Zeitung Heute : 1344 neue Akw sollen das Klima retten

Studie für die G-8-Staaten: Gegen die Umweltkatastrophe hilft nur eine Revolution der Energiepolitik

Stephan-Andreas Casdorff Kevin Hoffmann

Berlin - Um die Klimakatastrophe abzuwenden, müsste die Weltgemeinschaft knapp 29 Billionen Euro investieren. Diese Summe entspricht in etwa dem, was Deutschlands gesamte Volkswirtschaft in knapp zwölf Jahren erwirtschaftet. Mit dem Geld sollten 1344 Kernkraftwerke gebaut und die Windkraft massiv ausgebaut werden. Damit ließe sich der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) bis 2050 auf die Hälfte des heutigen Niveaus reduzieren. Das geht aus einer Studie hervor, die die Internationale Energieagentur (IEA) im Auftrag der sieben führenden Industrieländer und Russlands (G 8) erstellt hat.

Bei der Vorstellung des 643-Seiten-Papiers am Freitag in Tokio rief die IEA zu einer globalen technischen „Revolution“ auf, die den Weg zur Abkehr fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle aufzeigt. Nötig sei ein massiver Einsatz erneuerbarer Energiequellen, Atomkraft und der Speicherung von CO2. „Das ist nötig und erreichbar“, sagte IEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka. „Wir sollten jetzt handeln.“ Sollten die Regierungen in aller Welt so weitermachen wie bisher, würde der Ausstoß des Gases bis 2050 um 130 Prozent zunehmen, die Nachfrage von Öl um 70 Prozent. Dies entspräche der heutigen Ölförderung Saudi-Arabiens, rechnete Tanaka vor.

Der Weltklimarat hatte 2007 ermittelt, dass nur eine Kappung der Treibhausgase um 50 Prozent bis 2050 einen deutlichen globalen Temperaturanstieg und damit verheerende Umweltschäden verhindern könne. 44 Prozent aller Emissionen entfallen dabei auf die Stromproduktion.

Damit der Energiesektor also künftig möglichst wenig oder gar kein CO2 mehr ausstößt, fordert die IEA auch, dass jedes Jahr 35 Kohle- und 20 Gaskraftwerke mit der CCS-Technologie ausgerüstet werden. Bei diesem Verfahren wird Kohlendioxid ausgeschieden und unterirdisch gelagert. Die Technik ist erst in der Erprobungsphase. Zudem müssten jährlich 17 500 große Windräder, 215 Millionen Quadratmeter Solarpaneele und 32 neue Atomkraftwerke gebaut werden.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) lehnte Forderungen der IEA nach dem Neubau Hunderter Atomkraftwerke ab. „Das ist ein energiepolitischer Amoklauf. Unverantwortlicher kann man kaum mit diesem Thema umgehen“, sagte der Minister dem Tagesspiegel. Wer derartigen Unsinn fordere, der dürfe sich über die Nuklearfantasien im Iran und in Nordkorea nicht wundern, sagte Gabriel. „Wir würden die Fähigkeit zum Bau von Atombomben schneller verbreiten, als wir es uns in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges jemals hätten vorstellen können. Denn so viel Uran gibt es gar nicht mehr, so dass die Alternative eine weltweite Plutoniumwirtschaft wäre“, sagte Gabriel weiter.

Die große Koalition setzte ebenfalls am Freitag nach monatelanger heftiger Diskussion den ersten Teil ihres Klimaschutzpaketes durch. Der Bundestag verabschiedete insgesamt vier Gesetze, mit deren Hilfe Deutschland den Ausstoß klimaschädlicher Gase bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 reduzieren will. „Das ist gewaltiger Schritt nach vorne“, sagte Gabriel im Parlament.

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