Zeitung Heute : ... und den Rücken zugewandt

Eine Vergangenheit, zwei Gegenwarten: Die Wende hat den Osten entzweit – die Eltern und ihre Kinder

Robert Ide

Der Türsteher schenkt mir einen verächtlichen Blick und schüttelt den Kopf. Ich vergrabe die Hände in meinen Manteltaschen, hier am zugigen Alexanderplatz habe ich keine Lust auf Diskussionen. Gerade will ich mit meinem Kumpel Ricardo zu einer anderen Filiale des Berliner Nachtlebens weiterziehen, da hält mich der Türsteher an der Schulter fest: „Na gut, komm rein. Ich glaube, du warst schon mal hier.“

Ich zahle den Eintritt, mein Blick streift über den Marmorfußboden und die weißen Kalkwände, an denen viereckige Staubränder von abgehängten Bilderrahmen künden, hinüber zum Fahrstuhl, in dem schon Ricardo steht und mich heranwinkt. Es ist „Weekend“, und der gleichnamige Klub ist nicht nur heute Nacht einer der angesagtesten in Berlin. Früher, als das alles noch undenkbar war, hieß das „Weekend“ ganz einfach Haus des Reisens. In einer der Etagen, an denen ich gerade vorbeifahre, saß meine Mutter und hat Träume verkauft.

Als die viereckigen roten Zahlen die Ankunft über den Dächern der Stadt anzeigen, dröhnt uns schon Musik entgegen. In einem riesigen Raum mit von der Decke blätterndem Putz und einer geschwungenen Bar haut eine Gitarrenband in die Saiten, ein Sänger mit Dreiwochenbart brüllt „Paris loves Berlin!“ und stimmt ein Lied von der Liebe an. Alle, die hier rumhängen, sehen ungefähr so aus wie ich: gefühlte 30, offenes Hemd, Turnschuhe, neugierige Augen.

„Ich geh mal tanzen“, sagt Ricardo. Ich schaue ihm nach, wie er im Takt der johlenden Menge verschwindet. Ich sehe den Leuten zu, zu denen ich Wochenende für Wochenende gehöre. Und ich denke an die Worte des Türstehers: Du warst schon mal hier.

Ich schaue auf mein Handy, der neue Tag ist schon ein paar Stunden alt. Ich hätte jetzt auch Lust zu tanzen, doch in mir steigen Erinnerungen auf und ein Gedanke, den ich am liebsten vertreiben möchte: Wenn das meine Mutter wüsste. Hier im Haus des Reisens saß sie mit blau-weiß gestreifter Bluse, roter Weste und grauem Seidentuch vor würfelförmigen Computerbildschirmen und bot Fernreisen ans Schwarze Meer und den Balaton an. An der Wand zeigte ein bronzenes Relief ein Flugzeug mit DDR-Emblem, das über alle Ozeane flog. Einmal pro Jahr durfte auch ich durch die Sicherheitsschleuse, dann ging es in dem silbernen Fahrstuhl hinauf in die Schalterhalle von Interflug. Bei der Betriebsfeier schenkte mir der Weihnachtsmann ein Iljuschin-Flugzeug aus Plaste, das ich mir ins Kinderzimmer übers Bett hängte.

Mühsam bahne ich mir einen Weg in Richtung Bühne und hämmere mir im Takt der Musik in den Kopf: Du bist erwachsen geworden, ein partytauglicher tüchtiger Gesamtdeutscher, das wolltest du doch immer. Ja, so ist es, bestätige ich mir. Aber in meinem Körper pocht ein anderes Gefühl, und es lässt sich nicht betäuben mit Rock ’n’ Roll aus Paris: das Gefühl, in einer ganz anderen Welt angekommen zu sein als meine Eltern.

