Der Tagesspiegel : Zeige deine Wunde

In der Galerie Isabella Czarnowska misst sich der Maler Luc Tuymans an den Werken Paul Theks.

Tabernakel aus Plexiglas. An der Wand Bilder von Luc Tuymans, vorne Paul Theks Stele „Untitled (from the series Technological Reliquaries)“, 1966. Aus dem Inneren leuchtet ein Stück Fleisch, als huldige die Kunst einem Märtyrer. Foto: Mike Wolff
Tabernakel aus Plexiglas. An der Wand Bilder von Luc Tuymans, vorne Paul Theks Stele „Untitled (from the series Technological...

„Why?!“ heißt die Ausstellung in der Galerie von Isabella Czarnowska, und Fragen hat man tatsächlich zu Hauf. Weshalb kuratiert hier ein Künstler den anderen? Der belgische Maler Luc Tuymans stellt seine Arbeiten denen des Amerikaners Paul Thek gegenüber, der 1988 verstarb und gar nicht zum Programm der Galerie gehört. Dazu stammt Theks großartige Skulptur „Portable Ocean“ von 1969 – ein Spielzeugwagen mit himmelwasserblauen Holzklötzen zum individuellen Arrangieren – aus der Sammlung des Kölner Diözesanmuseums. Sie ist unveräußerlich, wie fast alles in dieser exklusiven Doppelschau. Eine Galerie lebt aber doch vom Kunstverkauf. Oder etwa nicht?

„Ja, schon“, meint Isabella Czarnowska. Doch die Räume zehrten auch vom spirit der Kunst. Und manchmal müssten ersehnte Projekte einfach ins Leben gebracht werden. Tuymans, der von der Galerie vertreten wird, habe den expliziten Wunsch gehegt, die „messbare Distanz“ zwischen seinen Werken und denen von Thek auszuloten. Was man durchaus verstehen kann.

Paul Thek ist ein Großer, das machen allein die vorhandenen Skulpturen und Aquarelle klar. Seine Stele „Untitled (from the series Technological Reliquaries)“ von 1966 hat er aus Plexiglas gebaut. Wie eine strenge, minimalistische Skulptur ragt sie in die Höhe. Doch dann leuchtet aus ihrem Innern ein Stück Fleisch. Aus Kunststoff, natürlich, aber das sieht man nicht. Stattdessen Muskelstränge, Blut und Gewebe ohne Haut – eine offene Wunde, die sich offenbart.

Für die sechziger Jahre war Theks Kunst ein Affront. Sein theatralischer Gestus, die interdisziplinären Überschreitungen und Verweise auf kultische Religionen mit ihren Reliquien, den Knöchelchen hinter Glas, ließen sich keiner Strömung zuordnen. Obwohl: Thek verstand sich mit dem Katholiken Andy Warhol, mit Susan Sontag und anderen eigensinnigen New Yorker Künstlern wie Eva Hesse. Wer aus der Zeit fiel, der passte in die Welt jener kritischen Melancholiker. Und eben hier setzt Tuymans mit seinem eigenen Werk an.

Wenn er das zarte Ölgemälde „Body“ von 1990 nahe der leuchtenden Stele aufhängt, zeigt er nicht nur einen blassen Körper, dessen Verletzlichkeit an die gehäutete Stelle bei Thek erinnert. Die Gegenüberstellung lässt auch sichtbar werden, dass die Sujets des Belgiers keiner Dekade zuzuordnen sind. Ihre pudrigen Farben wirken verblasst, die Motive seltsam anachronistisch. Nicht einmal das kleine Schlagzeug aus Papier in der Glasvitrine gegenüber findet Anschluss an die Gegenwart. Als model für ein Polaroid, das Tuymans wiederum als Vorbild für ein späteres Gemälde genommen hat, fristet es sein Dasein als vage, vieldeutige Miniatur.

Die vom Künstlerkurator beschworene „messbare Distanz“ ist also keine zeitliche Differenz. Auch wenn die beiden ihre existenziellen Themen sehr unterschiedlich umsetzen: Während Theks „Pyramid Selfportrait“ (1966/67) das eigene, an eine Totenmaske erinnernde Gesicht im Wachsabguss zeigt, weist Tuymans’ Werk stets auf andere. Wie die fünfteilige Aquarellserie von 2007, in denen er Gedenkbilder und -stätten eines Heiligen wie überbelichtet wiedergibt, greifen seine Motive vorgefundene Bilder auf. Dass er in den achtziger Jahren begann, mit Gaskammern und Nazigrößen verdrängte Motive in die Malerei zu holen, hat ihn berühmt gemacht. Bis heute verwendet Tuymans, was ihm das digitale Jahrhundert an Speichermaterial zur Verfügung stellt. Eine Strategie der jüngeren Generation, sicher. Sie gründet aber ebenso im Protagonisten: Tuymans lässt die medialen Quellen auf sich wirken, wirkt Subtexte und Konnotationen in seine Kompositionen. Thek entwickelt die surrealen Objekte aus sich heraus. Aus dieser Distanz entsteht ein spannungsreicher Raum voller Bezüge.

Tuymans befeuert diesen Dialog mit zwei Gemälden nach Fotografien, die eigens für die Ausstellung entstanden sind. Das großformatige „München“ (2012) zeigt eine Figur im blauen Mantel, mit Maske und Blumenkranz. Dass sich die Details nicht schlüssig zusammenfügen und interpretieren lassen, liegt an der Situation. Das anonyme Wesen trägt ein Karnevalskostüm. Mit diesem Bild nimmt Tuymans gleich doppelt Bezug auf Thek: Der wählte häufig jenen tiefen Blauton mit weißen Schlieren, wie ihn auch „Portable Ocean“ aufweist, und bestrich damit Holz, Beton und Leinwände. Eine Farbkombination, die er immer wieder mit Wasser assoziierte und dem (vergeblichen) Versuch, seine Skulturen quasi zu verflüssigen.

„Cosmic Duck“, eine Arbeit aus den späten sechziger Jahren, zeigt zwar nicht viel von dieser Farbe. Doch der blaue Stein, der wie ein Meteor in einer Ente aus Porzellan steckt, versieht den kitschigen Staubfänger mit einer irritierenden Botschaft: Kunst verfremdet den Alltag. Und wo sie einmal einschlägt, lässt sich der Schaden namens Einsicht nicht wieder beheben. So sieht es auch Tuymans, der sich in dieser Ausstellung nicht zuletzt an Thek misst. Der galt lange als artist’s artist – als einer, den vor allem Künstler kennen und schätzen, während ihn der offizielle Betrieb ignorierte. In der Rückschau lässt sich das kaum mehr verstehen, doch tatsächlich hat ihm das Whitney Museum erst 2012 eine große Retrospektive gewidmet und den Künstler damit endgültig in seiner Heimat geadelt.

Dass die Arbeiten teils über ein halbes Jahrhundert alt sind, sieht man ihnen nicht an, im Gegenteil: Thek berührt unmittelbar, hat weder an Witz noch an Beklemmung verloren, wenn wie in „Untitled (Peniscast in Resin)“ von 1964 ein schlaffes Geschlecht in einem Plastikbecher klemmt. Tuymans kommt ihm in seinen besten Momenten nahe. In anderen Fällen wird das die Zeit zeigen.

Galerie Isabella Czarnowska, RudiDutschke-Str. 26; bis 28. Juli, Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr