Zeitung Heute : ... und keine liebt mich

Riccardo, 37, sucht seit zwölf Jahren eine Frau. Sie sollte verschmust sein und nicht total verrückt. Er stellt sie sich ein bisschen wie Kate Moss vor. Irgendeine muss ihn doch wollen. Oder?

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Von Sylvie-Sophie Schindler An der Supermarktkasse. Ausgerechnet. Wenn die Kunden, die vielen Mamas und Papas, die Omas und Opas, ihr Portemonnaie öffnen, um nach Centstücken zu kramen, dann blättern sie auch ein Stück ihres Lebens auf. Das Laufband befördert Chicorée und Blumenkohl, Toastbrot und Bio-Butter – und wenige Zentimeter darüber lächeln aus Brieftaschen, oft hinter einer eingerissenen Folie, auf irgendwelchen Fotos irgendwelche Menschen. Und Riccardo hat fast jedes Mal einen Kloß im Hals, wie sonst nur, wenn sein Lieblingsfußballverein, der FC Bayern München, ein Spiel verliert.

Bis auf eine Kreditkarte, einen Büchereiausweis, eine Bescheinigung über die letzte Tetanusschutzimpfung und einen 50-Euro-Schein ist sein Portemonnaie leer. Für ein Foto wäre noch Platz. „Von meiner Traumfrau“, sagt Riccardo mit dem Kloß im Hals.

Riccardo, 37 Jahre alt, 1,67 Meter groß, muskulös, die Nase wie Gérard Depardieu, Frisur und Haarfarbe wie der junge Diego Maradona, ist Single. Nichts Ungewöhnliches in München. Und doch ungewöhnlich lang: Seit zwölf Jahren ist Riccardo auf der Suche. Seit er 25 Jahre alt ist, hat er Inserate geschaltet, Internetforen besucht, bei Partnerschaftsinstituten vorgesprochen. Fast 60 Verabredungen hat er so organisiert, aber eine Traumfrau war nicht dabei.

Der US-amerikanische Forscher John T. Molloy fand heraus, dass Menschen, die den perfekten Partner suchen, durchschnittlich 37 mögliche Partner testen. Wer dann eine Beziehung eingeht, hat trotzdem das Gefühl, den oder die Richtige verpasst zu haben. Andere bleiben für den Rest ihres Lebens Single. Molloy befragte dazu mehr als 2500 Paare.

„Ich glaube an die große Liebe“, sagt Riccardo in seinem Wohnzimmer.

SUSANNE Ob sie mal aufhören würde zu reden? 2001, ein lauer Sommerabend, die Cafés überfüllt, die Kellner überfordert. Auch Riccardo war mit den Nerven am Ende. Aber Susanne, dunkelblond, vollbusig, Typ Christine Neubauer, merkte es nicht. Sie redete und redete, von Brad Pitt, weil der doch ein echter Traummann sei, von rotem Nagellack, weil Rot ihr doch so gut stehe, und von ihren Katzen, weil sie doch dreizehn habe und weil der Mann, für den sie sich einmal entscheiden wird, auch ihre dreizehn „Tigerchen“ lieb haben soll. Riccardo bestellte eine Latte Macchiato nach der anderen und lag später – das Koffein – lange wach. Alleine.

In seinem Schlafzimmer, neben einer Palme, die an den Blätterspitzen braun eingefärbt ist, hängen viele alte Fotos. Riccardo auf einer Schaukel. Riccardo beim Skifahren, mit sonnenverbrannter Nase. Riccardo mit Schultüte und Zahnlücke. Riccardo auf dem Oktoberfest, eine Blondine im Arm. Riccardo mit seinen Eltern beim Ostereiersuchen. „Die blonden Haare meiner Mama glitzerten immer so schön in der Sonne“, sagt Riccardo und er, der sonst in Nikolaus-Tonlage redet, hört sich plötzlich an wie ein kleiner Junge. Er lächelt wehmütig, wenn er von seiner Mutter spricht. Wenn er an ihr Grab geht, wo auch der Vater begraben liegt, bringt er Tulpen mit. Weiße und blaue, ihre Lieblingsblumen. Der Autounfall seiner Eltern, da war Riccardo fünfzehn Jahre alt.

