, dass diese Situation für Studierende und alle Mitglieder der Hochschulen eine enorme Belastung bedeutet. Deshalb ist jetzt von allen Seiten, von den Hochschulen und vom Gesetzgeber, Kulanz und Kreativität gefragt. Wir können das gemeinsam schaffen. Aber wir werden nicht jedes Detail einheitlich für alle Hochschulen regeln können.

Sie besprechen sich doch täglich mit den staatlichen, kirchlichen und privaten Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in der Covid-19-Taskforce der Senatskanzlei Wissenschaft. Warum dann keine einheitlichen Regelungen?
Der Regierende Bürgermeister Müller hat mich beauftragt, unsere Taskforce zu leiten und darin besprechen wir seit zwei Wochen jeden Tag alle relevanten Fragen und arbeiten zügig an Lösungen. Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar, diese Art der Abstimmung und das einheitliche Vorgehen zwischen den Institutionen ist nicht selbstverständlich.

Es herrscht eine unglaublich konstruktive Stimmung, alle ziehen an einem Strang. Wir haben viele einheitliche Regelungen vereinbart, etwa bei der Verschiebung von Präsenzprüfungen oder Abgabefristen für Abschlussarbeiten. Dabei zeigt sich, dass manchmal ein einheitliches Vorgehen nötig ist, und wir aber manchmal auf die Besonderheiten der jeweiligen Institution achten müssen.

Beispiel Präsenznotbetrieb: Wir haben uns verständigt, dass alle Einrichtungen ab 20. März nur noch eine Minimalbesetzung vor Ort haben, die für die Aufrechterhaltung von unabdingbaren Funktionen sorgt. Was das konkret bedeutet, ist an einer TU oder HU Berlin natürlich anders, als an der Kunsthochschule Weißensee oder einem Leibniz-Institut.

Zurück zur Digitalisierung. Die Hochschulen sprechen davon, dass die Ausrüstung, um Lehrveranstaltungen aufzuzeichnen, erst noch beschafft werden muss. Das Geld dafür soll jetzt aus einem Sofortprogramm des Regierenden Bürgermeisters kommen.
Der Regierende Bürgermeister Müller hat mit dem Sofortprogramm „VirtualCampusBerlin“ ad hoc zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um digitale Lehr- und Prüfungsformate in Berlin zügig auszubauen, und setzt sich auch im Senat für weitere Maßnahmen ein. Wir haben die Bedarfe mit den Hochschulen besprochen. Da geht es um zusätzliche IT- und Infrastruktur, neue Server, Videokonferenzanlagen und Softwarelizenzen.

Damit ist ein schneller erster Schritt geleistet, weitere werden mittelfristig sicherlich noch folgen müssen. Aus unserer Sicht geht es neben der Infrastruktur ebenfalls um die Frage, wie man digitale Lehre zwischen Institutionen miteinander teilt, innerhalb von Berlin, mit anderen Hochschulen in Deutschland und international. Durch solche Kooperationen könnten wir Studierenden noch schneller noch mehr Lehrangebote für dieses Semester anbieten.

Sie fordern noch mehr Geld – woher soll das kommen?
Der gesamte deutsche Wissenschaftsstandort steht vor einer enormen Herausforderung. Der Lehrbetrieb ist überall eingeschränkt, die Forschungsleistung durch die Corona-Krise beeinträchtigt. Warum nicht unseren VirtualCampusBerlin Gedanken auf ganz Deutschland übertragen?

Wir brauchen jetzt ein entschiedenes Handeln des Bundes, um eine flächendeckende Digitalisierung der Hochschulen zügig voranzubringen. Das könnte mit einem Bund-Länder-Programm im Umfang von zunächst 350 Millionen Euro für die Jahre 2020/2021 gelingen.

Wie bei der Exzellenzstrategie für die Forschung sollte der Bund davon 75 Prozent tragen. Das muss jetzt schnell gehen, damit es noch eine Wirkung für das Sommersemester 2020 entfaltet. Auch die EU-Kommission ist in der Verantwortung, die digitale Vernetzung in der Lehre in Europa noch stärker voranzutreiben, etwa im Rahmen der europäischen Hochschulallianzen.

Ist man also doch erst ganz am Anfang bei der digitalen Lehre und steuert eben doch auf ein Minimal-Semester zu, in dem allenfalls einige neue Formate ausprobiert werden?
Wir werden gemeinsam einiges auf die Beine stellen. Alles, was die Hochschulen jetzt aufbauen, ist nachhaltig. Auch wenn der Fokus erstmal auf der Bewältigung der Coronakrise liegt, werden die Investitionen in den Ausbau der digitalen Lehre langfristig eine Wirkung auf den Normalbetrieb entfalten. Umso wichtiger ist es, dass wir jetzt schnell handeln.

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