Zeitung Heute : ...und Bayern wird Meister

Der Tagesspiegel

Von Stefan Hermanns

München. Die Berliner Fans hätten es wissen müssen: Keine Provokationen gegen den großen FC Bayern! Andere mögen sich von den kleinen Sticheleien aus ihrem Konzept bringen lassen. Für die Bayern hingegen gibt es gar kein besseres Nervendoping als die Häme ihrer zahlreichen Gegner.

Als die Mannschaften zum Anstoß bereitstehen, wird im Berliner Fanblock ein riesiges Spruchband ausgerollt. „Viel Spaß mit Deisler“, ist darauf zu lesen, und eine Reihe darunter – sozusagen mit symbolischem Gedankenstrich: „im Uefa-Cup". Ob die Münchner wirklich Spaß mit Sebastian Deisler, noch Hertha BSC, bekommen, ist eine Frage, über die ernsthaft diskutiert wird; dass Deisler aber, wenn er wieder gesund ist, mit seinem neuen Arbeitgeber im Uefa-Cup wird spielen müssen, scheint seit Samstag weitgehend ausgeschlossen. Uefa-Cup? Die Bayern haben längst wieder andere Ziele.

Vier Punkte liegen sie nur noch hinter dem Tabellenführer Bayer Leverkusen, und zwei Spiele bleiben ihnen, um diesen Vorsprung aufzuholen. Analog zu Gary Linekers Definition des Fußballspiels könnte man sagen: Die Deutsche Meisterschaft ist ein Wettbewerb mit 18 Mannschaften, und am Ende holen immer die Bayern den Titel. Dass ihnen eine Entscheidung im letzten Moment besonders große Freude bereitet, haben die vergangenen beiden Jahre gezeigt. „Es geht darum, den dritten Platz zu sichern und den zweiten Platz ins Visier zu nehmen“, sagte Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld. Wichtig ist, dass die Refinanzierung der teuren Mannschaft auch in der nächsten Saison durch die Teilnahme an der Champions League gesichert ist. „Aber bei vier Punkten Abstand ist auch die Meisterschaft noch drin." Die Möglichkeit zur erfolgreichen Titelverteidigung kommt für den Meister unverhofft. Seit dem Aus in der Champions League vor knapp zwei Wochen gegen Real Madrid steht in den Zeitungen, dass diese Saison für die Bayern ohne Titel zu Ende gehen werde. Auch aus diesem Grund gewann die Begegnung mit Hertha BSC nach einer langweiligen ersten Halbzeit vor allem aus dem Zusammenwirken des Geschehens auf dem Rasen mit den Einblendungen auf der Anzeigetafel eine unerwartete Dynamik. Als gegen 16.45 Uhr die Bremer Führung in Leverkusen verkündet wurde, sangen die Bayern-Fans: „Deutscher Meister wird nur der FCB.“ Das war insofern etwas verfrüht, als es ihrer Mannschaft bis dahin nicht einmal gelungen war, gegen die minimierte Besetzung ihres Gegners den Führungstreffer zu erzielen. Bei einem Tor gegen Hertha wäre Bayern auf Platz zwei vorgerückt, bei einem Gegentreffer jedoch auf Position fünf zurückgefallen.

Am Ende blieben die Bayern trotz einem deutlichen 3:0 über Hertha Dritter, aber den Abstand zur Spitze haben sie von sieben auf vier Punkte fast halbiert. Oliver Kahn, Bayerns Torhüter, findet die ganze Entwicklung seltsam. „Wir kämpfen ja eigentlich um den dritten Platz. Aber wenn die anderen keine Lust haben, Meister zu werden, nehmen wir die Schale gerne mit.“ So selbstlos können die Bayern also sein. Kahn fände es fatal, „wenn wir etwas abhaken würden, was rechnerisch noch möglich wäre".

Also rechnen sie: mit einem Sieg der abstiegsgefährdeten Nürnberger gegen Leverkusen am kommenden Wochenende. „Leverkusen muss jetzt erst mal nach Manchester fahren“, sagte Mittelfeldspieler Torsten Fink, „da kriegen sie vielleicht noch mal eine Klatsche.“ Und Trainer Ottmar Hitzfeld schloss aus Bayers Niederlage gegen Bremen: „Da hat die Mannschaft wahrscheinlich Nerven gezeigt. Das wirft sie bestimmt etwas zurück.“ Längst ist alles nur noch Psychologie. Wiederholt sich die Geschichte von vor zwei Jahren, als Bayer in Unterhaching die fast sichere Meisterschaft verbaselte? „Wir glauben auf jeden Fall noch dran“, sagte Fink.

Mehmet Scholl vermutet, „dass am nächsten Wochenende eine Entscheidung fallen wird. So oder so.“ Die Bayern sind jedenfalls bereit. „Wir lauern“, sagte Oliver Kahn. Und notfalls werden sie auch zuschlagen.

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