Zeitung Heute : … von wegen Internet-Kampa

Der Online-Wahlkampf dümpelt vor sich hin. Richtig los geht’s 2006 – oder erst 2010

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Von Kurt Sagatz

Dass Internet-Nutzer lieber per World Wide Web abstimmen würden, leuchtet ein. Dass 57 Prozent der Nichtwähler online doch wählen würden, ist eine der kleinen Sensationen, mit der die jetzt veröffentlichte Forsa-Studie „@-facts“ aufwartet. Schließlich würde das bedeuten, dass das Internet tatsächlich etwas bewirken könnte, zumindest in der laut Shell-Studie politikverdrossenen jungen Zielgruppe.

Eine spontane Aufwertung der Parteiaktivitäten im Internet erwartet jedoch niemand mehr, zumindest nicht für den laufenden Wahlkampf. Was die Parteien derzeit im Internet unternehmen, sei auch nicht annähernd so bedeutsam wie die Kanzlerduelle in Fernsehen und Zeitungen, sagt Eike Hebecker von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Hebecker, der das Internet-Projekt wahlthemen.de leitet, war sich in seinen Ausführungen auf einem Workshop der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Netzstrategien im Bundestagswahlkampf“ am vergangenen Freitag sicher, dass man sich keine Illusion darüber machen sollte, welche Bedeutung die Parteistrategen dem Internet beimessen beziehungsweise was das Internet in diesem Wahlkampf bewirken kann: „Richtig los geht es frühestens bei der Bundestagswahl 2006, möglicherweise jedoch erst 2010“, so Hebecker.

Immerhin, eine Untersuchung der Universität Bremen über das Internet-Campaigning ergab, dass alle Bundestagsparteien auf ihren professionell erstellten Webseiten zeigen, wie die Standards des Netzes inzwischen die Politik erreicht haben. Mitunter seien die Seiten sogar besser als viele kommerzielle Angebote, so Lothar Probst von der Uni Bremen. Dies gelte weniger für die reinen Parteiseiten, die in ihrer Struktur überraschend große Ähnlichkeiten aufwiesen, als für die Kandidatenseiten von Schröder und Stoiber. Auch in der internen Kommunikation spiele das Netz inzwischen eine bedeutende Rolle. Zu den Innovationen des Bundestagswahlkampfes gehörten zudem die Seiten aus dem Bereich des „Negative Campaigning“. So nutze die CDU die Plattform wahlfakten.de, um kurzfristig auf Äußerungen des politischen Gegners reagieren zu können. Und bei der SPD werde nicht-regierungsfaehig.de dazu eingesetzt, sich über die Eigenarten des Kandidaten auszulassen.

Trotz aller positiven Tendenzen hat sich eine Hoffnung nahezu gar nicht erfüllt: Die von den Internet-Nutzern gewünschte Interaktvität bleibt meist ein leeres Versprechen. Zwar werden allenthalben im Netz Chats mit den Politikern aller Parteien angeboten, doch wer den direkten Kontakt zum eigenen Kandidaten sucht, wird zumeist enttäuscht, so der Gießener Wissenschaftler Hebecker. Ein äußerst eingeschränktes Verständnis von Interaktivität attestiert auch Lothar Probst den Parteien. An die Stelle des Dialogs werde zumeist das Politainment gesetzt, an die Stelle des Meinungsaustauschs tritt die Möglichkeit, sich von den Partei- und Kandidatenseiten interaktive Spiele und Flash-Animationen herunterzuladen.

Einige der Spiele und kleinen Programme sind schließlich nicht uninteressant, auch wenn man nicht genau sagen kann, wie bedeutsam dies tatsächlich für die Wirkung einer Parteien-Website ist. Das Interesse der Wähler an den Internet-Seiten der großen Parteien hat sich jedenfalls in den letzten fünf Monaten nahezu verdoppelt. Die Zahl der Seitenabrufe bei der SPD stieg von rund 1,9 Millionen im Februar auf fast vier Millionen im August. Bei der CDU legte die Zahl von 1,2 auf rund 2,4 Millionen zu.

Insgesamt so Hebecker, zielten die Internet-Aktivitäten zumeist nur darauf ab, durch aufwändig vorbereitete Launchs die Aufmerksamkeit in den klassischen Medien auf sich zu lenken. Dies sei den Parteien beim Start der Angebote von Stoiber in einer Berliner Sushi-Bar sowie von Schröder mit seinem Website-Start am Potsdamer Platz ja auch gut geglückt. Angebote zur Förderung der Kommunikation mit dem Wähler seien jedoch insgesamt spärlich gesät, allen Nichtwählern zum Trotz.

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