Zeitung Heute : 110 Prozent Einsatz

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Jürgen Reus ist 70-Stunden-Wochen gewohnt. Er ist Stationsarzt im Brandverletztenzentrum des Unfallklinikums Marzahn. Einer der engsten Mitarbeiter von Chefarzt Bernd Hartmann, dessen Team seit zehn Tagen um das Leben von drei Opfern des Terroranschlages auf Djerba kämpft. Noch immer sind die beiden Frauen, 22 und 39 Jahre alt, und der 40-jährige Ehemann der Älteren nicht über den Berg. „Die momentane Situation ist für uns wie eine Prüfung. Wir laufen alle auf 110 Prozent“, sagt Reus.

110 Prozent bei 32 bis 38 Grad Raumtemperatur und besonders hoher Luftfeuchtigkeit, damit die Patienten durch ihre riesige Wunde nicht zu viel Flüssigkeit verlieren. Sechs Chirurgen, sieben Anästhesisten, eine Psychotherapeutin und 32 Pflegekräfte arbeiten in der Station für Schwerbrandverletzte. 46 Mediziner für eine Abteilung mit zwölf Betten, die selten alle belegt sind. Trotzdem weiß Reus sogar von 80-Stunden-Wochen zu berichten. Er koordiniert das Personal bei den täglichen Operationen. Seit Djerba gibt es in Marzahn zwei OP-Teams, bestehend jeweils aus einem Hauptoperateur, zwei Assistenzärzten, einer OP-Schwester am Tisch und einem so genannten Springer, der Utensilien wie Messer, Verbände und Tücher reicht. „Oft verbrauchen wir solche Unmengen von Material, dass wir zwei Springer einsetzen müssen: Wir füllen bei einer solchen OP mindestens zehn Säcke Sondermüll – und dieses Material muss auch herangeschafft werden.“ Zurzeit operiert Reus jeden Tag zwei Mal vier Stunden lang. Früher hätten die Eingriffe über sechs Stunden gedauert, aber die Logistik sei besser geworden, sagt er.

Der 34-Jährige spricht über seine Arbeit einerseits wie ein Handwerker und sagt andererseits Sätze wie: „Ich erinnere mich an viele Patienten namentlich und kenne ihre Geschichte. Ich kann mich mit dem identifizieren, was sie erleben.“

Was Patienten nach dem Erwachen aus der – oft wochenlangen – Bewusstlosigkeit erleben, können sie oft nur mit psychologischer Betreuung verarbeiten. Aber Reus hat beobachtet, „dass die Angst vor den tiefen Narben bei den Leuten größer ist, die diese Narben nicht haben. Die Betroffenen bauen dagegen in der Regel ein großes Selbstvertrauen auf und kommen wunderbar zurecht.“

Der „Spiegel“ hatte einmal eine Reportage aus dem Brandverletztenzentrum veröffentlicht und „Normale Leute brennen nicht“ darüber geschrieben. Die Überschrift bezog sich darauf, dass in Marzahn oft Selbstmordkandidaten landen oder Menschen, die betrunken mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen sind. Doch ob jemand mit seinem Leben zurecht kommt oder nicht, darf im Brandverletztenzentrum natürlich nicht zählen. „Der Gedanke, ob man jemanden aufgeben soll, verbietet sich. Wenn ein Patient keine Prognose hat, also nicht überleben kann, überlasse ich das trotzdem ihm und gebe alles. Wir haben auch schon scheinbar hoffnungslose Fälle retten können“, sagt Reus, der Arzt. Der Mensch Reus fügt hinzu: „Es ist schon etwas anderes, ob ein Patient nach einem Suizidversuch oder wegen eines Terroranschlages zu uns kommt.“ Aber Motivationsprobleme habe er grundsätzlich nicht, versichert Reus. Im OP könne er jeden Zweifel hinter sich lassen.

Ob er diese Arbeit bis zur Rente durchhält, weiß er nicht. Er spürt, dass seine Kondition unter der körperlichen Belastung leidet. Die seelische wenigstens könne er nach Feierabend in der Klinik lassen, sagt er.

Die große öffentliche Anteilnahme am Schicksal der drei Explosionsopfer ist auch für ihn neu. Doch dass es um Leben und Tod geht, ist Dauerzustand in der Klinik. „Gewöhnung“ will er es nicht nennen. Wenn die Patienten aus ihrem künstlichen Schlaf aufwachen, wird die Psychotherapeutin gefragt sein. Reus und seine Kollegen freuen sich auf diesen Tag. „Das erste Lächeln – das ist unser Feedback.“ Die Patienten würden schon bald nach dem Aufwachen lächeln, sagt der Arzt. „Alle lächeln bald nach dem Aufwachen.“

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