Zeitung Heute : 100 Jahre Bircher-Müsli

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Man nehme einen Esslöffel Haferflocken, drei Esslöffel Wasser, ein bis zwei samt Kerngehäuse geriebene Äpfel, den Saft einer halben Zitrone und einen Esslöffel gezuckerte Kondensmilch. Die Zutaten mische man sorgfältig und streue im Anschluss geriebene Nüsse darüber – fertig ist das BircherMüsli. „Auf jeden Fall ein empfehlenswertes Lebensmittel“, sagt Gunda Backes vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke. „Da sind Obst, Milch und die für die Verdauung so wichtigen Ballaststoffe enthalten.“

Maximilian Bircher-Benner hielt den Dickdarm für den Hort allen Unwohlseins. Fleischliche Nahrung war für ihn der größte Störenfried im Verdauungstrakt. Sonnenlichtnahrung nannte der Schweizer Mediziner dagegen alle roh genießbaren Pflanzenteile. Blätter und Früchte fielen genauso darunter wie Wurzeln und Knollen. Die hätten den höchsten Nährwert, glaubte er, weil sie das Sonnenlicht direkt aufnahmen und aus anorganischen Stoffen organische Moleküle herstellten. Auf dieser Grundlage komponierte er eine Speise, die unter dem Namen Bircher-Müsli Geschichte schrieb. Er selbst erreichte mit seiner fleischlosen Ernährung ein für damalige Verhältnisse hohes Alter von 72 Jahren und verstarb 1939.

Die Idee für sein Müsli kam dem Züricher Arzt in den Bergen. Während einer Rast servierte eine Sennerin ihm einen Teller mit zermahlenem Korn, Obst, Milch und zerkleinerten Nüssen. Die Kost regte ihn zu einer Apfeldiätspeise an, deren Originalrezept in Züricher Restaurants noch heute serviert wird.

„D’Spys“, so heißt das Bircher-Müsli im Volksmund, entwickelte er zum Zentrum eines eigens von ihm entwickelten Speiseplans. Weitere Komponenten der Nahrungsreform waren Vollkornbrot, Butter und Kräutertee. Im Zuge der amerikanischen Kelloggs-Vermarktung erlebte das Müsli nach dem Zweiten Weltkrieg eine Renaissance in den Industrienationen.

Als der Reformer sein Konzept Kollegen vorstellte, erntete er dagegen nur Spott und Misstrauen. Die Diskussion nach einem Vortrag vor der Züricher Ärzteschaft 1900 wurde von einem Professor Eichhorst mit den Worten eröffnet: „Nichts Neues, extremer Standpunkt von Vegetarismus. Schade für die Zeit!“ Seine Klinik „Lebendige Kraft“ weihte Bircher-Benner trotzdem ein. Vor 100 Jahren öffneten sich deren Pforten und das Bircher-Müsli wurde zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit bekannt. ul

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