Zeitung Heute : „...sonst denke ich, ich sei Gott“

Häufig weiß Robbie Williams nicht genau, wer er ist. Robbie? Oder Rob? Was er sicher weiß, ist: Jede seiner sexuellen Eskapaden wird zur Sensation.

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Robbie Williams, 32, ist der Star des Musikgeschäfts, gut 50 Millionen verkaufte Platten und ein Vertrag über 127 Millionen Euro: Rekord. Bekannt wurde er mit der Boygroup Take That – und durch sein exzessives Leben. Der Engländer lebt in L.A., gerade erschien sein neues Album „Rudebox“ (EMI).

Interview: Peer Teuwsen Mister Williams, sind Sie müde?

Sehr, wir haben jetzt fast 40 Shows hinter uns, ich war in vielen klimatisierten Räumen, aber es ist so wie es ist. Es tut mir so leid, dass Sie warten mussten. Aber bitte, fragen Sie.

Es gibt ein Lied auf Ihrer neuen Platte, das verfolgt mich. Da ist dieser Refrain in „The 80’s“: „Things seem better when they start / That’s how the 80’s broke my heart.“ Ich werde das nicht mehr los.

Wirklich? Das ist gut so.

Wie machen Sie das?

Weiß ich nicht. Ich habe einfach nach etwas gesucht, das Sinn macht, in meinen Ohren, meinem Herzen. Und dieser Refrain ergibt Sinn. Ich bin ein sehr nostalgischer Mensch, besser: Ich war ein sehr nostalgischer Mensch, immer wenn ich an meine Vergangenheit denke, werde ich sehr nostalgisch.

Sie gewinnen Stärke aus Ihrer Vergangenheit.

Vielleicht. Ich sehe die 80er Jahre mit einer rosa Brille, ich bin ein großer Fan dieser Dekade und was sie mir bedeutete – und jetzt habe ich dieses Lied geschrieben, und ich schaue nie mehr zurück.

Jetzt sind die 80er Jahre für Sie vorbei?

Ja.

Sind Sie jetzt endlich erwachsen?

Gott! Drohen Sie mir nicht damit! Nein, gar nicht. Ich will nie groß werden, nie erwachsen. Das ist eine Wahl, die man trifft. Erwachsene machen und werfen Bomben, beginnen Kriege in Ländern, die nicht die ihren sind, Kinder sterben deswegen, nein, ich will ein Kind bleiben.

Es gibt eine andere Textstelle in diesem Lied: „I cried, she cried, we cried, her youth died.“ Wann ist denn Ihre Jugend gestorben?

Ich glaube nicht, dass sie gestorben ist. Das Mädchen, von dem ich in diesem Lied spreche, wurde schwanger, mit 14. Stört es Sie, wenn ich rauche?

Nein, gar nicht.

Das ist das Schlimmste – außer wenn jemand deiner Liebsten stirbt –, wenn jemand schwanger wird, der gleich alt ist wie du. Das ist really heavy. Ihre Jugend ist gestorben in diesem Moment, vielleicht ist sie wieder erwacht, ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Was seltsam ist: Dieses Kind in ihrem Bauch wäre heute fertig mit der Schule, in die ich gegangen bin. Anyway, meine Jugend ist nicht gestorben.

Sie sind in der Phase zwischen Jugend und Erwachsensein?

Nein, ich habe mich entschieden, nie erwachsen zu werden. Ich versuche es, und ich schaffe es.

Herr Williams, Sie sind 32.

Ja.

Sie singen auch: „I’m pissed and I’m fucked and I’m only nineteen.“ Wie würden Sie Ihren heutigen Gesamtzustand beschreiben?

Ha! Ich bin jetzt fast fünf Monate von zu Hause weg. Ich war in vielen Hotelzimmern, ich bin vor sehr vielen Menschen aufgetreten, ich habe viele Interviews gegeben. Ich leide unter cabin fever, so als säße ich seit fünf Monaten in einem Zimmer, die Decke fällt mir auf den Kopf, verstehen Sie das? Aber wissen Sie, ich reise um die Welt und bitte die Menschen, dass ich wiederkommen darf. Das ist halt meine Arbeit. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mein Gesamtzustand ist. Ich arbeite. Fragen Sie mich wieder, wenn ich frei habe.

