Zeitung Heute : 17. JUNI 1953: Die Unfähigkeit zu erinnern

HERMANN RUDOLPH

Zur Erinnerung: Das war der Tag, an dem 1953 die Arbeiter in der DDR gegen das System aufstanden. Seither, bald vier Jahrzehnte lang, ist er in der Bundesrepublik gefeiert worden. Ziemlich genau so lange haben sich die Deutschen auch mit diesem Tag schwer getan. Und hat sich das etwa geändert, seit er zu Gunsten des 3.Oktobers abgeschafft wurde? Nun ist er, hüben und drüben, zur Erinnerung freigegeben: ein Tag zum Gedenken, aber keiner denkt daran. Zumal den Westdeutschen zu den Ostdeutschen im Moment - hält man sich an den Innenminister und die Präsidentin des Verfassungsgerichts - ohnedies nur einfällt, daß es ihnen an Demokratie-Bewußtsein fehlt.

Dabei war der 17. Juni 1953 das erste jener großen Ereignisse, die den Ostblock erschütterten - vor Ungarn 1956, vor Prag 1968, vor der polnischen Solidarnosz-Bewegung in den siebziger Jahren. Man muß freilich einräumen, daß er deren Rang im Bewußtsein ihrer Gesellschaften nie gewonnen hat. In der DDR wurde die Erinnerung an ihn, natürlich, unterdrückt. Aber man kann auch nicht sagen, daß sie in der Gesellschaft wirklich lebendig geblieben wäre - mit Ausnahme vielleicht, paradoxerweise, der SED, für die er die große, nie ganz überwundene Schrecksekunde blieb. Im Westen dagegen wurde er zwischen den bemühten Feierlichkeiten zum "Tag der Einheit" und der zunehmenden Fremdheit gegenüber dieser Einheit und den anderen Deutschen zum Allerwelts-Feiertag deformiert.

Aber weshalb ist es nach 1990 nicht gelungen, diesen Tag als einen Eckstein für das gemeinsame Deutschland und seine demokratische Kultur wiederzugewinnen - sozusagen als eine deutsche Lesart des Bastille-Sturms der Franzosen? Gut, der Aufstand war nicht erfolgreich, und Niederlagen feiern sich schlecht. Aber so einfach kann man sich die Erklärung nicht machen. Denn dem Blick auf dieses Datum stellen sich vor allem die unterschiedlichen Geschichten in den Weg, die die Deutschen in Ost und West seither erlebt haben und denen sie noch längst nicht entwachsen sind. Das ist es ja auch, was aus der Unempfindlichkeit spricht, mit der die West- über die Ostdeutschen urteilen - und, gewiß doch, auch die Ost- über die Westdeutschen -; der Generalverdacht des Demokratie-Mangels gegenüber den Ostdeutschen ist nur ein besonders eklatanter Teil davon.

Aber haben denn die Deutschen eine solche Rückgewinnung dieses Tages aus - westlicher - Ritualisierung und - östlicher - Verfemung nach 1990 überhaupt ernstlich in Angriff genommen? Keine Rede davon. Sie haben gar nicht wahrgenommen, daß hier eine Aufgabe für sie liegt. Vermutlich hatten sie Wichtigeres zu tun. Doch die Bewahrung und Aktivierung eines solches Ereignisses für das kollektive Bewußtsein ist wichtig, erst recht in einem Land, dem es an vergleichbaren Daten so fühlbar mangelt! An diesem 17. Juni 1953 haben die Deutschen den aufrechten Gang probiert, der in ihrer Geschichte so selten versucht wurde. Der Tag ist mithin ein Beweis für ein Deutschland, das es auch gibt: ein Deutschland, das nicht mitläuft, das sich nicht nach der Decke streckt, das Zivilicourage zeigt und auf Freiheit und Mitwirkung pocht. Zumindest insofern steht der 17. Juni 1953 in der Fluchtlinie des Herbstes 1989 - wie vielfach gewunden die Wege in der Nachkriegszeit im Osten wie im Westen auch verlaufen sind. Die Unfähigkeit zu trauern hieß das Wort, das einmal über den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit des Dritten Reichs gesetzt wurd. Wird die Unfähigkeit zu erinnern nun zum Stempel auf dem Verhältnis des vereinten Deutschlands zu seiner Vergangenheit?

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