• Zum Tod des Berliner Mediziners Karol Kubicki: Er war der erste Student der Freien Universität

Zum Tod des Berliner Mediziners Karol Kubicki : Er war der erste Student der Freien Universität

Stanislaw Karol Kubicki, einer Mitbegründer der FU Berlin, ist gestorben. Er blieb seiner Uni zeitlebens eng und leidenschaftlich verbunden. Ein Nachruf

Ein Porträtbild Karol Kubickis aus dem Jahr 2006.
Stanislaw Karol Kubicki (1926 bis 2019).Foto: Bernd Wannenmacher

"Für uns Studenten, darunter viele Juden, die während der NS-Zeit nicht hatten studieren dürfen, war der Naziterror gerade vorbei, als an der Linden-Universität der Terror aufs Neue begann - aber nun auf links gestrickt." So erinnerte sich Stanislaw Karol Kubicki im Dezember 2018 in einem Artikel zum 70. Gründungsjubiläum der Freien Universität Berlin an "seine" Universität.

Kubicki war einer der Gründungsstudenten von 1948. Er und seine Kommilitonen wollten "frei von ideologischen Vorgaben studieren". Und deshalb, schreibt Kubicki in seinem Jubiläumsartikel, sollte die neue Universität das Wort "frei" im Namen tragen.

Am 5. Juli 1926 in Berlin geboren, hatte er am Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium in Neukölln Abitur gemacht und 1944 mit dem Studium zunächst noch an der alten Berliner Universität begonnen. Die stand damals unter dem Hakenkreuz, doch Kubicki war kein Nazi – im Gegenteil.

Als Schüler leistete er mit einer Schülergruppe Widerstand. Und sein Vater, ein bekannter Schriftsteller und Maler, wurde 1943 von der Gestapo ermordet. Dem jungen Berliner blieb die Einberufung in die Wehrmacht gleichwohl nicht erspart. Karol Kubicki geriet in sowjetische Gefangenschaft – und schrieb sich an der durch die sowjetische Militäradministration wiedereröffneten Berliner Universität ein.

Mitglied des Gründungs-Astas der FU

Als "Opfer des Faschismus" bekommt Kubicki ohne weiteres einen Studienplatz. Doch damit, dass vielen anderen, die nicht Arbeiter- und Bauernkinder waren, das Studium verwehrt wurde, können er und andere Studierende sich nicht abfinden. Ebenso wenig wie mit den Pflichtvorlesungen im Marxismus-Leninismus und den Bespitzelungen durch linientreue Studierende. Als die Herausgeber und der Chefredakteur der kritischen Hochschul-Zeitschrift "Colloquium" exmatrikuliert werden, kommt es zu größeren Protesten. Karol Kubicki gehört zu den Studierenden, die von der amerikanischen Militärregierung fordern, in den Berliner Westsektoren eine separate Universität zu errichten.

Militärgouverneur Lucius D. Clay unterstützt die Pläne, doch die "Freie Universität" bleibt eine Gründung der Studierenden. Sie eröffnen im Juli 1948 das Sekretariat der FU im Haus Boltzmannstraße 4 mit gespendeten Tischen und Stühlen; bis September lassen sich 3000 Studierwillige registrieren. Am ersten Tag der Immatrikulation, dem 5. November 1948, fällt Karol Kubicki die Matrikelnummer 1 der Freien Universität per Losentscheid zu: Kubicki, der als Leiter der Haushaltsabteilung eingesetzt und in der Boltzmannstraße präsent war, warf mit seinem Mitstreiter Helmut Coper eine Münze.

Das erste Immatrikulationsverzeichnis der Freien Universität - mit Stanislaw Karol Kubicki als Matrikelnummer 1.
Das erste Immatrikulationsverzeichnis der Freien Universität - mit Stanislaw Karol Kubicki als Matrikelnummer 1.Foto: Stephan Töpper/FU-Universitätsarchiv

Die beiden Medizinstudenten gehören auch dem Gründungs-Asta der FU an - und bleiben der Universität zeitlebens eng und leidenschaftlich verbunden. Kubicki hatte an der Universität Unter den Linden gerade noch sein Physikum abschließen können und legt bereits 1952 das medizinische Staatsexamen an der Freien Universität ab. Und das, obwohl er parallel Kunstgeschichte und Klassische Archäologie studiert. Entschieden hat er sich aber für die medizinische Laufbahn.

Neurologe und renommierter Schlafforscher

Kubicki promoviert und habilitiert sich an der FU in Psychiatrie und Neurologie, qualifiziert sich als Anästhesist in der Neurochirurgie - und wird zum renommierten Schlafforscher. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 1991 leitet er die Abteilung für Klinische Neurophysiologie im Klinikum Charlottenburg der FU. Hochschulpolitisch wird er in den 70er Jahren einer der Anführer der konservativen Professorenschaft. Er sammelt sie in der von ihm mitbegründeten "Notgemeinschaft für eine freie Universität", die sich gegen den neuen "Marxismus" der Studentenrevolte von 1968 wendet.

Versöhnlich ist dann der gemeinsame Kampf auch mit einstigen Anführern des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) gegen die Sparauflagen, die der FU nach dem Mauerfall auferlegt wurden. Die Freie Universität und die Humboldt-Universität nennt er schließlich "zwei Blätter an einem Zweig".

"Vorbild eines engagierten Bürgers"

Der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator erinnert daran, dass Karol Kubicki weit mehr war als Gründungsstudent und verdienter Professor der FU. Denn der Mediziner blieb zugleich "ambitionierter Kunstwissenschaftler", wie Michael Müller am Dienstag erklärt. Auch die Gründung der Berlinischen Galerie und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst sind mit seinem Namen verbunden - "im Sinne des Vermächtnisses seines 1941 von der Gestapo ermordeten Vaters Stanislaw Kubicki", so Müller.

Karol Kubicki als junger FU-Student.
Karol Kubicki als junger FU-Student.Foto: FU-Universitätsarchiv

Karol Kubicki habe "Berliner Geschichte mitgeschrieben", würdigt der Regierende Bürgermeister "das beispielgebende Vorbild eines engagierten Bürgers". Der Präsident der Freien Universität, Günter M. Ziegler, hebt hervor, dass Kubicki die Geschicke der FU auch im Ruhestand intensiv begleitet hat und nie müde wurde, von ihrer "einzigartigen Gründungsgeschichte zu erzählen". Noch 2016 legt er gemeinsam mit dem FU-Chronisten Siegwart Lönnendonker, dem einstigen SDS-Mitglied, eine Sammlung mit Beiträgen zur Fächergeschichte der Universität vor.

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Er benutze das Wort "stolz" eigentlich nicht, sagte er im vergangenen Jahr anlässlich des 70. Gründungsjubiläums. "Aber wenn ich es benutzen würde, dann für die Freie Universität." Stanislaw Karol Kubicki ist am Sonnabend im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben.

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