Passiert es Ihnen heute noch, dass Sie aufwachen und keine Ahnung haben, wer und wo Sie sind, das Fenster öffnen und 5000 Mädchen schreien: „Robbie, Robbie, Robbie!“ Sie schließen das Fenster und sagen sich: „Ah ja, der bin ich.“

Das war damals in Mailand. Ich hatte einen kompletten Gedächtnisverlust. Nur eine Minute, das ist nie mehr passiert. Gut, ich wache immer noch ab und zu auf und weiß nicht, wo ich bin. Aber das beunruhigt mich nicht, ich genieße es und nehme es als einen surrealen Trip.

Sind Sie ein Gefangener, der Musik macht?

Verdammt gute Frage. Sind Sie ein Gefangener, der schreibt? Dann verstehen wir uns. Manchmal fühle ich mich so, wenn ich singe und schreibe und einfach nicht zum Kern komme, zum Unantastbaren, wenn ich es nicht schaffe, dass ich es mag. Aber meistens schreibe ich, weil ich schreibe. Verstehen Sie mich?

Ja. Sind Sie auch ein Gefangener Ihres Erfolges?

Nicht mehr, seitdem ich in Los Angeles lebe. Seitdem macht mein Leben Sinn. Ich reise im Rest der Welt herum und treibe mein Ego immer weiter nach oben. Gott sei Dank, bin ich erfolgreich. Und dann komme ich nach Los Angeles, wo ich nur einer bin, der mit seinem Hund spazieren geht, Kaffee trinkt, toll. Die Balance stimmt.

Sind Sie noch nicht erschöpft von Ihrem Ego?

Das sind wir doch alle manchmal. Jetzt bin ich vor allem von der Air Condition erschöpft.

Es gibt diesen Satz von Ihnen: „Im Gefängnis bist du gezwungen, deine Zellennachbarn zu vögeln.“

Ha! Ja, da hat mich jemand gefragt, warum ich nur mit Prominenten schlafe. Das war meine Antwort. Nur Prominente verstehen, was wirklich mit einem passiert, wenn man so öffentlich ist wie ich. Das heißt aber nicht, dass es da draußen keine Doktorinnen oder Krankenschwestern gäbe, mit denen ich nicht gerne mal ausginge.

Reden Sie mit anderen Prominenten über Ihre Prominenz?

Nicht wirklich. Josie, rede ich mit anderen Prominenten?

JOSIE (die persönliche Assistentin): Ja, das tust du.

Klar rede ich mit denen, aber zurzeit schlafe ich mit keiner Prominenz.

Ihre neue Platte ist ein Abschied von Ihrer Jugend und eine Hymne auf die 80er Jahre.

Das war mir nicht bewusst, als ich sie machte, aber es stimmt wohl, was Sie da sagen. Und jetzt kann ich mich endlich davon lösen und in die Gegenwart vorstoßen. Ich bin jetzt glücklich, hier zu sein. Endlich.

Es ist gewagt, eine solche Platte zu machen, weil sie sich sehr von Ihren vorhergehenden unterscheidet.

Das mag für andere Ohren so klingen, aber mein Geschmack ist sehr eklektisch, und ich nehme einfach an, dass es anderen auch so geht. Und wenn man denkt, das sei gewagt – toll. Ich denke, es ist gewagt, sie zu kaufen – aber man soll es wagen, es ist keine Scheiße.

Es gibt einen anderen Satz in einem Lied, das Sie über Madonna geschrieben haben, eine andere Ikone der 80er: „She’s got to be obscene to be believed/That’s her routine.“ Ist das auch Ihre Taktik?

Vielleicht. Ich tue oft Dinge, damit die Menschen reagieren. Ich glaube, das macht Madonna auch so. Bei mir ist es weniger politisch gedacht, sie ist extremer als ich.

