Zeitung Heute : „1:0, Deutschland“. Gesendet: 01.06.02, 13:38

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Von Markus Ehrenberg

Möchte man Carsten Jancker von zu Hause aus vielleicht mal die Frage stellen, wie er sich fühlt, weil der Stürmer das Tor nicht getroffen hat? Ein fieser Zeitvertreib eigentlich, aber durchaus möglich im Juni. Dank T-Online. Die Telekom-Tochter bietet während der Fußball-WM Chats, Hintergrundberichte, Interviews und Pressekonferenzen direkt aus dem Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der DFB hat das erlaubt, und Carsten Jancker freut sich bestimmt schon auf die Fragen der deutschen Internet-Nutzer.

Normalerweise laufen solche Angebote im WM-Fieber eher ins Leere. Diesmal ist das allerdings anders. Weil die öffentlich-rechtliche Mattscheibe während der WM fußballmäßig öfters schwarz bleibt, werden verstärkt andere Medien genutzt, Unmengen von Sprachen und Daten um den Globus geschickt, in jeden Winkel der Erde.

Yahoo hat den ganz großen Fisch gezogen. Erstmals gibt es bewegte Bilder von aktuellen WM-Spielen auf dem PC-Bildschirm, allerdings nur gegen Bezahlung – und nicht live. Der US-Internetkonzern bietet exklusiv auf der offiziellen Fifa-Website Höhepunkte von allen 64 Begegnungen an. Umsonst gibt es dieses WM-Vergnügen im Internet allerdings nicht. 22,50 Euro muss der Internet-Nutzer zahlen, um Mitglied im „FIFA VIP club“ zu werden. Dafür bekommt er „zwei bis drei Stunden nach dem Abpfiff der jeweils letzten Begegnung vom Tage die Höhepunkte der Spiele“, wie es auf der Website heißt.

Die Videostreams sollen eine Länge von vier Minuten haben und in den Sprachen Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch, Koreanisch und Spanisch kommentiert werden. Da die Spiele im Internet nur zeitversetzt zu sehen sind, bietet Yahoo auch keinen Trost für mitteleuropäische Arbeitnehmer, die sich nun am frühen Morgen oder mittags an ihrem Arbeitsplatz andere Möglichkeiten zur aktuellen WM-Information suchen müssen.

Beispielsweise bei kicker.de. Dem Fußball-Fachblatt sind die Internet-Rechte für bewegte Bilder zwar viel zu teuer gewesen und deswegen eine „gefährliche Investition“, so Werner Wittman, Leiter Neue Medien. Man erhoffe sich bei kicker online mit bekanntem Content wie Live-Ticker, Forum, Chats, Experten-Analysen und Formabrometer eine Qualitätsoffensive im Internet, mithin „deutliche Steigerung“ bei der Zugriffsrate. Die liegt derzeit bei rund 2,8 Millionen Visits im Monat.

Das kostet alles nichts. Geld verdienen wollen Sport-Portale wie kicker.de mit begleitenden Service-Angeboten wie SMS-Ergebnisdiensten, die sich auch schon zur Fußball-Bundesliga bewährt haben. Tore und Torschützen werden dort laufend aktualisiert. Wenn in Japan oder Südkorea ein Tor fällt, bekommt das der Handy-Besitzer ein paar Minuten später auf seinem Display mit. Der Preis: rund 20 Cent pro SMS.

Was wäre das Internet ohne Interaktionen. Auf der offiziellen Website des Deutschen Fußball-Bundes können Internet-Nutzer einen E-Mail-Service nutzen. Die Fragen sollen innerhalb weniger Tage beantwortet werden. Tickets für die WM gibt es beim Fußball-Weltverband Fifa in Zürich. Hier kann man sich neben Quiz- und Tippspielen auch noch mal wehmütig an die Zeit erinnern, als ARD und ZDF alle Spiele, alle Tore übertrugen, in einem Weltpokal-Archiv mit WM-Klassikern teilweise in voller Länge. Darüber hinaus stehen Szenen großer Spieler wie Maradona zum Downlaod bereit. Apropos Quiz: In ein paar Tagen startet Tagesspiegel online – neben einer aktuellen Sonderseite – ein Bilder-Quiz, bei dem es Handys zu gewinnen gibt.

Statistikfreunde versorgt Jens Dettmann mit weltfussball.de. Weiß jemand noch, wer Joszef Boszik war? Jahrgang 1925, einer der größten ungarischen Nationalspieler, der sich als 14 Jähriger regelmäßig durch ein Loch im Zaun zu den Heimspielen seines Heimatvereins schlich, genauso regelmäßig rausgeschmissen wurde, 1939 in einer Schülermannschaft spielte, 1952 mit der wohl besten ungarischen Nationalmannschaft aller Zeiten die Olympische Goldmedaille gewann, aber 1954 gegen Deutschland im WM-Finale verlor. Da geht dem Fußballfan das Herz auf.

Internet und Telekommunikationsdienste könnten also der große Gewinner der Fußball-WM sein – Premiere sei Dank. Auf öffentlichen Plätzen wird das Handy öfters SMS-Piepen („1:0, Deutschland“), Menschen werden aus erklärlichen Gründen länger im Büro auf ihren Computer starren und kleine Filmchen im Internet angucken oder gleich zu Hause bleiben und Radio hören.

Die britische Handelsministerin Hewitt hat bei den Arbeitgebern schon mal vorsorglich flexible Arbeitszeiten angeregt, damit sich Fußballfans bei wichtigen Spielen nicht krankmelden. Von Bundesarbeitsminister Riester war Ähnliches nicht in Erfahrung zu bringen.

www.dfb.de
fifaworldcup.yahoo.com/de
www.kicker.de
www.tagesspiegel.de

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