ELENA Sie hatte ihre Lederhandschuhe verloren. Elena fluchte. Es müsse, sagte sie, auf dem Weg zu ihrer Verabredung mit Riccardo passiert sein. März 2006, der Schnee lag ungewöhnlich hoch. Die Trambahn hatte mal wieder Verspätung. Elena sagte: „Ich habe dieses Leben satt.“ Ihre erste Frage an Riccardo: „Kannst du dir eigentlich einen Porsche leisten?“ Riccardo konnte es nicht. Elena stand, holterdipolter, wieder auf. „Das muss ein Versehen sein. Die Partnervermittlung hat da wohl etwas durcheinandergebracht“, sagte Elena, drehte sich auf dem Absatz um und rannte gegen ein voll beladenes Tablett, das ein Kellner gerade durch das Lokal balancierte. Rotwein- und Kaffeeflecken auf ihrem Mantel. „Mach doch was“, schrie Elena Riccardo an. Riccardo zog seine Jacke über, zahlte und ging.

In der Küche herrscht ein rauer Ton. „Nichts für Weicheier“, sagt Riccardo. Schon oft habe er seinen Job, Koch, hinschmeißen wollen, weniger wegen der derben Unterhosenwitze, die in der Küche an der Tagesordnung seien, sondern „weil der Stress dich manchmal auffrisst“. Und dann komme dieser Strudel, in den viele hineingezogen würden, die in der Gastronomie arbeiten: nach Feierabend bei einer Flasche Bier entspannen. Und bei noch einer. Und noch einer. Riccardo hat die Kurve gekriegt, damals, während sein bester Freund in eine Entzugsklinik gebracht werden musste. „Mensch, war ich nahe dran“, sagt er. „Ist ja auch beschissen, wenn daheim keiner auf dich wartet.“ Oft ist es vier Uhr früh, bevor er nach Hause kommt. „Und das Bett ist kalt“, sagt Riccardo.

JOY Als die schwarze Dogge näher kam, kuschelte sich Joy plötzlich an Riccardo. Juli oder August 1998. Sie saßen im Englischen Garten, der Mond spiegelte sich im Kleinhesseloher See, Glühwürmchen flirrten durch die Luft. Der Spaziergänger pfiff seine Dogge zurück. Joy immer noch in Riccardos Armen. Er strich über ihre Wangen, ein zaghafter erster Kuss. Joy sagte, sie hätte es in den Karten gesehen, gleich nachdem er sich auf ihr Inserat in einem Stadtmagazin gemeldet hatte. Riccardo sei der Mann ihrer Träume. Der Vater ihrer Kinder. Es folgten weitere romantische Treffen, ein Picknick, eine Ballonfahrt, Wandern in den Bergen. Zwei Wochen vergingen, die Küsse wurden immer intensiver, dann meldete Joy sich nicht mehr. Riccardo hat nie erfahren, warum.

Sex. Auch so ein Thema. Wenn seine Kumpels ihn fragen, dann tut er so als ob. Als würde er von seinen nächtlichen Ausflügen in die Münchner Clubs ab und zu eine Frau mit zu sich nach Hause nehmen. Tatsächlich aber hatte er nur zweimal Sex in den vielen Jahren seiner Suche. Mit Franka und Renate, zwei Frauen, die er im Internet kennengelernt hatte. One-Night-Stands. Einen Tag später, am Telefon, habe man noch miteinander gesprochen, habe sich neu verabredet. „Aber irgendwie gefielen mir beide nicht mehr“, sagt Riccardo und zupft ein paar Fussel von der Couch. Er spricht beiläufig, als würde er von seinem letzten Einkaufsbummel erzählen, und warum er weder die eine noch die andere Jeans gekauft hat. Aber gibt er sich Zeit, sich an die Frauen ranzutasten, sich an sie zu gewöhnen?

Riccardo zupft noch immer Fussel von der Couch. „Ich suche ja eine Frau, mit der ich eine Familie gründen kann. Da nehm’ ich nicht irgendeine.“ Diese elenden Ansprüche. Sind Kompromisse noch machbar? Wer ist überhaupt perfekt?

Seine Mutter, sagt Riccardo, sei früher Model gewesen. „Zwar nur für Versandhauskataloge, aber sie hätte es weit gebracht, wenn sie sich nicht um die Familie hätte kümmern müssen.“ Er greift nach dem Feuerzeug auf dem gläsernen Wohnzimmertisch, beugt sich vor, sein Goldkettchen baumelt. Klack. Riccardo zündet sich eine Zigarette an. Die Schönheit seiner Mama, sagt er, hätte ihn geprägt. Er würde sehr auf das Äußere einer Frau achten. Er weiß: vielleicht zu sehr. „Aber eine wie Kate Moss, die kannst du halt immer angucken.“