„Zigarette?“ Eine Frau hält mir eine fast leere Schachtel vor die Nase. Ich lass mir Feuer geben, nicke ihr zu und verschwinde. Was soll ich ihr auch erzählen? Dass Interflug nach der Wende abgewickelt wurde wie nahezu alle DDR-Betriebe? Dass die echten Iljuschin-Maschinen für eine D-Mark verhökert wurden und zehntausende Eltern, zuvor stets Vorbild in Alltagsorganisation und Familienmanagement, plötzlich hilflos zu Hause saßen? Dass sich die meisten von ihnen bis heute nicht davon erholt haben? Nein, das behalte ich lieber für mich. Mir fallen meine Tanten und Onkels ein, die im Erzgebirge von Hartz IV leben und ihre Töchter und Söhne an den Westen verloren haben, weil die nur dort die Möglichkeit sehen, tüchtige und partytaugliche Gesamtdeutsche zu werden. Ich bin angekommen im Haus meiner Kindheitsträume und im Leben meiner Eltern. Und könnte doch kaum weiter weg von ihnen sein.

Warum hat die Wiedervereinigung uns so voneinander entfernt? Das würde ich gerne herausfinden.

Im Träumen waren wir uns in der Familie früher ganz nah: Wir wollten Freiheit und den D-Mark-Wohlstand, den wir aus dem Westfernsehen kannten. Bis zur Erfüllung dieser Sehnsucht harrten wir gehorsam in der kleinen halben Welt aus, die uns die deutsche Teilung zugewiesen hatte. Die Grenzen, die der Staat gesetzt hatte, auszutesten und zu verschieben, gelang uns als Familie mal ganz gut, mal probierten wir es lieber nicht. Doch als unser Traum mit der Wende endlich wahr zu werden schien, teilten sich die Erfahrungen. Vielen Freunden von mir ist es so ergangen: Während die jungen Menschen unbelastet ihren Weg gemacht haben, resignierten ihre Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig.

Aus meiner Verwandtschaft war niemand bei der Stasi. Jedenfalls hat das bisher keiner zugegeben. Vor einigen Jahren habe ich einen Antrag auf Einsicht in meine persönliche Akte gestellt, um Hinweise zu finden. Von der Behörde, die am Alexanderplatz in einem abblätternden Betonklotz neben dem ehemaligen Haus des Reisens (Interflug) und dem ehemaligen Haus der Elektroindustrie (Treuhandanstalt) residiert, bekam ich eine abschlägige Antwort: nichts zu finden. Als ich den Brief der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR öffnete, dachte ich bei aller Erleichterung: Schade, interessiert hätte mich das schon.

Für eine eigene Akte war ich der Stasi entweder zu jung, zu uninteressant oder beides. Zwar gab es mehrere tausend minderjährige Stasispitzel auf den Schulhöfen, wie sich in den neunziger Jahren herausstellte, doch ihre Dienste wurden meist in den Ordnern der Eltern abgeheftet. Wer als jüngerer Mensch seine Familiengeschichte erforschen möchte, muss also seine ehemaligen Erziehungsberechtigten fragen, ob sie einen Antrag in eigener Sache stellen. Ich machte den Versuch, als ich mit meinen Eltern einen Spaziergang durch den herbstlichen Park in Pankow unternahm, in dem einst Erich Honecker seine Staatsgäste empfangen hatte und dessen Schlossdomizil nun vor sich hin modert. Während wir über das bunte Laub auf einstmals verbotenen Wegen wanderten, suchte ich nach einem beiläufigen Ton. „Stellt doch mal einen Antrag bei Gauck“, schlug ich vor. „Das heißt jetzt Birthler“, sagte meine Mutter, um die Situation aufzulockern. Sie hatte gleich nach der Wende einen Antrag gestellt und ebenfalls nichts gefunden. Seitdem hat sie sich nicht wieder erkundigt, mein Vater noch nie. Es raschelte unter unseren Füßen, Zeit verstrich. „Was soll das bringen?“, wehrte er ab. Meine Mutter hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. Thema erledigt.

Was soll das bringen? Das ist in der Tat die Frage. In der Deutschen Demokratischen Republik gab es 90 000 hauptamtliche und noch einmal doppelt so viele inoffizielle Mitarbeiter bei „Horch und Guck“. Der nette Kommissar aus der Nachbarschaft, vor dessen Neugier sich früher die Leute in der Einkaufsschlange hinter vorgehaltener Hand gewarnt hatten, dürfte nicht der Einzige sein, den ich kenne. Jeder fünfzigste DDR-Bürger hat gespitzelt. Auf jeder größeren Familienfeier, in jedem fünfstöckigen Mietshaus, in jedem Sportverein kommen 50 Leute zusammen. Statistisch war überall einer dabei.

