Windpocken und Gürtelrose : Immun gegen das Comeback-Virus

Eine neue Impfung gegen Gürtelrose könnte massiv Leid verhindern, vor allem bei älteren Menschen.

Zwei Injektionen, mehr als 90 Prozent Schutz.
Zwei Injektionen, mehr als 90 Prozent Schutz.Illustration: V. Altounian / Science Translational Medicine (2016)

Der Name klingt harmlos, die Erkrankung ist es nicht. Befällt eine Gürtelrose mit ihrem typischen halbseitigen Ausschlag die Haut, so ist das ausgesprochen schmerzhaft und man fühlt sich meist wirklich krank. Bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen folgt, nachdem die durch das Varizella-Zoster-Virus, das zur Herpes-Familie gehört, verursachten Bläschen abgeheilt sind, eine schmerzhafte Nervenentzündung, die „Post-Zoster-Neuralgie“. Gürtelrose befällt bevorzugt ältere und immungeschwächte Menschen. Jeder Zweite über 85-Jährige hat sie schon einmal durchgemacht.

Der Langschläfer unter den Viren

Die Voraussetzung dafür erfüllen so gut wie alle Älteren: Man muss als Kind die Windpocken gehabt haben. Wenn die Kinderkrankheit überstanden ist, überdauern einzelne Viren in den Nervenwurzeln im Bereich des Rückenmarks. Sie können Jahrzehnte später entlang des betroffenen Nervs wieder in die Haut wandern und sich vermehren. Deshalb zeigt sich der – typischerweise halbseitige – rosenfarbene „Gürtel“ meist auf der Körperhöhe, wo die Viren im Rückenmark saßen. Aber auch andere Körperteile, bis hin zum Auge, können betroffen sein. Mittel, die das Virus stoppen, wirken nur, wenn sie früh zum Einsatz kommen.

Nun gibt es eine neue Impfung, die die schlummernden Viren hindert, wieder aktiv zu werden. Vor fünf Jahren wurde bereits die erste zugelassen, im März dieses Jahres kam eine zweite hinzu. Das ältere Zostavax (MSD Sharp & Dohme) ist ein Lebendimpfstoff. Er ist aber gerade für die besonders gefährdeten immungeschwächten Menschen nicht geeignet. Das neue Shingrix dagegen, von der Firma GlaxoSmithKline, ist ein Totimpfstoff. Er enthält ein Eiweiß aus der äußeren Umhüllung des Virus und eine Substanz, die die Wirkung verstärkt. Derzeit beschäftigt sich die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut (RKI) mit der Frage, ob sie Shingrix in ihre Impf-Empfehlungen aufnehmen soll - und wenn, dann für wen. „Neben den Zulassungsstudien sind für diesen Bewertungsprozess auch die Anwendungsstudien mit speziellen Risikogruppen wichtig, die zum Teil erst nach einer Zulassung publiziert werden", sagt Anette Siedler von der Abteilung für Infektionsepidemiologie am RKI.

Offene Fragen

Es gibt etwa die Befürchtung, dass bei Älteren mit vielen Grunderkrankungen durch eine Impfung unerwünschte Prozesse angestoßen werden könnten, die Autoimmunerkrankungen begünstigen. „Wir sind dabei, Daten zu erheben, doch das dauert seine Zeit“, sagt Siedler. Gäbe es in den Daten Hinweise, dann sei man aber in der Lage, schnell zu reagieren.

Aus den großen Zulassungsstudien weiß man schon etwas anderes: Nach der Injektion in den Muskel zeigen sich bei vielen Geimpften schmerzhafte Reaktionen, die aber schnell abklingen. Eine nicht ganz nebensächliche Frage ist deshalb, wie gut nach einer solchen Erfahrung die zweite Injektion angenommen wird, die im Abstand von zwei Monaten fällig ist. Der Lebendimpfstoff muss im Unterschied dazu nur einmal gespritzt werden.

Dass der neue Impfstoff, der aus der Eiweißhülle des Virus und dem Wirkverstärker besteht, seine Funktion gut erfüllt, haben Studien an rund 30 000 Menschen mittleren und höheren Alters gezeigt. Dafür bekamen die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip und ohne Wissen der Forscher die Vakzine oder ein Placebo. In die 2016 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte ZOE-70-Studie wurden nur Menschen über 70 eingeschlossen, der Altersdurchschnitt der 13 900 Teilnehmer lag bei fast 76 Jahren. Nur 23 mit dem Impfstoff, aber 223 mit Placebo geimpfte Teilnehmer bekamen eine Gürtelrose. In die ein Jahr zuvor erschienene ZOE-50-Studie fanden Teilnehmer ab 50 Jahren aufwärts Eingang, darunter ebenfalls Hochbetagte. Wurden die Ergebnisse beider Studien gepoolt, so lag die Effektivität der Impfung bei über 91 Prozent - zumindest in diesem überschaubaren Zeitraum. Und keiner der Geimpften unter 70 Jahren bekam die gefürchtete Post-Zoster-Neuralgie.

Weniger Windpocken... aber mehr Gürtelrose?

Sollten sich die Zahlen in der Langzeitbeobachtung bestätigen, dann hätte das zunächst einmal Bedeutung für eine große Personengruppe: die Babyboomer, die angesichts der gestiegenen Lebenserwartung mit zunehmendem Alter auch vermehrt mit einer Gürtelrose rechnen müssen. Die Angehörigen dieser geburtenstarken Jahrgänge hatten zudem fast alle als Kinder die extrem ansteckenden Windpocken, das Virus kann also in ihren Nervenwurzeln schlummern. Dazu kommt noch die Befürchtung, Erwachsene von heute könnten eher anfällig für eine Gürtelrose sein, da sie weniger Kontakt mit erkrankten Kindern haben. Deshalb würde ihre Abwehrbereitschaft nicht von Zeit zu Zeit durch Auseinandersetzung mit dem Virus aufgefrischt.

Denn Windpocken sind deutlich seltener geworden, seit die Stiko die Impfung mit einem abgeschwächten Lebendimpfstoff empfiehlt. Es gibt nun 30 000 Fälle im Jahr, rund 700 000 waren es davor. Ob die Impf-Empfehlung aus dem Jahr 2004 richtig ist, wurde seitdem immer wieder heftig diskutiert, weil viele die Windpocken (etwa im Vergleich zu den Masern) als „harmlos“ empfinden. Neben den gefährlichen Folgen, die auch die Windpocken haben können, gibt es möglicherweise aber noch ein zweites Argument für eine Impfung: Wer gegen Windpocken geimpft ist, ist möglicherweise auch besser gegen Gürtelrose geschützt.

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Ob der bereits beobachtete Zusammenhang zwischen Windpockenimpfung und weniger Gürtelrose-Fällen bei jüngeren Menschen bis ins Alter anhält, wird man frühestens in 40 Jahren wissen. Plausibel allerdings wäre es, sagt die Epidemiologin Siedler: Während das Wildvirus, das bei einer Windpocken-Erkrankung kräftig zuschlägt und sich stark vermehrt, anschließend im Körper seine Nische sucht, dürfte das abgeschwächte Virus aus der Impfung das weit seltener tun.

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