RAMONA Ihr Therapeut hatte ihr gesagt, es wäre jetzt an der Zeit, endlich Männer zu treffen. Die Partneragentur hatte ihr ein paar Männer vorgeschlagen, Riccardo war einer der ersten. September 2004. Sie hatten verabredet, auf das Oktoberfest zu gehen. Ramona kam nicht, rief zwei Tage später an und sagte, ihr habe einfach der Mut gefehlt. Der nächste Anlauf. Man traf sich zu einem Spaziergang entlang der Isar. An einer entlegenen Stelle. „Ich mag die Einsamkeit“, sagte Ramona. Nach jedem Satz machte sie eine Pause, manchmal minutenlang. Als sie in die Nähe der Großhesseloher Brücke kamen, sagte Elena: „Da wollte ich auch mal runterspringen.“ Nach fünf Stunden hatte sie ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Vergewaltigung durch den besten Freund ihres Vaters. Erste Diagnose: Depression. Nächste Diagnose: Borderline-Syndrom. Weitere Diagnose: Soziale Phobie. Therapien: unzählige. Eine Woche nach dem Spaziergang mit Riccardo wurde sie in die Psychiatrie eingewiesen. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, nicht das erste Mal. Riccardo hätte sie gerne besucht, weil er sich irgendwie verantwortlich fühlte. Die Ärzte ließen ihn nicht zu ihr. Er sei ja kein Verwandter.

Im Terrarium, das neben einem riesengroßen Flatscreen-Fernseher steht, bewegt sich etwas. Haarige Beine tauchen hinter einem kalkfarbenen Stein auf. Vogelspinne Rudy. „Mein Liebling ist aufgewacht“, sagt Riccardo. Er sitzt jetzt noch tiefer in seinem Sofa drin, noch lässiger. Riccardo ist kein Hallo-hier-bin-ich-Typ. Er ist ein Beobachter. Bis er aufgetaut ist, kann es, wie er sagt, auch mal eine Stunde dauern. Warum das mit den Frauen nicht klappt, dafür hat er sich immer wieder neue Theorien zurechtgelegt. Lange glaubte er, er wäre zu ungebildet. Er deutet mit dem Kopf zu seinem Bücherregal. „Ich lese auch mal was“, sagt er, lächelt. Auf einem der vielen Buchrücken ist zu lesen: „Evolutionsbiologie von Darwin bis heute.“

Später dachte Riccardo, es läge bestimmt an seiner Größe. Andererseits: „Bei Peter Maffay stört es ja auch keinen, dass der klein ist.“ Dass Riccardo wählerisch sei, klar, sagt er, auch ein Grund. Und je länger die Suche, desto höher die Ansprüche.

Riccardos erste Freundin, mit der er sechs Jahre zusammenlebte, wäre die Richtige gewesen. Als sie von einem New-York-Urlaub mit ihrer besten Freundin zurückkam, sagte sie, sie hätte einen anderen kennengelernt. Und zog aus.

ZOE Hätte sie behauptet, sie wäre Moderatorin auf MTV, Riccardo hätte ihr sofort geglaubt. Rote Haare, Schmollmund und unübersehbar in ihrem knallgelben Kleid. Oktober 2006, in einer Pizzeria. „Du musst dich natürlich anders anziehen“, sagte sie zu Riccardo, der am liebsten Jeans, dunkle T-Shirts oder gestreifte Hemden trägt. „Dein Rasierwasser riecht zu stark, das muss weg“, forderte Zoe weiter. Irgendwann, zwischen „Fußball gucken kommt nicht in Frage“ und „Du brauchst eine andere Frisur“ hörte Riccardo einfach nicht mehr zu.

Riccardo überlegt, ob er eine CD von Maria Callas oder Led Zeppelin auflegen soll, bleibt dann aber doch sitzen und schaut zum Fenster raus. Es dämmert. „Viele Frauen fahren erst mal die Krallen aus“, sagt er. Wenige seien anlehnungsbedürftig oder „schmusig wie ein Kätzchen“. Ihm gehe es um Zärtlichkeit und Romantik, um Harmonie in einer Beziehung. Und um Spaß, gemeinsames Lachen. Allen voran: der Wunsch, gemeinsam eine Familie zu gründen. „Und wenn es noch mal zwölf Jahre dauert“, sagt er. Aufgeben will er nicht einfach so. „Inzwischen ist es ja auch ein Bestandteil meines Lebens, auf der Suche zu sein.“

Er habe sich daran gewöhnt, er mache einfach tapfer weiter. Nur manchmal sei er traurig – „eben dieser Kloß im Hals“. Riccardo räuspert sich, greift nach seiner Zigarettenschachtel. Die Asche, die auf sein Portemonnaie gefallen ist, pustet er schnell weg.

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