Ich denke, meine Eltern haben Angst um unsere Familienfeste. Obwohl sie sich persönlich nichts vorzuwerfen haben – schließlich hatten sie zu DDR-Zeiten genügend Ärger –, wollen sie es lieber nicht so genau wissen. Wenn wir zusammensitzen unter den Pfirsich- und Apfelbäumen am Gartenteich, wollen sie nicht darüber nachdenken müssen. Sie möchten einfach darüber lachen, dass ich mal Erich Honecker werden wollte, sich darüber ärgern, was die Merkel jetzt schon wieder verbrochen hat, und beim Bier unseren Verwandten von den Schnippchen berichten, die sie einer störrischen Bundesbehörde geschlagen haben. Ich kann meinen Eltern wirklich nicht verdenken, dass sie sich das nicht kaputt machen wollen. Denn diese Welt haben sie sich mit ihren eigenen Händen aufgebaut und sie durch harte Umbrüche gerettet.

Tante, warst du bei der Stasi? Diese Frage würde ich niemals stellen, denn dann säße ich am Rand. Was sollte ich schon entgegnen auf die mögliche Gegenfrage, wie ich das überhaupt einschätzen könne? Ich sei doch viel zu jung gewesen, um echte Konflikte aushalten zu müssen, um möglichen Erpressungsversuchen zu widerstehen, würde wohl die Widerrede lauten. In solch einem Moment wäre die Illusion nicht mehr aufrechtzuerhalten, dass wir die über alle Generationen hinweg unzertrennlichen Ostdeutschen sind, die den Wessis gemeinsam vorhalten könnten, dass sie keine Ahnung von unserem Leben hätten. Wir würden uns selbst fremd vorkommen und mithilfe der Schlagworte, die wir in den jahrelangen Gysi-Stolpe-Debatten gehört haben, grob miteinander umgehen. Bei aller Neugier möchte ich das nicht.

Die Emanzipation von den Eltern ist kein Protest, kein bohrendes Nachfragen, wie es von den 68ern und ihren Nachfolgern überliefert wird. Es ist ein stilles, beharrliches Andersleben, ein Selbermachen ohne Erklärung. Das Aussteigertum ist eigentlich ein Aufsteigertum, verpackt in einen Wattebausch Respekt für die Daheimgebliebenen. Der äußert sich im Kaufen von Ostprodukten, dem gemeinsamen Schimpfen auf Ungerechtigkeiten des Westens, dem rhetorischen Hochhalten der sozialen Tugenden made in GDR. Wenn man böse wäre, könnte man sagen, hinter Aufsteigertum und Respekt verbergen sich in Wahrheit kalter Egoismus und ein Schuss billiges Mitleid. Ja, in der stillen Emanzipation liegt auch Eigensinn, den man praktischerweise nicht thematisiert. Aber immerhin ist diese Emanzipation nicht so anklagend wie die der 68er.

Da liegt sie nun, unsere gemeinsame Vergangenheit, und wird liegen gelassen. Jede kritische Frage wäre nicht nur ein Angriff auf die Vergangenheit der Älteren, sondern auch auf deren Gegenwart, in die so viel Vergangenheit eingraviert ist. Wie viele Eltern haben Einsicht in ihre Stasiunterlagen genommen und mit ihren Kindern darüber gesprochen? In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist mir niemand begegnet.

Unser letzter Familienurlaub dauerte 80 Stunden. Davon saßen wir 30 Stunden im Flugzeug, die restlichen 50 machten wir Station in Bangkok. Einen längeren Aufenthalt konnten wir uns kurz nach der Vereinigung nicht leisten.

