Zeitung Heute : 1968 – JUGENDREVOLTE UND GLOBALER PROTEST

_ von ERNST PIPER

_ von ERNST PIPER

1968 war Norbert Frei noch ein Kind, und das ist gut so. Während Götz Aly zusehends zum Franz Schönhuber („Ich war dabei“) der 68er-Bewegung mutiert, besinnt sich Frei bei seiner Arbeit auf die Tugenden des Historikers. Die Jahreszahl 68 verwendet er in Anführungszeichen. „68“ ist für ihn eine Chiffre, „ein Assoziationsraum gesellschaftlicher Zuschreibungen und auktorialer Selbstdeutungen, eine beispiellos florierende Begegnungsstätte, in der die Aussagen der Akteure und die Entgegnungen ihrer Kritiker, die Wahrnehmungen der Zeitgenossen und die Beobachtungen der Nachgeborenen aufeinandertreffen.“ Frei sind die historiografischen Tücken des Objekts bewusst, die nicht zuletzt in der medialen Omnipräsenz der Zeitzeugen liegen. Die Richtigkeit seines Befundes, dass das deutsche „68“ überkommentiert und zugleich untererforscht ist, ist evident. Sein Buch erweist sich in dieser Situation als gutes Antidot.

Der Autor entzieht sich der deutschen Neigung zur Nabelschau und nähert sich dem „rebellischen Jahrzehnt“ mit einer internationalen Perspektive. Seine Darstellung ist in vier Hauptteile gegliedert. Der erste widmet sich den USA, dem Mutterland der Demokratie, das die wichtigsten Vorläufer und Vordenker der weltweiten Protestbewegung hervorgebracht hat. Es folgt die Bundesrepublik, sodann der „Protest im Westen“, der in Japan, Italien, den Niederlanden und Großbritannien analysiert wird und zuletzt die „Bewegung im Osten“, nachgezeichnet anhand der Geschehnisse in der CSSR, Polen und der DDR.

Diese globale Perspektive erweist sich als fruchtbar. In all diesen entwickelten Industriegesellschaften war in jenen Jahren die Suche nach neuen Lebensformen ein Thema, die über die plakative Formel von „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“ weit hinausging. Das Streben nach Emanzipation und Partizipation hat alle diese Gesellschaften dauerhaft verändert. In dem Maße, wie weiterführende Bildung nicht mehr nur die Sache einer kleinen Elite war, wurde auch die Reformbedürftigkeit der Hochschulen ein Thema. Studenten, überdurchschnittlich gebildet, artikulationsstark und zumeist noch ohne familiäre Bindungen, waren die Hauptträger der Rebellion, wobei es, ausgeprägt etwa in Italien, immer wieder auch zu Verbindungen mit der Arbeiterbewegung kam. Auffallend ist, dass die Protestbewegungen in den ehemaligen Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan tiefer gingen, länger dauerten und gewaltsamer waren als in Großbritannien, den Niederlanden oder Skandinavien. Das autoritäre Erbe erwies sich als schwere Hypothek. Die bundesdeutsche Gesellschaft der frühen Nachkriegsjahre, eine „kalte Gesellschaft“ im Sinne von Claude Lévi-Strauss, war der Versuch, in einem konsumorientierten, erinnerungslosen Hier und Jetzt historische Evolution einzufrieren. Umso eruptiver artikulierte sich dann der angestaute Modernisierungsbedarf.

In den faschistischen Diktaturen Westeuropas, in Portugal, Spanien und Griechenland, wie in den kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa musste es den Protestbewegungen, wo sie vorhanden waren, darum gehen, erst einmal elementare Freiheitsrechte durchzusetzen. Und in den Ländern der sogenannten Dritten Welt standen Aspekte der sozialen und ökonomischen Benachteiligung im Vordergrund. In diesem Kontext ist es bedauerlich, dass Frei das wichtige mexikanische Beispiel völlig ausblendet. Am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, hatten Studenten in Mexiko-Stadt eine große Demonstration organisiert, deren Abschlusskundgebung auf dem Platz der Drei Kulturen in einem von Paramilitärs gezielt provozierten Blutbad endete, bei dem – je nach Schätzung – zwischen 200 und 1000 Menschen ums Leben kamen.

