Zeitung Heute : ...muss auch kommuniziert werden - ein Kongress über das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft

Anja Kühne Thomas De Padova

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist ein seit jeher ambivalentes. Für die Forscher selbst ist Wissenschaft vielerorts immer noch allein eine "Sache der Gelehrten". Und wer über diese Sache allgemeinverständlich zu schreiben sucht, wie es Wissenschaftsjournalisten als ihre Aufgabe empfinden, ist ihnen höchst verdächtig.

"Wie kann es sein, dass man als Physiker zum Fernsehen kommt", wurde Ranga Yogeshwar, Redaktionsleiter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, schon oft gefragt - allerdings nicht bloß von Wissenschaftlern. "Man tut dann so, als handele sich um eine Art künstlicher Bestäubung", sagte Jogeshwar am Freitag bei einer Podiumsdikussion in Berlin und brachte damit zum Ausdruck: Auch die in ihrem Alltag ständig mit den Früchten der Wissenschaft konfrontierte Gesellschaft wähnt den Geist nach wie vor im Elfenbeinturm, allenfalls dozierend mit der Außenwelt in Kontakt.

Wie kann sich diese Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ändern? Was können etwa Journalisten in der Wissens- und Mediengesellschaft leisten? Fragen, die die TELI, die Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik, auf ihrem noch bis zum heutigen Sonnabend dauernden, internationalen Kongress im Gebäude der Deutschen Bank in Berlin stellt.

"Ein Beruf, der sich in Demokratien seit dem letzten Jahrhundert so klar profiliert entwickelt hat und zu einer immer professionelleren Tätigkeit wurde, kann nicht ganz und gar überflüssig sein", sagte der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher von der Universität Wien. Die Journalisten steuerten das Wissen bei seinem Durchfluss durch das System. Sie sorgten dafür, dass die Lotsen der Gesellschaft an Bord geholt werden: Politiker und Persönlichkeiten, die sich in öffentliche Debatten einmischen, aber auch Wissenschaftler.

Wie wichtig dies ist, zeigen unter anderem die zunehmenden Legitimations- und Akzeptanzschwierigkeiten der Wissenschaft, die etwa aus Nuklearunfällen, wie in Tschernobyl oder nun auch in Japan, resultieren. "Es gibt keinen Glauben an die Allmacht der Wissenschaft mehr, aber die feste Überzeugung, dass die großen Probleme der Menschheit nur mit Hilfe der Wissenschaft gelöst werden können", sagte Tagesspiegel-Redaktionsleiter Gerd Appenzeller. Der Wissenschaftsjournalist übernehme vor diesem Hintergrund die Aufgabe eines Vermittlers, Übersetzers und kritischen Begleiters.

Er muss einerseits der oft schlechten wissenschaftlichen Vorbildung seines Publikums gewahr sein. Er kann aber auf die Neugier - insbesondere jüngerer Leute - zählen und auf der Faszination aufbauen, die von neuen Erkenntnisse in der Forschung ausgeht. Der Umfang der Wissenschaftsberichterstattung in den deutschen Medien habe in den vergangenen Jahren folgerichtig enorm zugenommen, bekräftigte Norbert Lossau, Wissenschaftschef der Zeitung "Die Welt".

Um sich ihrer eigenen Rolle zu vergewissern, ließen die Journalisten bei dem Kongress auch Politiker erklären, wie die herannahende Wissensgesellschaft in Zukunft gestaltet werden kann. Vor allem herrschte Einigkeit darüber, dass die Zukunft nur mit einer gründlichen Bildungsreform gemeistert werden könne. Die Schule solle sich von der Buchkultur verabschieden, forderte provokativ Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär im Bildungsministerium. "Die jetzige Schule ist für die Schüler medial unattraktiv." In zwei bis drei Jahren, so das Ziel der Bundesregierung, solle jede deutsche Schule mit einem Zugang zum Internet ausgestattet sein. Vorschläge für eine Entschlackung der vollgestopften Lehrpläne wollte Catenhusen nicht machen: "Zwar wird ständig mehr soziale Kompetenz von den Schülern gefordert, in den Einstellungstests werden aber doch wieder fachliche Dinge abgefragt", meinte der Staatssekretär.

"Schule kann doch nicht eine mit Computern vollgestellte Station der Informationsgesellschaft sein", konterte Lothar Späth, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG. Nicht der Computer, sondern der Lehrer müsse in Zukunft der Angelpunkt im Klassenzimmer sein, der den Schülern zu zeigen habe, wie man sich Wissen aneignet und auch wieder verdrängt. "Da es zu wenig Arbeit gibt, sollten die Schüler auch rechtzeitig lernen, Muße zu üben und zu philosophieren."

Zu so etwas werden Menschen, die die neue Informationstechnologie beherrschen, überhaupt keine Zeit haben, meinte dagegen Jörg Wenzel, Leiter des Aktionszentrums Informationsgesellschaft der EU. Tausende von leeren Arbeitsplätzen warteten zur Zeit auf Menschen mit entsprechendem Know-how. Doch während selbst der Papst seine eigene Seite im Internet habe, hätten nur acht Prozent der deutschen Haushalte einen Anschluss, in den USA seien es 30 und in nordischen Ländern gar 40 Prozent. "Europa muss auf Aufholjagd gehen und die Bedenkenträgermentalität überwinden." Entscheidend sei eine geringere Regulierung des Marktes, damit der elektronische Handel nicht länger an Europa vorbeilaufe.

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