Und warum wollen Sie die Leute provozieren?

Weil ich es kann. Das ist jetzt sehr snobistisch von mir, aber die Menschen mögen es, und ich bin so. Ich habe einen Job, in dem ich mir sehr viel erlauben kann – und ich will wissen, wie weit ich gehen kann. Wäre ich ein Fernsehmoderator, ich könnte mir das nicht erlauben. Vielleicht muss ich mal ein bisschen zurückschrauben, aber ich mag es zu sehr. Ich bin die Gegenkultur.

Können Sie unterscheiden zwischen der Marke Robbie Williams und dem Menschen Robbie Williams?

Natürlich. Arbeit ist Arbeit, Leben ist Leben.

Ist das so leicht?

Ja. Ich sah Robbie Williams immer als eine Show.

Ist es ein Spiel?

Ich glaube nicht. Aber es gibt einen, der hinter dem Vorhang steht, und einen, der vor den Vorhang tritt. Ich kannte immer den Unterschied. Mein Vater ist ein Comedian, ein Sänger, ich beobachtete ihn oft, wie er sich vom Vater zum Entertainer verwandelte. Da habe ich das gelernt. Robbie ist der Mensch auf der Bühne, im Fernsehen, in den Zeitungen – aber er hat mit mir nichts zu tun.

Wie nennen Sie sich selbst?

Rob, yeah. Aber ich gewöhne mich an Robbie.

Sie schauen bei jeder Antwort zu Ihrer persönlichen Assistentin. Steht sie Ihnen sehr nahe?

Sie ist diejenige, die schaut, dass ich nichts Dummes sage.

Bis jetzt hat sie noch nicht eingegriffen.

Aber sie weiß, dass mein Hirn noch nicht funktioniert. Ich bin erst seit einer halben Stunde wach. Wenn ich ein Konzert gegeben habe, für 90 000, 100 000 Menschen, kann ich nicht einfach schlafen gehen, ich bin so unter Strom. Ich gehe um sieben Uhr morgens ins Bett und schlafe bis vier Uhr nachmittags. Jeden Tag. Und ich schaue Josie an, weil ich will, dass sie mein Hirn anwirft.

Diese Lebensweise ist nicht gesund.

Nein. Das sind halt meine Arbeitszeiten. Aber was ich erlebe, das erlebt kein anderer auf der Welt. Vielleicht Mick Jagger, Bono, Madonna – und ich. Ja, es ist ungesund, und es macht einen verrückt – aber es ist wahnsinnig.

Warum tun Sie das wirklich?

Weil es mir einen Sinn gibt. Und ich habe mehr Freizeit als Sie. In den letzten vier Jahren hatte ich anderthalb Jahre frei.

Wenn Sie die 80er Jahre nun hinter sich haben wollen, was tun Sie dann? Sie haben doch so viel Energie aus dieser Zeit bezogen.

Solches passiert doch jeden Tag. Haben Sie gestern Robbie Williams getroffen?

Leider nicht.

Eben. Ich bin heute ein anderer als ich gestern war. Und ich könnte einen Song über das Zimmer schreiben, in dem wir gerade sitzen. Es passiert so viel. George Michael – ich hasse Namedropping, aber so heißen die Menschen halt, mit denen ich rede –, also George habe ich mal gefragt: „Warum brauchst du immer so lange, bis ein neues Album kommt?“ Er sagte: „Weil nichts passiert ist. Ich bräuchte mal frei, damit etwas passieren kann, über das ich schreiben kann.“ Ich denke anders: Bei mir passiert die ganze Zeit etwas, ich habe so viele Widersprüche in mir.

Glauben Sie, Sie könnten jeden Tag neu anfangen?

Ja, ich kann mich neu erfinden. Das neue Album entstand auf meinem Bett in LA, wo ich mit Jerry, einem Bandmitglied, ein paar Beats spielte, und er steckte ein Mikrofon in den Apple Mac, und ich rappte – so entstand das ganze Album. Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt: Ich will mich neu erfinden, ich wollte ein bisschen lachen. Es ist zufällig passiert.

