Zeitung Heute : 1+1 = 1

Sie hat eine Kaffeekanne – er auch. Sie hat eine Katze – er einen Vogel. Sie und er wollen zusammenziehen. Kann das gut gehn?

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Von Stefanie Flamm Und Mia Fenger Wenn zwei zum ersten Mal einen gemeinsamen Mietvertrag unterschreiben, ist das ein bisschen wie heiraten. Man verspricht sich zwar keine ewige Treue, und auch nicht, dass man in guten und in schlechten Zeiten zusammenbleiben wird, bis dass der Tod einen erlöst. Aber man lässt sich, bewusst oder nicht, darauf ein, für eine gewisse Zeit Tisch und Bett zu teilen. Und damit fangen die Probleme schon an: Wessen Tisch wird die nächsten Jahre eigentlich geteilt, wessen Bett? Und was passiert mit der zweiten Waschmaschine?

Zwei Menschen, die zum ersten Mal einen gemeinsamen Mietvertrag unterschreiben, kommen heute ja nicht mehr mit Mamas Aussteuerpaket aus dem Nichts. Sie haben auch vorher schon irgendwo gewohnt, und sie haben dabei allerlei Besitz angehäuft. Menschen um die 30 haben meistens ein Bett, oft sogar ein Sofa, sie besitzen ein paar Lampen, einen Küchentisch, der häufig noch von der Urgroßmutter stammt und in vielen Fällen als Schreibtisch dient, mehrere Fernseher, eine Musikanlage, unendlich viele Stühle. Und wenn sie zusammen ziehen, haben sie das logischerweise alles doppelt. Was tun? Alles wegschmeißen oder erstmal alles behalten? Beide Varianten sind denkbar. Und beide sind schwierig.

Vertreterinnen der Tabula-Rasa-Theorie (Männer hängen erfahrungsgemäß zu sehr an den Dingen, als dass sie ohne Androhung von Gewalt solche Maßnahmen treffen würden) lassen vor dem Umzug eiskalt den Sperrmüll kommen. Endlich weg mit dem alten Schrott! Aber wenn die orange gewandeten Männer die letzte Kommode aus der kleinen Wohnung Richtung Möbelschredder getragen haben, stehen die vermeintlich radikalen, auf Katharsis hoffenden Tabula-Rasa-Frauen heulend, kurzatmig und zweifelnd vor dem Nichts.

Messie-Typen hingegen lassen den ganzen Klumpatsch mit ins neue Quartier schleppen und fangen erst dort das Diskutieren an. Deine Glotze oder meine? Dein Sofa oder beide? Meine Lampen oder gar keine Lampen? Dein Bett oder für den Anfang nur eine Matratze auf dem Boden? Die Faustregel könnte sein: Spätestens, wenn neutrale Umzugshelfer sich weigern, einen Gegenstand zu transportieren, sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ob man ihn wirklich noch haben will. Doch leider entwickeln die meisten Messie-Typen gerade in solchen Entscheidungssituationen einen merkwürdigen, fast hysterischen Starrsinn, und es scheint ihnen dann, als hinge das Glück an den gesammelten „Spiegel“-Ausgaben 1995-2004. Der größte und stärkste Umzugshelfer gibt zu bedenken, dass es „die eigentlich auch auf CD“ gibt. Aber der Sammler bleibt hart und befiehlt das Weitertragen. Auf diese Weise werden dann auch durchgesessene Sofas, klapprige Schränke, Kakteensammlungen und verkeimte Wasserkocher („den hat mir meine Ex-Freundin geschenkt“) dorthin geschleppt, wo sie niemand mehr braucht.

Vernunft hat mit Wohnen offenbar nichts zu tun. Denn es wäre im Streitfall natürlich das Vernünftigste, man würde sich – vor oder eben nach dem Umzug – auf das schönste Sofa, das beste Bett und den neuesten Fernseher einigen und die Waschmaschine nehmen, auf der noch Garantie ist. Aber so einfach ist es eben nicht. Zum einen sind die Waschmaschinen von Menschen um die 30 fast so alt wie deren Besitzer und haben nur in den seltensten Fällen Garantie. Zum anderen muss man sich erst einmal darauf einigen, was genau schön ist und was gut. Der riesige Farbfernseher, den er von seinem ersten Geld erstanden hat? Oder das 50er-Jahre-Sofa, das sie der Erbtante abgeschwatzt hat, damit ihre Cousinen es nicht bekommen? Die Lautsprecher-Boxen, die er mit 20 günstig bei einem Highend-Freak in Ulm erstanden und dann unter Lebensgefahr in einer alten Ente über die spiegelglatte Autobahn nach München chauffiert hat?

Braucht man so etwas? Natürlich nicht. Man braucht auch keine in einer Nacht- und Nebelaktion und mit jugendlichem Überschwang abmontierten Baustellenblinklampen und keine mülltütenblau lackierten Kleiderschränke. Sein Herz an Dinge zu hängen, ist irgendwie nicht richtig. Man weiß das. Aber Menschen, die ihr Menschsein nun einmal als Jäger und Sammler begonnen haben, trennen sich schneller von ihren Single-Marotten als von einem objektiv unansehnlichen Möbel, mit dem sie irgendetwas verbinden.