Das Jahr 1968 liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen der Konstituierung der Nachkriegsordnung 1948/49 und der Auflösung der Ost-West-Konfrontation 1989/90. Es markiert gewissermaßen die Wasserscheide der Nachkriegsgeschichte. Die Protestbewegungen, die damals kulminierten, hatten höchst unterschiedliche Erscheinungsformen, von der selbstgenügsamen Besinnung auf „Gebrauchswerte“ in amerikanischen Landkommunen über psychedelisch inspirierte Flower-Power-Hippies, die ostentativ jeder Bürgerlichkeit spottenden Provos in den Niederlanden bis hin zu den bemerkenswert militanten Zengakuren in Japan.

Deutschland nimmt in Norbert Freis Buch einen privilegierten Platz ein. Ein Drittel seines knappen Überblicks widmet er dem eigenen Land. Dabei geht es im Besonderen um die Prägung der deutschen Protestbewegung durch die NS-Vergangenheit, die Frage nach der totalitären Qualität der Bewegung und die nach den dauerhaften Resultaten der damaligen Protestanstrengungen.

Nach den Jahren der Verdrängung näherte sich die bundesdeutsche Gesellschaft schrittweise einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. Der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess und die Gründung der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen 1958, der 1963 beginnende Auschwitzprozess und die Verjährungsdebatte 1965 sind hier wichtige Wegmarken, aber auch im Negativen die Gründung der NPD 1964. Im Umfeld dieser Ereignisse bildete sich die Generationenkonstellation heraus, die dann in den Konflikten zwischen „Establishment“ und „antiautoritärer Bewegung“ ihren Niederschlag fand. Die Vätergeneration war in Deutschland nicht nur durch das Kriegsgeschehen nachhaltig dezimiert worden. Es waren, soweit sie noch lebten, Väter, die – militärisch und moralisch – eine ganz besonders katastrophale Niederlage erlitten hatten. Nirgends waren die Väter so kompromittiert wie in Deutschland. Das prägte in jenen Jahren den Diskurs. Wenn die 68er-Bewegung einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Nazizeit geleistet hat, so ist er nicht in historischen Forschungserträgen zu suchen, sondern in der Etablierung einer neuen Kultur des kritischen Hinterfragens, einer Offenheit der Auseinandersetzung, zu deren Nebenwirkungen die zeitweilige Ubiquität eines zunehmend beliebigen Faschismusvorwurfs gegen alles und jeden gehörte.

„68“ steht für eine in vielem fruchtbare Infragestellung von Staat und Gesellschaft, nicht aber dafür, auf alle Fragen auch die richtigen Antworten gefunden zu haben. Die Bewegung zerfiel relativ bald in ganz unterschiedliche, zum Teil heftig miteinander rivalisierende Gruppen und Grüppchen. Manche wollten den bewaffneten Kampf der militanten Befreiungsbewegungen in die Metropolen tragen. Ihr revolutionärer Wahn hinterließ eine breite Schneise der Verwüstung in der deutschen Gesellschaft, aber Norbert Frei betont mit Recht: „,68’ war mehr als die unter purer Gewalt begrabene utopische Aspiration. Und es war mehr als eine Geschichte von Aufstieg und Fall studentischer Macht. Schon ein kurzer Blick auf die Jahre danach lässt daran keinen Zweifel.“ Die Stichworte Strafrechtsreform, Frauenbewegung, Umweltschutzbewegung, sexuelle Selbstbestimmung, neue soziale Bewegungen, Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten mögen an dieser Stelle genügen. Dies alles wirkt bis heute fort und wird es noch lange tun.

DTV, München 2008. 288 Seiten, 15 €.

Norbert Frei, geboren 1955, lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Jena.

Er hat sich vor allem

um die Erforschung des

Nationalsozialismus

verdient gemacht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar