Zeitung Heute : . . . ist ein Sieg

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Von Helmut Schümann, Yokohama

Oliver Kahn steht im Tor, wirft seine Handschuhe weg. Linke kommt, schüttelt ihm die Hand. Kahn nimmt einen Schluck aus seiner gelben Flasche, wirft sie den Handschuhen hinterher. Nacheinander kommen sie jetzt alle zu ihm, geben ihm die Hand, klopfen ihm auf die Schulter. Die Spieler, der Schiedsrichter, Rudi Völler. Kahn kaut auf seinem Kaugummi, wie er es während all der Spiele gemacht hat. Noch vor dem Finale war er zum Torhüter des Turniers gewählt worden. Und jetzt liegt es ausgerechnet an ihm, dass die Deutschen das WM-Finale verloren haben. Ein kleiner Fehler war es nur, in der 67. Minute. Ein leichter Schuss von Ronaldo, normalerweise hätte er einen solchen Ball spielend gehalten. Diesmal aber ist er von seiner Brust abgeprallt. Ausgerechnet ihm passiert das, dem Meister der Konzentration. Später, nach dem Spiel, trägt er einen Verband um den kleinen Finger. Er hat sich kurz vor Ronaldos Schuss bei einem Zweikampf an der rechten Hand verletzt. Auch den zweiten Torschuss von Ronaldo konnte er nicht halten. Oliver Kahn, der tragische Held. Ohne ihn wären sie nie hier gewesen.

Der japanische Ministerpräsident Koizumi reicht Gerhard Schröder die Hand. Sein Beileidswunsch. Ronaldo und Rivaldo dagegen wickeln sich vor 1,5 Milliarden Zuschauern in aller Welt in ihre Nationalflagge und wälzen sich auf dem Rasen. Sie sie sind jetzt die Helden der WM. Das Traumfinale des Fußballs – es ist für sie entschieden. Die deutschen Spieler hocken auf dem Grün, schauen hin oder schauen weg, wie Brasiliens Spieler und Brasiliens Fans tanzen, lachen, feiern. So nahe waren die Deutschen doch dran gewesen, 90 Minuten nur noch, ein Spiel hatte doch nur gefehlt, ein winziger Sieg nur, 1:0 nur, in Gottes n noch ein 1:0. Aber jetzt feiern die anderen. Die Deutschen sind Zweiter, nur Zweiter, Vizeweltmeister, wie das heißt, obwohl sie die Weltmeister aus Brasilien nie und nirgends stellvertreten werden.

Darüber müssten sie eigentlich nicht verzweifeln. Denn sie haben ja bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Korea etwas erreicht, das niemand erwartet hatte. Diese deutsche Mannschaft schien doch exakt das wiederzugeben, was dieses Land verdient hat. In der Pisa-Studie rangierte Deutschland auf den hinteren Plätzen, und auch die Fußball-Nationalelf hatte ihre Hausaufgaben beim 1:5-Desaster gegen England nicht gemacht. Sie konnte schon in der Qualifikation zur WM nur durch die Nachprüfung aufrücken. Dann aber diese Weltmeisterschaft, die schon vor dem verlorenen Finale gewonnen war.

Stolz wirkte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, wie er gestern vor dem Anpfiff hinter Ministerpräsident Koizumi einherschritt zur Ehrenformation der Spieler, weil ja auch ihm so etwas nicht alle Tage passiert. Schon in Seoul, nach dem Halbfinalsieg über Korea, konnte Mayer-Vorfelder sein Glück nicht fassen. Er kam in den Katakomben des Seouler Stadions aus dem Vip-Bereich geradezu herangeschwebt und suchte den Treppenaufgang zu den Tribünen. Der Fernsehmann Jörg Wontorra lief ihm entgegen: „Glückwunsch, Herr Präsident!“ Doch das Glück war zu groß, die Zunge zu schwer, heraus kam aus präsidialem Mund nur ein „Dasjibtsdochjarnich…“ Man wollte ihm noch nachrufen, dass das Spiel zu Ende ist, aber da segelte er schon die Treppe hinauf, während seine Frau Margit die Spieler, ob sie wollten oder nicht, innigst abbusselte.

Die Mannschaft hatte eine unglaubliche Wandlung erlebt. Der Rumpeltruppe hatte man kaum zugetraut, die Vorrunde zu überstehen, sie selbst hatte sich als großen Erfolg prophezeit: Sie werde das Viertelfinale erreichen. Aber nach ein paar überaus glücklichen Siegen war aus ihr plötzlich ein Team aus lauter Identifikationsfiguren geworden. Der letzte Beweis: Am Ende verlegte eine ganze Armada von Politikern den Wahlkampf ins Stadion von Yokohama. Vorher war schon aus Deutschland die Nachricht gekommen, dass die roten, die schwarzen und die goldenen Stoffe ausgehen und die Flaggenhändler nicht mehr nachkommen mit der Auslieferung.

In den nächtlichen Morgenstunden nach dem Halbfinale wurden die deutschen Journalisten in Seouls altem Innenstadtviertel Insadong, wo die Koreaner mehr ihr erfolgreiches Auftreten bei dieser WM feierten als dass sie das Ausscheiden gegen die Deutschen betrauerten, umjubelt und umarmt; fast hätten die Koreaner einen auf die Schulter gehoben – als hätte man selbst auf dem Platz gestanden. Plötzlich waren wir wieder wer. Dass Brasilien, die Zaubertruppe um Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho, im Finale stehen würde, gut, das war allenfalls für Fachleute überraschend. Aber die Deutschen, die hatten doch nicht einmal fußballignorante Koreaner und Japaner auf der Rechnung. Die werden meist von britischen Sportjournalisten gefüttert, demzufolge war vor dem Turnier das Debakel gegen England das Maß des deutschen Leistungsstands.

Wie die Wertschätzung der deutschen Mannschaft im Verlauf des Turniers wuchs, das lag vor allem an Oliver Kahn, der nun der traurigste Mann des Tages ist. Er wurde zu Beginn als der einzige Weltstar im deutschen Team beschrieben, aber auch als ein wenig irre, ein Monster mit finsterem Blick und krankem Ehrgeiz. Am Tag vor dem Finale hatten sich vor dem deutschen Mannschaftshotel in Yokohama etwa 200 japanische Fans versammelt. Die ersten standen ab 13 Uhr da, zu erwarten war, dass die Deutschen im Bus gegen 17 Uhr das Hotel verlassen würden, um zum Abschlusstraining zu fahren. Meist waren es sehr junge Mädchen, die da in ihren Schuluniformen warteten. Und auf die Frage, wen sie denn sehen wollten, piepsten sie furchtbar aufgeregt: „Kahn! Kahn! Keeper Kahn!“, was sich immer anhört wir Kipakan, „Kipakan is so sweet!“ Süß, das ist eine Vokabel, die einem zu Oliver Kahn, 1,88 Meter groß, 90 Kilogramm schwer, zuallerletzt eingefallen.

Der zweite tragische Held, das ist natürlich Michael Ballack. Der sitzt beim Finale auf der Bank. Er hat die deutsche Mannschaft in dieses Endspiel geschossen und darf nach zwei gelben Karten selbst nicht antreten. Er hat geheult nach dem Halbfinale, gesagt: Das sei das Schlimmste, was einem Fußballer passieren könne. Irgendwann in der ersten Halbzeit des Finales, als seine Mannschaft noch alle Chancen hat, sieht er sein Gesicht auf der Leinwand und grinst. Er weiß, er ist neben Kahn die zweite Größe der Elf. Trotz der Niederlage.

