Zeitung Heute : 100 Jahre Streik für ein Denkmal Von Harald Martenstein

Normalerweise ist es bei einem Streik so: Je länger der Streik dauert, desto schwieriger wird es für den Arbeitgeber. Der Arbeitgeber verliert an jedem Tag Geld. Beim einem BVG-Streik ist es interessanterweise umgekehrt. An jedem Tag, an dem in Berlin die U-Bahnen nicht fahren, spart der Berliner Senat 500 000 bis 600 000 Euro. Im Übrigen deutet nichts darauf hin, dass wegen eines BVG-Streiks das öffentliche Leben oder die Wirtschaft zusammenbrechen könnte. Keine einzige Weltstadt dürfte für solch einen Streik so gut gerüstet sein wie Berlin. Es gibt mit der S-Bahn ein zweites Nahverkehrssystem, die Straßen halten zusätzlichen Verkehr aus, ohne dass alles zusammenbricht, man kann in Berlin gut Rad fahren, Taxis sind relativ billig. Es wird auch getrampt.

Die Einführung des Schulfaches „Ethik“ kostet Berlin 3, 5 Millionen Euro. Die Ethikkosten hat der jetzt ausgesetzte Streik locker eingespielt. Die streikbedingten Einsparungen übersteigen sogar die Einnahmen, die der Eisbär Knut dem Land Berlin beschert hat, dies waren 5 Millionen. Wir waren sozusagen bereits dabei, uns einen zweiten Knut zu erstreiken! Falls der Streik wieder anfängt und 40 Tage dauert, werden die Gewinne aus dem Streik sogar die Einnahmen aus der Hundesteuer übersteigen, und zwar ohne Verschmutzung der Bürgersteige, ebenfalls um den 40. Tag herum würde der Streik das Defizit der BVG aus dem Jahre 2007 getilgt haben. Etwa am 50. Streiktage wird ein BVG-Streik den Berliner Finanzanteil für den Wiederaufbau des Stadtschlosses auf elegante Weise beschafft haben, dies sind 32 Millionen. Um den 80. oder 90. Streiktag herum hätte der Streik sich selbst finanziert, wie ein Perpetuum Mobile, denn die vollständige Erfüllung aller Forderungen der Streikenden kostet angeblich 50 Millionen. Die Stadt könnte also etwa im Juli auf die Gewerkschaft zugehen, ohne finanzielle Nachteile befürchten zu müssen. Aber warum sollte sie dem, gewiss, nicht unumstrittenen Finanzsenator dies antun?

Ich habe versucht, auszurechnen, wie lange die BVGler streiken müssten, um die gewaltige Schuldenlast Berlins zu tilgen. Wir reden über 60 Milliarden. Unter der Voraussetzung, dass alle eingesparten Zinsen sofort zur Schuldtilgung verwendet werden, könnten 100 bis 120 Jahre ausreichen. Dies wäre ein historisch einmaliger Akt der Bürgersinns – eine einzelne Berufsgruppe hätte, über vier Generationen hinweg und unter Inkaufnahme beträchtlicher Einkommensverluste, ihre Vaterstadt saniert und vor dem neu aufgebauten Schloss würde, unter lebhafter Beteiligung der herbeigeradelten und herbeigetrampten Bevölkerung, von den Ururenkeln des Streikführers Bsirske ein BVG-Mahnmal enthüllt werden.

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