Wie lang haben Sie an „The 80’s“ geschrieben?

Zwei, drei Tage, jeweils eine Vier-Stunden-Session.

Wie wissen Sie, dass dieser Song gut ist?

Ich fühle das. Ich setze mich oft hin und rappe das Stück in die Gesichter der Menschen, die um mich herum sind – ich denke also wirklich, dass das gut ist. Mit anderen Stücken mache ich das nämlich nicht.

Aber auch in anderen Stücken gibt es gute Sätze: „Faces fall before my feet/like blood on a clean white sheet.“

Habe ich das geschrieben?

Es ist auf der Platte, aber es ist ein Cover: „Kiss me“.

Ja, es ist von Stephen Duffy, dem Gitarristen meiner Band, sein großer Hit aus den 80er Jahren. Er liebt es, und er hasst es, aber es ist so toll, dass es reinmusste.

Das ist doch genau, was Ihnen passiert. Sie sehen so viele Gesichter, die etwas von Ihnen wollen, die in Ihnen irgendetwas sehen, das mit Ihnen nicht das Geringste zu tun hat. Sie haben Macht, Herr Williams.

Ja, das ist wohl so, aber es ist schwierig, darüber zu reden. Das ist da drüben, das passiert, wenn ich rausgehe und auftrete. Das ist ein Nebenprodukt des Erfolges.

Was fühlen Sie, wenn Sie diese Gesichter der Menschen sehen, wenn Sie mit 100 000 Herzen machen können, was Sie wollen?

Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Das ist, wie wenn man in einen nie enden wollenden Spiegel schaut. Es hört einfach nie auf. Wenn ich darüber nachdenke, warum diese Menschen so reagieren, wenn ich das oder jenes mache mit ihnen, dann schmerzt mein Kopf. Ich will also nicht darüber nachdenken. Es ist der schiere Wahnsinn, aber ich versuche es als etwas Lächerliches zu sehen. Ich kann das nicht ernst nehmen, sonst denke ich plötzlich, ich sei Gott.

Auch ein Michael Schumacher darf nicht darüber nachdenken, warum er so schnell fährt, was er da eigentlich tut – er würde in die nächste Mauer rasen.

Das ist eine gute Analogie, das ist einfach sein Leben. Es tut zu weh, wenn man darüber nachdenkt. Michael Schumacher würde wohl sofort aufhören, finge er an nachzudenken. Ich auch.

Hoffen Sie, Ihr Album ist draußen, bevor die Welt untergeht?

Das war früher so. Wenigstens ist das Album jetzt aufgenommen, ich kann es nicht mehr stoppen. Ich denke sowieso: Die nächsten 18 Monate wird Robbie Williams, der globale Superstar, noch überleben.

Letzte Frage: Ist das ein Spiel zwischen Ihnen und den Frauen, die Sie manchmal mit auf Ihr Zimmer nehmen?

Wie meinen Sie das?

Nun, Sie bekommen sexuelle Erleichterung und die Frauen bekommen Nähe zum Superstar.

Das ist doch eine Geschichte, die ist so alt wie die Zeit. Das Monster ist größer als die Wahrheit. Es gibt sehr viele Mädchen, die behaupten, mit mir geschlafen zu haben – und es stimmt nicht. Und dann gibt es viele Mädchen, die tatsächlich mit mir geschlafen haben. Nein, es ist kein Spiel. Es ist menschliches Verhalten. In der Crew und in der Band gibt es welche, die haben viel mehr Sex als ich. Warum lachen Sie?

Weil Sie ausweichen.

Aber es ist die Wahrheit. Jede meiner sexuellen Eskapaden wird zur Sensation. Jeder da unten im Pub oder in der Disko hat mehr Sex als ich.

Die da unten heißen aber nicht Robbie Williams. Es besteht doch eine Hierarchie zwischen Ihnen und den Frauen.

Nein, es ist auf beiden Seiten ein ungestilltes Verlangen vorhanden.

Es bekommen also beide etwas.

Das hoffe ich doch sehr.

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