Zeitung Heute : 1000 Fragen an Gerhard Schröder

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Von Kurt Sagatz

Für den Kanzler war es der Tag des Internets. Zuerst schaltete Gerhard Schröder am Dienstagabend seine persönliche Homepage frei und zog mit seinem Herausforderer Edmund Stoiber gleich, der seine „private“ Internet-Seite bereits vor zwei Monaten ins Netz gestellt hatte. Im Anschluss an den Launch der Schröder-Webseite stellte sich der Bundeskanzler den Fragen der Internet-Nutzer in einem Video-Chat.

„Ich bin nicht gerade der Internet-Beauftragte unserer Familie, auch wenn ich durchaus in der Lage bin, mir Zeitungsausschnitte aus dem Netz zu besorgen“, gestand Schröder dabei freimütig ein. Den Internet-Job habe eher seine Frau Doris Schröder-Köpf übernommen, und auch die elfjährige Tochter Klara sei ihrem Vater bei der Nutzung des World Wide Webs eindeutig überlegen, wie Schröder sagte.

Rund eine halbe Stunde plauderte ein sichtlich entspannter Schröder mit Ex-RTL- Moderator Boris Henn, der eine Auswahl der rund 1000 eingegangenen E-Mail-Fragen an den Kanzler vortrug. Allzu große technische Fähigkeiten wurden Schröder dabei nicht abverlangt. Er durfte, wie schon von zahlreichen anderen Interviews in seinem Politikerleben gewohnt, im bequemen Sessel des gläsernen Web-TV-Studios am Potsdamer Platz sitzen bleiben. Auf die sonst bei Chats übliche Quälerei eines Tastatur-Gesprächs, bei dem unzählige Fragen gleichzeitig auf den Chat-Partner einströmen, die dann auszugsweise wiederum über die Tastatur beantwortet werden, hatte man verzichtet. So war der Kanzler mit Bild und Ton zu empfangen, fast so wie im Fernsehen, wenn man einmal davon absieht, dass selbst bei einem schnellen DSL-Anschluss das Bild nicht über die Größe einer Postkarte hinauskam und der Ton an einen schlechten Mittelwellen-Sender erinnerte.

Ärgerlicher als die Qualität der Übertragung war jedoch, dass die Auswahl der Fragen an Originalität kaum zu unterbieten war. Hartz-Kommission, Pisa-Studie und Zuwanderungsgesetz, und die Fragen waren nicht kritisch gestellt, sie wirkten eher wie Stichworte – und Schröder konnte seine Slogans abspulen. Es gehe nicht um pauschale Kürzungen beim Arbeitslosengeld, sondern um eine Neuordnung des Arbeitsmarktes, der Zugang zu Bildung müsse auch weiterhin unabhängig vom Geldbeutel bleiben und die Klage gegen das Zuwanderungsgesetz sei nur als Wahlkampfgeklingel zu Lasten des Landes zu werten. Die Antworten waren erwartbar, ein Nachhaken fand nicht statt.

Immerhin: Spannender wurde es schließlich, als die rot-grünen Umfragewerte zur Sprache kamen. Aber auch da blieb Schröder sicher, dass sich die Schere zwischen Union und SPD weiter schließen werde, wenn es nur gelinge, die Werte des Kanzlers auf die Partei zu übertragen. Nach weiteren vorhersehbaren Fragen und Antworten zu Möllemann, Scharping und Seehofer konnte sich der Kanzler freuen, seine Botschaft im Netz untergebracht zu haben. So einfach machen es ihm die alten Medien selten.

Dass die SPD die Bedeutung des Internets für den Bundestagswahlkampf dennoch als hoch ansetzt, lässt Schröders neue Webseite erkennen. Viele Bilder, reichlich Emotionen und kurze Texthäppchen statt seitenlanger Programmatik – der Auftritt des SPD-Spitzenmannes wird dem Medium gerecht. Ob nun seine Vita zwischen dem SPD-Eintritt 1963 bis zum „Kanzler der Mitte“, seine politische Themensetzung von Arbeit bis Wirtschaft oder seine Tourplanung zwischen Kiel und München: Die Selbstinszenierung Schröders funktioniere auch im Netz, meinten am Tag danach sogar die Experten unter den Webdesignern. Das Duo Gerhard und Doris Schröder-Köpf funktioniert ebenfalls online: Mit einer eigenen Kolumne unterstützt die Kanzler-Gattin den Internet-Wahlkampf ihres Mannes. Ihr erster Beitrag: eine Ermahnung an die Eltern, dass die Erziehung nicht vorm Computer-Bildschirm endet. Soziale Kompetenz werde in der Realität erworben. Genauso, wie Wahlen weiterhin offline gewonnen werden.

Die Schröder-Seite im Netz:

www.gerhard-schroeder.de

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