Zeitung Heute : 1852

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Seit Jahren ist der Ton zwischen den beiden Abgeordneten gereizt, nun droht der Konflikt zu eskalieren: Der konservative Otto von Bismarck und der liberale Georg Freiherr von Vincke streiten sich im Preußischen Landtag im März 1852 über den Wehretat, dabei greifen sie sich auch persönlich an. Bismarck solle bitte endlich „neue Witze erfinden“, ruft Vincke. Zu diesem Zeitpunkt ist Bismarck 46 Jahre alt und einfacher Parlamentarier sowie preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt, es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis er erstmals zum Ministerpräsidenten von Preußen ernannt wird. Zwei Tage nach der Landtagssitzung zweifelt Vincke die diplomatischen Leistungen Bismarcks an und plaudert öffentlich über eine Begebenheit, die seinem Kontrahenten höchst unangenehm ist: Bismarck war vom österreichischen Präsidialgesandten wenig stilvoll im Sitzen und mit brennender Zigarre empfangen worden. Er hatte sich dazugesetzt und um Feuer gebeten – was wiederum als Affront seinerseits galt. Dass Georg von Vincke diese Geschichte erzählt, verärgert Bismarck. Er wirft ihm schlechte Erziehung vor. Das kann Vincke nicht auf sich sitzen lassen. Wer zu dieser Zeit als Adliger, Offizier oder Student in seiner Ehre verletzt wird, verlangt eine Entschuldigung – oder fordert zum Duell. Vincke entscheidet sich für Letzteres. Bismarcks Sekundanten gelingt es, die Zahl der maximalen Schüsse von ursprünglich vier auf einen einzigen herunterzuhandeln. Seiner Frau, im vierten Monat schwanger, verrät Bismarck nichts. Am 25. März um acht Uhr morgens treffen sich die Duellanten auf einer Wiese in Berlin-Tegel. 15 Schritte voneinander entfernt stehen sie sich gegenüber: hier Bismarck, über 1,90 Meter groß und muskulös, dort der übergewichtige Vincke. Nach einem kurzen stillen Gebet Bismarcks feuern beide. Die Kugeln zischen vorbei, keiner wird getroffen. Ohne Zorn habe er geschossen, schreibt Bismarck später. Offiziell ist der Streit zwischen den beiden nach dem Duell beigelegt. Im Landtag bleiben sie trotzdem Gegner.

OTTO VON

BISMARCK VS. GEORG VON VINCKE

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