Man kann in einer Woche tatsächlich lernen, eine Zahnpastatube ordentlich zuzudrehen, man kann sich in zwei Wochen abgewöhnen, Messer, Gabel und Löffel in eine Besteckschublade zu werfen, man kann aufhören, die Wohnung als Großraumbüro zu betrachten und überall sein Papier zu verstreuen. Ja, es soll Frauen geben, die aus Liebe angefangen haben, Müll zu trennen, und Männer, die irgendwann darüber lachen konnten, dass in der ganzen Wohnung die Schuhe der Freundin herumfliegen.

Zwei, die heute einen gemeinsamen Mietvertrag unterschreiben, können schon vieles, was ihre Eltern nie mehr lernen werden: Sie können sich auch in der gemeinsamen Wohnung in Ruhe lassen. Sie haben sich Zeit gelassen mit dem Zusammenziehen und wissen damit auch um die Vorteile getrennter Wohnungen. Sie haben meistens genug Platz und mit dem gemeinsamen Alltag viel weniger Probleme, als sie am Anfang befürchtet hatten. Die Beziehungs-Sollbruchstelle hat deshalb auch keine emotionalen, sondern – und das ist streng genommen noch peinlicher als eine Baustellenblinklampen-Kollektion – überwiegend ästhetische Gründe.

Das passt natürlich gut in das Bild, das sich die über 50-Jährigen von den um die 30-Jährigen machen: oberflächlich, konsumversessen, eitel und gesellschaftlich vollkommen desinteressiert sollen sie sein. Aber dieser These wird hier nicht das Wort geredet. Niemand, der mit 30 einen Mietvertrag unterzeichnet, träumt von einem Leben im Manufactum-Katalog. Man träumt von Leere, Schlichtheit, Großzügigkeit, von Freiheit. Man will ja etwas Neues anfangen, weshalb das gemeinsame Nest ein möglichst leeres Nest sein soll, ein Nest, in dem höchstens Spuren charmanter Improvisation zu erahnen sind. Ein Nest, in dem es keinen Stauraum gibt, weil man nichts mehr zu verstauen haben will. Wenn es dann richtig schön und damit richtig leer ist, kommen auf einmal die Möbel – und es sieht meistens wieder genauso aus wie vorher. Mit dem Unterschied, dass man vorher in den eigenen Kompromissen gelebt hatte und sich jetzt auch noch mit ein paar fremden Erinnerungsmöbeln arrangieren muss. Und nichts wirkt in der neuen Wohnung so hässlich wie die Dinge, an denen fremde Emotionen hängen. Ein verblichenes, grünes Cordsofa wird in der neuen, eigentlich perfekten Wohnung schnell zum Charakter- und Beziehungstest.

„Das Ding muss aus der Wohnung, sonst ziehe ich wieder aus.“ – „Das ist doch nicht nur deine Wohnung.“ – „Es ist aber auch meine Wohnung.“ – „Und es ist mein Sofa.“ – „Dann stell es auch in dein Zimmer.“

Dein Zimmer, mein Zimmer? Richtig, die typische Drei-Zimmer-Wohnung der 30-Jährigen besteht nicht aus Wohnzimmer, Schlafzimmer und Arbeitszimmer, sondern aus Männerzimmer, Frauenzimmer und Schlafzimmer. Wenn überhaupt gewohnt wird, dann in der funktionalen Küche mit dem Großküchen-Herd und dem Schlachter-Messerblock. Es sind Küchen, die meistens neu gekauft wurden und definitiv keine mit Konfitüre beschmierten Baby-Händchen an ihren schwarzen Hochglanzfronten dulden. Bei Küchen einigt es sich am schnellsten, da darf es gern was Dauerhaftes sein, zur Not auch aus dem IKEA-Katalog.

Ansonsten ist Zusammenziehen fortgeschrittene Diplomatie. Die ersten Wochen geht es nur ums Verhandeln und damit letztlich um Stärke: Es ist nicht unbedingt der Klügere, der nachgibt, sondern derjenige, der wegen andauernder Streitereien mit Vermietern, Nachmietern und Hausmeistern über deutlich weniger Kraft und Durchhaltevermögen verfügt als üblich. Am Ende ist es oft der Mann, der nachgibt – wie in „Harry und Sally“. Ein Paar diskutiert in dem Film um einen Couchtisch, der hauptsächlich aus einem Wagenrad besteht. Es kommt zum Streit, der beinahe zum Ehekrach anschwillt, bis er schließlich den furchtbaren Tisch aus dem Haus trägt und sagt: „Ich will kein Wort mehr hören.“ Denn die Erfahrung lehrt: Stehen die Sachen erst einmal, werden sie auch stehen bleiben, und zwar als selbst für Außenstehende sichtbares Mahnmal für den schmerzhaften Kompromiss.

Auch das versiffte, grünliche Cordsofa hat seinen Platz gefunden. Am Anfang hat sie immer peinlich darauf geachtet, dass die Tür zu diesem Zimmer geschlossen war, wenn Besuch kam. Dann hat sie zur Tarnung Papierstapel darauf verteilt und Zeitungen, und nachdem er sich nie darüber beschwert hat, hat sie es in die „Zweite Hand“ gesetzt: „Ein Sofa für Ford-Granada-Fans, zu verschenken“. Leider hat sich niemand gemeldet.

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