John Milton sprengt alle Grenzen

Seite 4 von 4
Wissenschaft und Kunst : Im öffentlichen Dreieck
Volker Gerhardt

Milton ist der Ansicht, dass mit der Freiheit des Buchdrucks die Freiheit insgesamt verloren geht. Denn mit ihr verzichtet eine Gesellschaft auf die produktiven Kräfte in Kunst und Wissenschaft und büßt mit ihnen die Gaben ein, auf die der Mensch seinen Vorrang vor den anderen Geschöpfen Gottes gründet.

Unter dem Titel „Areopagitica. Eine Rede für die Freiheit des unzensierten Bücherdrucks“ sucht Milton dem Parlament zu beweisen, dass es mit den geplanten (und im Jahr darauf doch wieder eingeführten) Zensurmaßnahmen eben die Freiheit abschafft, für die es einzutreten verspricht. Der an die Praxis der freien Rede vor dem Athenischen Areopag erinnernde Titel sowie das einer Tragödie des Euripides entnommene Motto: „Das ist die wahre Freiheit, wenn frei geborene Menschen, die Politik in freier Rede öffentlich beraten“ geben zu erkennen, welch weiten historischen Bogen der christliche Autor schlägt: Er beschwört den Geist der klassischen Antike, der Kunst, Wissenschaft und Politik zu einer ersten Blüte gebracht hat, um seinen Zeitgenossen vor Augen zu führen, dass sie mit dem Angriff auf die Freiheit der Presse ihre eigene Kultur zerstören.

Milton überschreitet nicht nur die Grenzen zwischen Antike, Mittelalter und Moderne, er geht auch ungerührt über die Grenzen zwischen Kontinenten und Nationen hinweg, um deutlich zu machen, dass die Entwicklung der Menschheit insgesamt auf die freie Entfaltung von Kunst und Wissenschaft gegründet ist. Für die dazu unerlässliche Öffentlichkeit hat die Politik zu sorgen. Hinter diese vor mehr als dreihundertfünfzig Jahren publizierte Einsicht in die Verbindung von Kunst, Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit sollte ein erneuter Rückfall ausgeschlossen sein.

Der Autor ist Akademiemitglied, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission für die deutschen Akademievorhaben. Er konzipierte die Akademievorlesungsreihe des Sommersemesters 2012 „Konstruktion und Wahrnehmung von Wirklichkeit – Der Künstler als Wissenschaftler“. Auftakt: 19. April.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

0 Kommentare

Neuester Kommentar