Die Begeisterung, die diese WM in den Gastgeberländern geweckt hat, war so enorm, dass den koreanischen Staatspräsidenten Kim Dae-jung nicht mal der Tod von vier seiner jungen Soldaten bei einem Seescharmützel gegen die Kräfte des nordkoreanischen Feindes davon abhalten konnte, zum Finale nach Japan zu reisen. Und spätestens nach dem Viertelfinalsieg über die USA wurden die Deutschen von der Euphorie mitgerissen. Da hatte Mayer-Vorfelder noch in kleiner Runde das deutsche Spiel in Bausch und Bogen verdammt. Aber es war schon zu spät für Realismus. Jürgen Klinsmann, der ehemalige Nationalspieler, bezeichnete Mayer-Vorfelders Analyse als große Dummheit, weil weder in Deutschland noch in der Zukunft jemand danach fragte, wie der Erfolg zustandegekommen war.

Am Vorabend des Finales saß in einem kleinen japanischen Restaurant in Shinagawa, dem Hotel-Viertel von Tokyo, eine deutsche Reisegesellschaft. Kurzfristig – nach dem Halbfinalsieg über Korea – hatten sich die Teilnehmer entschlossen, für 3700 Euro (Holzklasse) oder 6800 Euro (Business) zum Finale zu fliegen, „weil jetzt alles möglich scheint“, wie ein Bottroper Schwergewicht meinte. Insgesamt über 2000 Zuversichtliche hatten sich auf die Reise gemacht. Und als ein Busfahrer aus Augsburg mit großem Humpen in der Mitte des Raumes stand und das „Prosit auf die Gemütlichkeit“ anstimmte, da grauste es einen nicht mal mehr.

„1:0“, hatte das Bottroper Schwergewicht getippt. 1:0, das Ergebnis, das mit geringstkalkuliertem Aufwand den maximalen Ertrag erntet, dieses Resultat wird wohl auf ewig den deutschen Beitrag an dieser WM charakterisieren. 1:0 wurde Paraguay besiegt, 1:0 die USA und 1:0 Korea, daran ändert die 0:2-Niederlage gegen die Brasilianer auch nichts – diese deutsche Mannschaft hätte auch vom vormaligen Kanzler Helmut Kohl erfunden sein können: „Leistung muss sich wieder lohnen.“ Dem Bundespräsidenten Johannes Rau auf jeden Fall hatte diese WM schon den Wirklichkeitssinn eingetrübt. „Die Mannschaft hat ja nicht nur gearbeitet“, sagte Rau bei einem Empfang am Vorabend in Seoul, „die hat ja auch gut gespielt.“ Er war sich in diesem Punkt mit dem Schwergewicht aus Bottrop aus der Kneipe in Shinagawa einig: „Wir Deutschen machen, was wir können. Wenn das reicht gegen die anderen, wir haben sie nicht gezwungen, gegen uns zu verlieren.“

Selbstbewusstsein, das ist es wohl, was diese Rumpelfussballer den Deutschen in den vergangenen vier Wochen geschenkt haben. Das Selbstbewusstsein von Trainer Rudi Völler war schon vor den Finale derart gewachsen, dass er den Skeptikern und Kritikern, zu denen immerhin auch Kaiser Beckenbauer gehört hatte, knapp bescheinigte, vom Fußball keine Ahnung zu haben. Da haben die deutschen Nationalspieler am Ende, auch ohne Sieg gegen Brasilien, auch ohne den Pokal in den Händen, eine kleine Revolution angezettelt.

Als die Brasilianer geehrt werden, geht Kahn am Spalier der Fotografen vorbei, ganz an den Rand des Spielfelds, fast bis zur Eckfahne. Da bleibt er allein stehen, minutenlang. Carsten Ramelow geht zu ihm, aber Kahn schickt ihn weg, und auch Völler bleibt nur Sekunden. Als die Brasilianer den Pokal hochhalten und es im Stadion Konfetti regnet, geht Oliver Kahn in die Kabine, allein. Deutschland ist Vizeweltmeister, wäre es ohne ihn nie geworden. Das wissen an diesem Tag alle, nur kann es den Nationaltorwart nicht trösten.

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