Zeitung Heute : 10 000 Meter als Training Fußball verdrängt

Der Tagesspiegel

Von Robert Hartmann

Es ist eine Premiere mit 37 Jahren. Dieter Baumann ordnet dem Abenteuer Marathon sogar die Europameisterschaften in München unter. Am Sonntag feiert er beim Hamburger Stadt-Marathon mitten unter 20 000 weiteren Läufern noch einmal ein spätes Debüt in seiner langen Leichtathletik-Laufbahn.

In der Vorbereitung darauf legte der frühere 5000-m-Olympiasieger am 6. April im italienischen Camaiore einen eindrucksvollen Probelauf hin: 27:38,51 Minuten über 10 000 m. Der Schwabe knüpfte nach seiner zweijährigen Dopingsperre und dem langen Streit um mysteriöse vergiftete Zahnpastatuben sofort wieder dort an, wo er aufgehört hatte: in der absoluten Weltklasse. In dieser Genugtuung steckt auch ein nicht zu unterschätzender Rückenwind für das 42,195 Kilometer lange Abenteuer auf der Straße.

Die Jahresweltbestzeit auf der 25-Runden-Distanz macht Baumann automatisch zum 10 000-Meter-Favoriten für die Europameisterschaften in München. Aber er sagt: „Im Moment zählt für mich nur Hamburg. Diese Priorität habe ich im Winter festgelegt. Mich reizt zu wissen, was ich im Marathon laufen kann. Aus diesem Blickwinkel ist die EM erst mal uninteressant. Vielleicht laufe ich dort auch gar nicht.“ Vor dem großen Debüt soll kein Hintertürchen offen sein für abschweifende Gedanken.

Die hervorragende 10 000-m-Zeit hat den Läufer und seine Ehefrau und Trainerin Isabelle Baumann bewogen, das Unternehmen etwas offensiver als ursprünglich geplant anzupacken. Zwei Tempomacher sollen ihn in rund 65:00 Minuten bis zur Hälfte heranschleppen. Damit bliebe die Hoffnung noch intakt, beim ersten Mal gleich unter 2:10 Stunden zu bleiben.

Gehen die Pläne des Organisators Wolfram Götz auf, befände Baumann sich zunächst dennoch lediglich in der dritten Gruppe. Ganz vorne wollen die kenianischen Doppelsieger vom Berlin-Marathon 2001, Joseph Ngolepus und Willy Cheruiyot, mit einer Zwischenzeit von 63:00 Minuten aufs Ganze gehen. Die Weltbestzeit steht übrigens seit vorigem Sonntag in London durch den US-Amerikaner Khalid Khannouchi bei 2:05:38 Stunden.

Dass beim London-Marathon die Premierengäste Paula Radcliffe (2:18:56) aus England und Haile Gebreselassie (2:06:35) aus Äthiopien mit schnelleren zweiten Abschnitten beachtliche Leistungen boten, will Baumann nicht auf sein Unternehmen ummünzen. „Jeder Athlet ist anders. Für mich ist es klar, dass es geht.“ Inmitten vieler Unwägbarkeiten wie Temperatur, Wind, Sonne, Regen, Tagesform. Seine längste im Training zurückgelegte Strecke waren 34 Kilometer, „das fand ich noch machbar und für meine Beine sinnvoll". Eine letzte Ungewissheit bleibt auch für einen Klasseläufer.

Heute Abend steigt das Stadtderby in Hamburg: St. Pauli trifft auf den Hamburger SV. Es ist das einzige Saisonspiel in der Fußball-Bundesliga an einem Freitagabend. Warum Freitag? „Am Wochenende finden in der Stadt mehrere Großveranstaltungen statt. Wir haben nicht genügend Beamte“, sagt ein Sprecher der Polizei Hamburg. Am Sonntag findet der Hamburg-Marathon mit 20 000 Läufern statt. An den letzten beiden Spieltagen dieser Saison wird es wegen der Chancengleichheit wie üblich keine Sonntagsspiele geben. A. G.

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