Zeitung Heute : 18. Februar 1993 – 7. März 2002

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Simon

Es gab nicht viele Fragen. Aber Tränen. Tränen gab es viele. Und es wird auch noch viele geben.

Um 17 Uhr, hieß es am gestrigen Mittwochnachmittag, soll die Redaktion der „Woche“ zu einer Versammlung in den Konferenzraum kommen. „Wegen der Wichtigkeit“, stand in der Einladung, werde „um zahlreiche Teilnahme“ gebeten. Dort waren dann Verleger Thomas Ganske, Herausgeber Manfred Bissinger und Kurt Breme, der Geschäftsführer der Hamburger Wochenzeitung. Ganske ergriff das Wort. Er teilte mit, dass die „Woche“ eingestellt wird. Die Verluste seien zu hoch, der Umsatz sinke seit 1997, die Auflage (offiziell 135 827 Ex.) stagniere, kurzum: Es gebe keine Rettung mehr für die „Woche“. Die Versammlung dauerte keine halbe Stunde. Eine der wenigen Fragen der Versammelten war, ob es möglich sei, den Titel zu übernehmen. Darauf soll Ganske geantwortet haben: Wenn Sie zwei Millionen im Monat zu verlieren haben, können Sie das tun.

Niemand aus der Redaktion hatte damit gerechnet. Selbst die Pessimisten glaubten nicht an eine Einstellung zum jetzigen Zeitpunkt. Nicht vor den Wahlen im September. Dem Vernehmen nach soll selbst Herausgeber Manfred Bissinger, der Gründer, ehemalige Geschäftsführer und langjährige Chefredakteur, erst am Vormittag von der Einstellung erfahren haben. Er teilte es der kommissarischen Chefredakteurin, Sabine Rosenbladt, mit. Den Vertrag als Chefredakteurin hatte sie noch nicht. Dem Tagesspiegel bestätigte sie: Die Gespräche darüber hätten heute stattfinden sollen.

Eigentlich wollte die Redaktion am gestrigen Mittwoch den Relaunch der Zeitung feiern. Seit vergangener Woche erschien sie mit neuem Layout und neuer Blattstruktur. Noch vor wenigen Tagen war die Stimmung zuversichtlich, sagt Rosenbladt. Alle gingen davon aus, dass mit der Essener WAZ- Gruppe ein Partner gefunden sei, der das Überleben der „Woche“ sichert. Was war passiert? „Die WAZ hatte keinerlei verlegerisches Interesse“, sagte Rosenbladt.

Schriftlich teilte Ganske mit, zuletzt habe es auf der Grundlage eines Briefes des WAZ- Geschäftsführers Erich Schumann Kooperationsgespräche gegeben: „Diese sollten dazu dienen, die Leserschaft der Ruhrgebietszeitung ,WAZ’ zu verjüngen und der ,Woche’ zu einer Auflagensteigerung und damit zu einem besseren Anzeigengeschäft zu verhelfen.“ Die Gespräche seien „vergangenen Freitag“ beendet worden. Und zwar mit Schumanns Eingeständnis: „Wir trauen uns das nicht zu“. Tatsächlich gab es noch vergangenen Donnerstag ein Treffen zwischen Ganske sowie den WAZ-Geschäftsführern Lutz Glandt und Bodo Hombach. Da herrschte noch Optimismus. Doch das Verhältnis zwischen Ganske und Schumann war kühl, sagt ein Beobachter. Ganske habe sich über den Tisch gezogen gefühlt. Schumann wollte die defizitäre „Woche“ nicht. Und wenn, dann nur zusammen mit Ganskes Jahreszeiten-Verlag („Für Sie“, „Petra“, „Feinschmecker“). Für Ganske war das kein Thema: Dem Vernehmen nach soll er den Verlag nicht verkaufen können, so lange seine Mutter lebt.

Die Vermutung liegt nah, dass die Absage an die „Woche“ WAZ-intern als Ohrfeige für den neuen Geschäftsführer und Ex-SPD-Politiker Hombach anzusehen ist. Aber was zählt das angesichts der Einstellung einer Zeitung, „deren Redaktion seit Anbeginn mit Einstellungs- und Verkaufsgerüchten zu leben hatte und trotzdem immer hervorragende Arbeit geleistet hat“, sagte am Mittwoch Ex-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges, der Ende 2001 gekündigt hat.

Ganske entwickelte die Bereitschaft, die Mehrheit an der „Woche“ abzugeben, wohl zu spät. Jetzt war sie nicht mehr zu retten. Der Spiegel-Verlag war vor Jahren interessiert. Bauer wollte sich einmal beteiligen, Burda war Gesellschafter. „Es ist ungeheuerlich, dass es für so eine Zeitung keinen Verlag gibt“, sagt Sabine Rosenbladt. Wie es für die Mitarbeiter weitergeht, weiß niemand. Von Sozialplan und Übernahmeangeboten in die Ganske-Gruppe ist die Rede. Für Journalisten ist der Markt zurzeit dünn gesät.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar