"Andi's Grillstube": Der Linguist spricht vom "netten Apostroph"

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Zur Zukunft des Genitivs : „Die Augen meines Hund“

Erste Anzeichen für ein Abschleifen der Endungen gibt es bereits. Christian Zimmer, Nachwuchswissenschaftler an der FU, hat Fälle untersucht, in denen das s heute schon wegfällt. Er fand etliche Beispiele: „Die Gefahren des Internet“, „die Anschaffung eines Pkw“, „das Nuklearprogramm des Iran“. Vor allem bei Eigennamen, Fremdwörtern und Abkürzungen sparen sich viele Sprachnutzer das Genitiv-s. Horst Simon hat dafür eine plausible Erklärung: „Bei Namen und Fremdwörtern ist wichtig, dass der Adressat versteht, um welches Wort es sich überhaupt handelt. Ein Genitiv-s könnte das verkomplizieren. Es ist also hörerfreundlicher, das s wegzulassen.“ Auch den sogenannten Deppenapostroph („Andi’s Grillstube“) findet Simon in diesem Zusammenhang nützlich. Die Abtrennung des s erleichtert dem Leser das schnellere Verständnis. „Man könnte den Deppenapostroph daher auch als ‚netten Apostroph’ bezeichnen“, meint der Linguist.

Intensiver Gebrauch des Genitivs dient der sozialen Distinktion

Mit solchen Vorschlägen aber macht man sich in der deutschen Öffentlichkeit schnell unbeliebt, davon zeugen die erbosten Briefe, die Simon erhält, wenn er den Apostroph verteidigt. Zur Belustigung der angereisten Kollegen hat er sie am Tagungsort an eine Pinnwand gehängt. Die Zuschriften zeigen vor allem eins: Der Genitiv schürt heftige Emotionen. Nicht wenige fühlen sich aufgefordert, ihn mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Sprachwandel, der seit tausenden Jahren unaufhaltsam stattfindet, verträgt sich schlecht mit der konservativen Grundstruktur des Menschen, glaubt Simon. Existieren in einer Sprache zeitgleich zwei konkurrierende Ausdrücke, wird oft die ältere Form als die elaboriertere und bessere angesehen. Die jüngere gilt als Zeichen mangelnder Sprachkompetenz. „Wegen dem Wetter“ klingt in den Ohren von Sprachwächtern ungebildet.

Wer dagegen den Genitiv ausgiebig benutzt, setzt eine soziale Markierung: Seht her, ich beherrsche selbstverständlich die korrekte Schriftsprache. Caroline Döhmer, Doktorandin der Universität Luxemburg, fiel das vor allem in den Kommentarspalten eines luxemburgischen Newsportals auf. Die anonymen Kommentatoren, oft hoch empört über den gerade gelesenen Artikel, wollten sich durch exzessiven Gebrauch der wenigen verbliebenen Genitive ihrer Muttersprache als besonders gebildete Zeitgenossen hervorheben. Und wo sie keine luxemburgischen Genitive fanden, nutzten sie Entlehnungen aus dem Deutschen.

Verfallsschelte, wenn der historische Dativ sich zurückmeldet

Übereifrige Genitivliebhaber gibt es auch hierzulande – und das schon seit vielen hundert Jahren. Sie etablieren Genitive, wo sprachgeschichtlich nie welche waren. Etwa bei der Präposition „trotz“: „Trotz des schlechten Wetters“ steht heute für die hohe Kunst des richtigen Genitivgebrauchs. Dabei zog „trotz“ bis in die Zeit des Barocks eigentlich einen Dativ nach sich. „Wir nennen das Übergeneralisierung oder Hyperkorrektur“, sagt Simon. Haben aber erst mal einige Jahrhunderte lang viele Nutzer den falschen Genitiv kopiert, dann gilt er irgendwann als richtig, findet Eingang in den Duden – und in die Verfallsschelte, wenn sich der historische Dativ zurückmeldet.

Aber trotz solcher Einzelfälle ist die große Zeit des Genitivs unwiederbringlich vorbei. Als Blütezeit gilt ohnehin das Althochdeutsche. Damals war es üblich, viele Verben entweder mit Akkusativ oder Genitiv zu verwenden: „Ich trinke das Wasser“ und „Ich trinke des Wassers“. Wobei der Genitiv stets ausdrückte, dass man nur einen Teil des Ganzen benutzt oder verbraucht hatte. Wer im Akkusativ Wasser trank, hatte das gesamte Glas geleert.

Wer sich unentbehrlich macht, stirbt nicht aus

An eine Renaissance solcher Ausdrücke glauben die Sprachwissenschaftler nicht. Seinen ehemaligen Stammplatz an der Seite der Verben wird sich der Genitiv nicht zurückerobern können. Auch im Zusammenspiel mit Präpositionen wird er den Kampf gegen den Dativ wohl langfristig verlieren. Wo aber bleibt er dann? Linguist Simon sieht die zukünftige Nische des zweiten Falls in Substantivkonstruktionen. Für die „Verhaftung des Diebes“ oder „die Angst des Torwarts“ sind keine echten Alternativen in Sicht. Simon hält es für unwahrscheinlich, dass sich flächendeckend die „Verhaftung von dem Dieb“ oder „dem Torwart seine Angst“ durchsetzen wird. Das wären gute Nachrichten für den Genitiv. Denn wer sich unentbehrlich macht, stirbt nicht aus.

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