Die Reise ans andere Ende der nun offenen Welt war ein Geschenk von Interflug an unsere Familie – ein letztes Privileg dafür, dass meine Mutter 13 Jahre lang im Haus des Reisens als Buchungsexpedientin und Abrechnerin für Flugdokumente gearbeitet hatte. Zum Zeitpunkt unseres Bangkok-Urlaubs, im Oktober 1990, stand Interflug vor einer ungewissen Zukunft, wie alles, was mit DDR und Privilegien zu tun hatte. Für den Freiflug, von dem wir richtigerweise annahmen, es sei unser letzter, wählten wir deshalb die längste Strecke, die Interflug anbot – Bangkok war 8600 Kilometer entfernt. Eine ähnliche Entfernung wies nur Havanna mit 8400 Kilometern auf. Aber auf Reisen in sozialistische Länder waren wir erst einmal nicht so scharf.

In Bangkok waren wir noch eine Familie. Wir jagten gemeinsam die Spinnen im billigen Hinterhofhotel, schipperten zusammen über den schwimmenden Markt und feilschten mit vereinten Kräften um kopierte Musikkassetten. Wir genossen den Rausch des Umbruchs, der uns ein zweites Leben versprach voller Exotik und Abenteuer, zur Erkundung freigegeben für alle Eroberer der Freiheit, für alle Besitzer von Westgeld. Doch diese Reise war kein Anfang, sie war ein Ende.

Am 30. April 1991 hob die letzte Interflug-Maschine von Berlin-Schönefeld in Richtung Wien ab. Für diesen Flug bekam meine Mutter keinen freien Platz mehr, nur ein symbolisches Ticket mit einer Trauerschleife, „für langjährige treue Dienste und für das Durchhalten bis zum bitteren Ende“.

Interflug wurde abgewickelt – wie so viele Betriebe und Kombinate, die den Westgeschmack, den nun auch die Ostkunden hatten, nicht bedienen konnten. Das Aus für den Staatsflieger beendete einen Wirtschaftskrimi, der bis heute beispielhaft für die Sanierungspolitik der Treuhandanstalt steht. 2900 Mitarbeiter erhielten einen Brief wie meine Mutter: „Sehr geehrte Frau Ide, wie Ihnen bekannt ist, befindet sich die INTERFLUG Gesellschaft für internationalen Luftverkehr mbH in Liquidation. Das hat zur Folge, daß Ihr bisheriger Arbeitsplatz wegen der damit verbundenen Betriebsstilllegung nicht mehr existent ist. Aus diesem Grund sehe ich mich veranlaßt, Ihr Arbeitsverhältnis betriebsbedingt zu kündigen.“ Unterzeichnet ist das Schreiben „hochachtungsvoll“ von Rechtsanwalt Dr. Jobst Wellensiek. Sein Beruf: Liquidator. Von solch einem Beruf hatte unsere Familie noch nie gehört.

Unsere Fröhlichkeit stürzte ab. Meine sonst schlagfertige Mutter lachte nur noch selten, sie traf sich nicht mehr mit Arbeitskollegen, Freunden. Auch ich mied das Haus des Reisens am Alexanderplatz, diese Pleite traf uns alle.

Jobst Wellensiek zieht eine Schreibunterlage aus seinem Holztisch. „So können Sie bequemer arbeiten“, sagt er, rückt seine Brille zurecht und lässt sich nach einer einladenden Geste in seinen Drehstuhl aus weißem Leder fallen. Der wichtigste deutsche Firmensanierer residiert in einem mit Arbeitsakten und Andenken überladenen Bürgerhaus in Heidelberg, in seinem Büro im dritten Stock stellt er Kriegsschiffmodelle aus dem Zweiten Weltkrieg in einer Vitrine aus.

Wellensiek ist 75, er hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Seine Kanzlei, laut Eigenwerbung spezialisiert auf „Insolvenz, Krise und Sanierung“, hat die Vulkanwerft in Bremen zerlegt, die Klöckner-Werke in Duisburg. In Ostdeutschland hat der zuvorkommende Mann wichtige Kombinate abgewickelt: die Stahlwerke in Riesa, den Exporteur von Spiegelreflexkameras Pentacon in Dresden und eben Interflug. „Abwickeln ist ein hässliches Wort“, unterbricht Wellensiek, schließlich liege in jeder Liquidation eine Chance, zu retten, was zu retten sei – falls es wirtschaftlich Sinn mache. „Es ist aber nicht vertretbar, Unternehmen zu sanieren, die später subventioniert werden müssen“, sagt Wellensiek.

