1. Mai : Die Hoffnung wird bürgerlich

Gerd Nowakowski

Hass und Liebe lautet das Motto der legendären Italo-Punkband „Banda Bassotti“ – früher meinten die das ernst. Beim Auftritt am 1. Mai in Kreuzberg war das nurmehr anarchistische Folklore. So ändern sich die Zeiten. Jetzt werden keine Verhältnisse mehr zum Tanzen gebracht, und Pogo auf der flammenden Barrikade gibt es erst recht nicht mehr. Trotz 138 Festnahmen – so friedlich war es selten. Ein Bezirk atmet auf. Die radikale Linke, die ihren Aufbruchmythos in Hass und Scherben hinter sich hat, ist längst heimisch geworden in ihrem Kiez. Der Bezirksbürgermeister ist ein Grüner, der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele als direkt gewählter Kiezvertreter bundesweit bekannt, die Revoluzzer von einst mit grauem Haar sind stramm auf dem Marsch in die Rente. Von Kreuzberger Straßenkampf wird nur noch geträumt, wenn es um die Kampagne für eine Rudi-Dutschke-Straße geht – vor der Haustür des Springer-Verlags.

Gut so. Das Ritual der Gewalt, ehedem nahezu ein Pubertätsritual, das erlebnishungrige Randale-Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik, Migrantenkids und gewaltbereite Autonome am 1. Mai nach Kreuzberg führte – es hat sich überlebt. Endlich. Die Polizei, die einst überhart auch gegen Unbeteiligte den Aufruhr zuweilen provozierte, hat durch kluge Zurückhaltung immer besser gelernt, das Aggressionspotenzial zu dimmen. Tausende Beamte waren auch diesmal im Einsatz, aber fernab im Hintergrund, in Zivil oder als Streitschlichter unterwegs. Nur wenn es knallt, sind die Polizisten zur Stelle und greifen sich zielgerichtet die Krawallmacher heraus. Das findet niemand mehr falsch.

Vor allem ist der 1. Mai anders geworden, weil Kreuzberg anders geworden ist. Ihren Kiez lassen sich die Kreuzberger nicht mehr von betrunkenen Randalierern kaputt machen. Das „Myfest“ hat dieser Stimmung eine Stimme gegeben. Schon als im vergangenen Jahr die legendäre Politband „Ton Steine Scherben“ „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ spielte, dachte keiner mehr an den eigenen Bezirk. Die Alternativen und Autonomen von damals sind heute die Menschen, die ihrem problembeladenen Bezirk mit dem ganz eigenen Lebensmodell eine Art bürgerlicher Hoffnung geben. Anteil an der erfolgreichen Befriedung haben viele Menschen, auch die türkischen Fußballvereine mit dem am 1. Mai ausgespielten Muslim-Cup.

Ob der flammende 1. Mai in Kreuzberg endgültig Geschichte ist, haben die Kreuzberger nicht allein in der Hand. Der globalisierte Protest braucht die lokale Anbindung. Im vergangenen Jahr war es der G-8-Gipfel, der die Gewaltbereitschaft in der Bundeshauptstadt befeuerte, diesmal zog Hamburg beim Protest gegen den NPD-Aufmarsch die gewaltbereiten Linksradikalen an. Event-Hooligans, die ihren Adrenalinkick ausleben wollen, wird es immer geben. Da braucht es als Auslöser nicht einmal den öffentlichen Cafébesuch von Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch. An die Provokation des einstigen Berliner Innensenators Heinrich Lummer, der sich 1981 nach der Räumung von besetzten Häusern in unsäglicher Siegerpose auf dem Balkon präsentierte, muss sich niemand erinnert fühlen. Jeder hat das Recht, sich am 1. Mai in Kreuzberg zu zeigen, auch ein Polizeipräsident. Dass dies nicht als kollektive Provokation begriffen wurde, zeigt, wie weit sich Kreuzberg von 1987 entfernt hat. Ob der Auftritt klug war, ist eine andere Frage. So normal ist Kreuzberg dann doch noch nicht.

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