Zeitung Heute : 15 der besten Monate meines Lebens

500 Kilometer jenseits des nördlichen Polarkreises liegt die Folkehøgskole. Hier können Zivis aus Deutschland ihren Dienst leisten – und der kann für ihr Leben eine interessante Bereicherung sein

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Von Tim Dassler Wieder klingelt das Telefon. Ich hätte hier niemals jemandem meine Handynummer geben sollen! Dauernd rufen Schüler an: Ob es heute Mittagessen gibt und wann? Wo das Mittagessen doch jeden Tag zur gleichen Zeit stattfindet und noch nie ausgefallen ist. Ob ich die Mädels noch mal schnell zum nächsten Supermarkt fahren könnte? Einige Mädels haben angeblich plötzlich und ganz unverhofft ihre Regel bekommen. Die letzten drei Gruppen übrigens auch, und wenn ich noch die letzten Tage dazu zähle, haben fast alle Mädels an der Schule – und einige Jungs – ihre Regel gleichzeitig. Momentan bin ich in Nordnorwegen an einer Schule, die es in dieser Form in Deutschland nicht gibt. Ich leiste hier meinen Zivildienst oder wie es im korrekten Deutsch heißt: „anderen Dienst im Ausland“.

Die AbiKlausuren waren im vollen Gange und ich hatte Lust, irgendetwas anderes nach dem Abi zu machen. Ausland wäre nicht schlecht, dachte ich. Auf keinen Fall zum Bund, ich dachte, dass das Zeitverschwendung wäre, obwohl ich schon gerne Lkw fahren gelernt hätte. Ich wusste, dass es die Möglichkeit gab, seinen Zivi im Ausland zu machen, nur nicht, an wen ich mich wenden musste. Von Bekannten bekam ich dann den entscheidenden Tipp: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (www.asf-ev.de)

Sühnezeichen, Wiedergutmachung, sich schuldig fühlen, Verantwortung übernehmen für etwas, das schon mehr als 60 Jahre zurück liegt, und für das man mir nun wirklich keine Verantwortung geben kann? Ein wenig missfiel mir der Gedanke schon. Jedoch gab es hier die Möglichkeit, einen anderen Dienst im Ausland zu machen, der als Zivildienst anerkannt wurde. Außerdem dachte ich mir, dass ich das mit dem Zweiten Weltkrieg als Hintergrund in Kauf nehmen könnte, denn schließlich hat man ja selbst die Chance, im Ausland zu zeigen, dass sich Deutschland verändert hat und dass sich die meisten deutschen Jugendlichen nicht von denen in anderen Ländern unterscheiden.

Dann wurde ich zum Auswahlseminar nach Berlin eingeladen, wo ungefähr 25 Mitbewerber waren, für die es etwa 18 freie Zivi-Stellen gab. Man präsentierte uns Projekte in Norwegen, Weißrussland, USA und noch einige andere in Ländern, in denen Deutschland während des Zweiten Weltkrieges Schreckliches angerichtet hatte. Doch ich war schon erstaunt, dass die meisten Projekte auf den ersten Blick relativ wenig mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatten. Es waren Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Einrichtungen für geistig und körperlich eingeschränkte Menschen und kirchliche Projekte.

Fast ein dreiviertel Jahr später kam ich dann, rund 500 Kilometer jenseits des nördlichen Polarkreises, auf der Soltun Folkehøgskole an – und ich wurde überaus freundlich an der Schule aufgenommen. Eine Eigenschaft der Menschen hier weiß ich bis heute sehr zu schätzen: Man macht es sich gegenseitig nicht unnötig schwer. Die meisten hier oben sehen die Dinge etwas gelassener und so hatte ich auch in meiner gesamten Zeit auf Soltun alle Freiheiten, die ich nur haben wollte.

Außerdem war da auch noch mein Mitfreiwilliger: In den Schulen werden von ASF e.V. immer zwei Freiwillige untergebracht. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die 15 Monate hier mit zu den definitiv besten in meinem bisherigen Leben zählen.

Die Folkehøgskole ist eine Internatsschule, an der es keine Prüfungen gibt. Sie ist aus einer skandinavischen Kulturtradition heraus entstanden, in der Gleichwertigkeit und Demokratie zentrale Werte sind. Die Folkehøgskole bietet viele nicht-traditionelle und praktische Fächer an. Die meisten Studierenden sind zwischen 18 und 25 Jahre alt und besuchen die Schule ein Jahr lang. An der Folkehøgskole wird besonderes Gewicht auf persönliche Erfahrung, Erlebnis und Dialog gelegt. Als Student soll man sich sowohl fachlich als auch sozial und persönlich weiterentwickeln können. In dieser ganzheitlich-pädagogischen Sicht liegt die Stärke der Folkehøgskole. Ziel ist es, zu motivieren, zu inspirieren und Raum zu geben für persönliches Engagement (www.folkehogskole.no).

Meine Aufgabe war es, jene Schüler zu betreuen, die Hilfe im Alltag brauchten, was sich hauptsächlich auf das Wecken am Morgen reduzierte. Folkehøgskolen sind zumeist auch Integrationsschulen für behinderte oder schwache Menschen. Ansonsten waren mein Mitfreiwilliger und ich dafür verantwortlich, das Freizeitangebot für die Schüler zu gestalten. Zusätzlich boten wir verschiedene Kurse, wie Theater, Tanz, Tennis und Fitness an. Wir machten Workshops, fuhren auf Festivals und organisierten diese, wanderten auf Berge, fuhren Ski und hatten jede Menge Spaß zusammen mit Schülern und Lehrern. Es war nicht immer leicht, vor allem während der „Dunkelzeit“, in der die Sonne in Nordnorwegen für fast drei Monate nicht mehr zu sehen ist.

Jetzt ist das Schuljahr zu Ende und die Schüler sind alle wieder zu Hause. Selten habe ich an einem Ort so viel Wärme und Menschlichkeit erlebt, wie hier. Nach diesem Schuljahr brenne ich mehr als jemals zuvor darauf, Lehrer zu werden. Jedoch werde ich noch ein Jahr lang praktische Erfahrungen in Mexiko, Australien, Neuseeland und Asien sammeln, bevor ich studiere. Lust auf ein Studium hätte ich jetzt schon, aber ich habe ja Zeit und der persönliche Gewinn beim Reisen und Arbeiten mit Menschen ist für mich unendlich wichtiger als ein abgeschlossenes Studium.

Wenn ihr euch für Zivi oder Soziales Jahr im Ausland interessiert, dann schreibt mir einfach ’ne Mail an: timdassler@gmx.net

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