Der Rechtsanwalt hat sich gut auf unser Gespräch vorbereitet. Fünf Aktenordner hat er aus dem Keller die hölzerne Wendeltreppe hinauftragen lassen. „Damals existierten Gerüchte, dass geheime Kräfte am Werk seien, die Interflug wegen der Konkurrenz zu Lufthansa beseitigen wollten“, berichtet er nach einer halben Stunde, „ob hieran etwas wahr war, kann ich bis heute nicht beurteilen.“ Wie beiläufig formt Wellensiek solch wohldosierte Sätze. Eine weitere halbe Stunde später spricht er von einem „sensiblen politischen Fall“. Eine Bonner Entscheidung zugunsten der Lufthansa?, hake ich ein. Darauf will sich Wellensiek nun auch wieder nicht festlegen lassen. Er lächelt. Der Mann, den meine Familie für einen gnadenlosen Kaputtsanierer hielt, entpuppt sich als netter älterer Herr.

War es von Anfang an abwegig, auf eine soziale „Soziale Marktwirtschaft“ zu hoffen? Die Wahrheit ist wohl: Die Marktwirtschaft mit ihren Mechanismen durchschaute meine Familie nicht, ein Kartellamt war uns unbekannt wie eine Kiwi. Blühende Landschaften waren uns versprochen worden. Doch niemand hatte erwähnt, dass es dazu keiner ostdeutschen Gartengeräte bedurfte. Dummerweise brauchte man auch keine Gärtner mehr. Der Westen, der sich weiter als Deutschland genügte, produzierte ausreichend mit eigenen Mitteln. Der Osten hatte die Ehre, diesem Wirtschaftswunderland beigetreten zu sein. Und es stimmte ja: Er hatte sich selbst dafür entschieden.

Geschichten wie die Abwicklung von Interflug haben in der kollektiven Erinnerung einen hohen Stellenwert erlangt. Aus Unsicherheit entwickelte sich ein ostdeutscher Trotz, den Jüngere und Ältere bis heute teilen. Er entlädt sich immer dann in Jubel, wenn Hansa Rostock oder Energie Cottbus überraschende Siege gegen Fußballvereine von drüben feiern oder die Rotkäppchen-Sektkellerei den westdeutschen Konkurrenten Mumm schluckt. Die ersten Geschäfte mit Ostprodukten eröffneten in Berlin wenige Jahre nach der Vereinigung. Heute weisen selbst große Supermarktketten wie Kaisers „Produkte aus der Region“ aus. Ein marktwirtschaftlicher Sieg in der Niederlage.

Das Trotzgefühl hilft vielen Ostdeutschen über Verletzungen hinweg, die ihnen vermeintlich der Westen zugefügt hat. Es bewahrt sie auch vor Debatten über die eigene Vergangenheit. Davor, zu fragen, welche Nachbarn für die Stasi horchten und guckten, wie marode viele DDR-Kombinate tatsächlich waren.

Inzwischen ist die Wiedervereinigung erfolgreich verlaufen, zumindest bei den Firmenpleiten. Jobst Wellensiek nimmt seine Brille von der Nase. „Früher lautete meine Aussage: Man kann zufrieden sein, wenn man 50 Prozent der Arbeitsplätze erhält, im Osten 25 Prozent. Inzwischen gibt es diesen Unterschied nicht mehr. Die Verfahren in den alten Bundesländern sind heute genauso schwierig wie die in den neuen.“An manchen Tagen macht den Liquidator seine Arbeit depressiv.

Jobst Wellensiek öffnet eine schwere Schranktür und holt einen Pappkarton hervor. Darin liegt ein Flugzeug aus Plastik, eine Iljuschin, in den Farben der Interflug. Es ist ein Modell, wie es mir früher der Weihnachtsmann bei den Betriebsfeiern im Haus des Reisens überreichte. Wellensiek hat es zum Abschied von den Interflug-Mitarbeitern bekommen. Er hebt das Flugzeug aus dem Karton. Der rechte Flügel ist abgebrochen.

Robert Ide ist stellvertretender Leiter der Tagesspiegel-Sportredaktion. Der Text beinhaltet Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch „Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich“ (Luchterhand Literaturverlag, 14,95 Euro).

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