Wissenschaft und Religion : Wie vernünftig ist der Glaube?
Gerhard Roth, Hirnforscher an der Uni Bremen.
Gerhard Roth, Hirnforscher an der Uni Bremen.Foto: promo

Gerhard Roth, Hirnforscher, Uni Bremen:

Ob Glaube und Vernunft prinzipiell unvereinbar sind, ist unklar und hängt wesentlich von der Definition beider Begriffe ab. Klar ist aber, dass wissenschaftliche Vernunft und institutionalisierter Offenbarungsglaube, wie er von der katholischen Kirche und ihrem Papst vertreten wird, unvereinbar sind. Wissenschaftliche Vernunft besteht darin, nur solche Aussagen oder Aussagensysteme (Theorien) zu akzeptieren, die logisch widerspruchsfrei und hinreichend empirisch belegt sind. Was darunter zu verstehen ist, wird fortschreitend im Konsens von Wissenschaftlern geklärt. Wissenschaft ist also ein gesellschaftlich-diskursives Verfahren und hat nichts mit überzeitlichen Wahrheiten zu tun.

Die katholische Kirche und ihr Papst vertreten hingegen bis heute den Standpunkt, einen privilegierten Zugang zu überzeitlichen Wahrheiten – zum Beispiel den Eigenschaften und dem Willen Gottes – zu besitzen, die sich zugleich einer empirischen Überprüfung entziehen und oft genug mit dem Postulat der logischen Widerspruchsfreiheit unvereinbar sind. Dieser Standpunkt muss vom Gläubigen akzeptiert – eben „geglaubt“ werden. Allen Pseudomodernismen zum Trotz besteht die katholische Kirche nach wie vor auf dem „Opfer des Verstandes“ (sacrificium intellectus). Wenn hingegen Glaube als eine individuell-subjektive Überzeugung oder Ahnung verstanden wird (woher diese sich auch immer speisen mögen), dann können Glaube und wissenschaftliche Vernunft wohl nebeneinander bestehen, weil sie unterschiedliche Geltungsbereiche haben.

Teil 3: Nina Degele, Soziologin an der Uni Freiburg

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